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Fernsehen 2.0

"Tatort" & Co im Visier der Twitterer

23.06.2010
Immer wieder sonntags schnappt der "tv-terrier" zu. Im Kurznachrichtendienst Twitter bewertet er dann den aktuellen "Tatort".

Da wird einer Folge schon mal eine "schlampige Regie" oder eine "nicht wirklich glaubwürdige" Geschichte bescheinigt. Der "tv-terrier" muss sich kurz fassen, für eine Wortmeldung stehen nur 140 Zeichen zur Verfügung. So wie der "tv-terrier" sind inzwischen hunderte, wenn nicht sogar tausende Fernsehzuschauer im Internet via Twitter "live" dabei, Minikritiken zu Filmen zu verfassen.

Die "Tatort"-Homepage der ARD ist bislang noch Twitter-freie Zone...
Die "Tatort"-Homepage der ARD ist bislang noch Twitter-freie Zone...

Besonders viele Kommentare gibt es regelmäßig zum ARD-Klassiker "Tatort" - in Twitter gekennzeichnet mit dem sogenannten Hashtag #Tatort. Aber auch alle möglichen anderen Sendungen werden bewertet, gelobt oder verrissen. Die Qualität der Kommentare schwankt von der sachlichen Kritik bis zum kurzen Verriss, vom Witzchen bis zur Häme. Die Autorin und Journalistin Else Buschheuer (44) bescheinigt der Twitterkritik "erbarmungslos, aber nicht ganz schlecht" zu sein. "Da werden Schnittfehler vermeldet, unglaubwürdige Plots und schlechte Schauspieler ausgewiesen."

Buschheuer muss es wissen: Auch der Film "Masserberg", der nach ihrem Roman entstand, war kürzlich Gegenstand dutzender Tweets. "Es hat mich unheimlich gefreut, dass die Twitterer so stark an der 'Masserberg'-Verfilmung teilnehmen", sagt sie. "Einige haben sogar in ihren Blogs Rezensionen geschrieben. Einige haben erst über den Film zum Buch gefunden - das ist natürlich die größte Hoffnung des Autors." Buschheuer verbringt nach eigener Auskunft täglich eine Stunde mit Twittern und bezeichnet sich selbst als "leidenschaftlich pro-Internet".

Der "tv-terrier" ist dagegen kein Internetfreak. Hinter dem Spitznamen verbirgt sich Rolf Müller (56), der selbst Drehbuchautor und damit "vom Fach" ist. Er verspricht eine "Fernsehkritik mit Biss" und hat in Twitter ein Medium gefunden, in dem er kontinuierlich deutsche Erstaufführungen besprechen kann. "Ich richte mein Augenmerk auf die Dramaturgie und das Drehbuch", sagt Müller. In herkömmlichen Kritiken komme das meist zu kurz. Mehr als 500 "Follower" lesen mit, was der "tv-terrier" in Twitter so schreibt.

Else Buschheuers "Gezwitscher" verfolgen sogar mehr als 5400 Mitleser. Wie wirkungsvoll die Minikritiken bei Twitter sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Buschheuer sagt, sie sei "fest überzeugt", dass man sich anhand der Tweets eine Meinung zu einem Film bilden kann. "tv-Terrier" Müller glaubt dagegen, dass Twitter eine ausführliche, herkömmliche Betrachtung eines Filmkunstwerks nicht ersetzen kann. "Viele Leute schreiben doch aus dem Bauch heraus und vollkommen unreflektiert", sagt Müller.

Ob die Autoren, Regisseure und Schauspieler die Einträge der Twitterer wahrnehmen, ist ebenfalls ungewiss. "Vermutlich auf Umwegen", sagt Buschheuer. "Twitterstatements sind ja noch nicht Teil von Pressespiegeln und werden meines Wissens auch nicht via Google Alert gemeldet. Aber sie sprechen sich blitzartig unter Twitterern rum, sie werden gefavt und retweetet und replied." Es gebe einen nicht zu unterschätzenden Dominoeffekt. "Jeder viel gelesene Twitterer sollte sich der Verantwortung bewusst sein."

Beim Mitteldeutschen Rundfunk MDR, der den Leipziger "Tatort" mit Simone Thomalla und Martin Wuttke verantwortet und bei dem auch Else Buschheuer arbeitet, heißt es, die Kritiken würden nicht offiziell ausgewertet. Somit könnte den Senderchefs auch entgangen sein, was ein Twitterer zum jüngsten Tatort aus der Messestadt "Heimwärts" zu sagen hatte: "Mist #Tatort verpasst! Müsste ins Hotelzimmer, aber Biergarten ist netter. Suche also #Tatort, lese und weiß: Ich verpasse nichts! Danke!" (dpa/tc)