T-Mobile und HTC zeigen Google-Handy

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Mit dem "HTC Dream/G1" werden die Karten im Mobilfunk-Business neu gemischt: Das Gerät läuft als erstes Mobiltelefon mit dem Google-Betriebssystem Android.

Der Geist ist aus der Flasche: T-Mobile und HTC haben in den USA mit dem HTC Dream das erste Android-Handy vorgestellt. Für die einen ist es nur eine flotte Alternative zum iPhone, für andere markiert das Gerät dagegen einen Meilenstein, der die Mobilfunkindustrie in ihren Grundfesten erschüttern könnte.

Mit dem Markteinstieg von Google und seinen Partnern könnte, so meinen zahlreiche Beobachter, Nokias Dominanz im Markt für Smartphones gefährdet werden. Die Finnen produzieren - über den Daumen gepeilt - jedes zweite Internet-fähige Handy.

Egal, wie man das neue HTC-Handy nun bewertet, seine Vorstellung bedeutet eine Zäsur im Smartphone-Markt: Nachdem erst im letzten Jahr Apple mit dem iPhone für frischen Wind gesorgt hatte, werden jetzt die Karten noch einmal neu gemischt, denn die Zahl der ernst zu nehmenden Handy-Plattformen steigt auf fünf: Symbian (primär Nokia), Blackberry (RIM), Windows Mobile (Microsoft plus diverse Handy-Lieferanten), iPhone (Apple) und als jüngster Spross Android (Google-Betriebssystem).

Das Android-Handy HTC Dream/G1 im Detail

Mit dem HTC Dream haben T-Mobile und die taiwanische Handy-Schmiede HTC das erste Mobiltelefon mit dem Handy-Betriebssystem Android von Google vorgestellt. Nach dem Eindruck erster Produktpräsentationen muss sich das Telefon in technischer Hinsicht nicht vor der Konkurrenz verstecken, und Design ist bekanntermaßen Geschmackssache. Die Bedienoberfläche des Geräts erinnert stark an Apples iPhone: Auch beim Google-Handy navigiert der Benutzer mit dem Finger durch die Menüs. In Sachen Applikationen und Handling kann der Handy-Newcomer mit den Konkurrenten mithalten: Dreht der Benutzer etwa das Gerät, dann stellt der Browser dank der eingebauten Neigungssensoren automatisch auf das Querformat um. Fast von selbst versteht sich, dass Tools wie Google Maps inklusive GPS zur Grundausstattung gehören. Produktdemonstrationen zeigen auffällig, wie flott und flüssig das Handy bei der Bedienung per Finger im Vergleich zu Windows-Mobile-Smartphones reagiert. Die angedeutete Kritik am Design lässt sich teilweise darauf zurückführen, dass das Dream ein kleines Dickerchen ist. Das erste Android-Handy wurde nämlich als Slider konzipiert, das über eine aufschiebbare Tastatur verfügt, so dass sein Benutzer nicht wie beim iPhone auf die Bildschirmtastatur beschränkt ist. Preislich orientiert sich T-Mobile USA am iPhone mit Mobilfunkvertrag.

Open-Source-Modell

Im Gegensatz zu Apples iPhone, das bei seinem Erscheinen vor allem durch Features wie etwa die reine Bedienung per Touchscreen punkten konnte, stehen beim HTC Dream weniger die Produkteigenschaften im Vordergrund. Sicher, das HTC Dream fällt auch technisch nicht hinter seine Konkurrenten zurück (siehe Kasten "Das Android-Handy HTC Dream/G1 im Detail"), das Revolutionäre ist aber das Geschäftsmodell, das hinter dem Betriebssystem Android steckt: der Einzug des Open-Source-Prinzips im Handy-Markt. Statt beispielsweise rund fünf Dollar pro Gerät - diesen Preis lassen Branchenkenner in Diskussionsrunden öfter fallen - für eine Windows-Mobile-Lizenz zu bezahlen, kann der Handy-Bauer oder Mobilfunkanbieter das Google-Betriebssystem Android kostenlos verwenden. Dabei ist Android als eine Betriebssystem-Plattform konzipiert, die wie ein Baukasten funktioniert und die wesentlichen Grundfunktionen bereitstellt. Hinter diesem Baukasten steht mit der Open Handset Alliance ein Industriekonsortium aus über 30 namhaften Playern. So sind neben Google unter anderem Intel, Qualcomm, Broadcom, Sirf, Nvidia, HTC, Motorola oder Samsung mit im Boot, und auf Carrier-Seite mischen Schwergewichte wie China Mobile Communication, NTT Docomo, T-Mobile oder Telefonica mit.

Das offene, auf einem Linux-Kernel basierende Betriebssystem hat für Provider und Hersteller einen besonderen Reiz: Die Plattform wird nach den Bestimmungen der Apache v2 License lizenziert. Hierbei handelt es sich um eine besonders kommerzfreundliche Art der Open-Source-Lizenzierung. Die Teilnehmer können alle Vorteile einer offenen Plattform, also etwa das Betriebssystem Android, nutzen, müssen aber Eigenentwicklungen oder etwaige Verbesserungen nicht wie bei anderen Lizenzierungsmodellen als offenen Code an die Entwicklergemeinde zurückgeben.

Für Hersteller und Provider bleibt also genügend Freiraum, um sich mit Eigenentwicklungen von ihren Wettbewerbern zu differenzieren. So könnte beispielsweise ein deutscher Anbieter auf die zur Verfügung stehende Applikation Google Maps verzichten und stattdessen die Handy-Navigation von Das Örtliche, einem Joint Venture der DeTeMedien, auf seinem Handy nutzen. Scheut er diesen Entwicklungsaufwand, so kann er nicht nur auf die Plattform-Bauteile des Android-Baukastens zurückgreifen, sondern auch auf eine Vielzahl von Drittentwicklern.

Google hat im Gegensatz zu Apple mit dem iPhone den Fehler vermieden, freie Entwickler unnötig zu gängeln. So ist das Software Development Kit (SDK) kostenlos erhältlich, und der potenzielle Entwickler bleibt Herr über seine Anwendungen und muss sich nicht wie bei Apple dem Diktat eines Appstore unterwerfen. Zwar plant Google mit dem Android Market eine ähnliche Download-Plattform für Handy-Programme wie Apple - allerdings soll es bei Google im Gegensatz zum Appstore keine Kontrolle geben, ob die Anwendungen dem Plattformbetreiber genehm sind. Um die Entwicklung von Anwendungen für seine mobile Plattform zu fördern, rief Google die Android Developer Challenge ins Leben. Für die besten zehn Android-Anwendungen lobte der Suchmaschinenprimus jeweils ein Preisgeld in Höhe von 275 000 Dollar aus. Als "Trostpreis" gab es für weitere zehn prämierte Programme jeweils 100 000 Dollar. Das Echo auf den Wettbewerb kann sich sehen lassen: Es wurden fast 1800 Applikationen eingereicht.

Ein häufig wiederkehrendes Element der eingereichten Android-Programme sind Location Based Services (LBS) unter Mitwirkung von Google Maps. So entwickelten beispielsweise die beiden Münchner Konrad Hübner und Henning Böger mit Cab4me eine Anwendung, die es dem Benutzer ermöglicht, an jedem beliebigen Ort per Klick ein Taxi zu bestellen. Dabei muss der User weder seinen aktuellen Standort noch die Nummer der Taxizentrale kennen oder klar sprechen können. Ebenfalls auf standortbezogenen Diensten sowie Datenbankfunktionen setzt die Anwendung Compare Everywhere auf. Hier scannt der User per Handy-Kamera den Barcode eines Produkts. Anschließend zeigt ihm die Anwendung nahe gelegene Geschäfte, in denen die Ware ebenfalls zu erhalten ist und zu welchem Preis.

Handy als Werbeplattform

Diese und andere Anwendungen verdeutlichen auch das Interesse von Google an Android: Google will sein Geschäft mit kontextbezogener Werbung auf mobile Plattformen übertragen. Das geht nur, wenn auch hier das Nutzerverhalten aufgezeichnet und Daten gesammelt werden. Offen ist, inwieweit sich mit Android-Handys im Unternehmensumfeld Geld verdienen lässt. Zu Punkten wie VPN-Support, Sicherheit der Daten auf dem Endgerät und möglicher Unterstützung von Push-Mail-Diensten war bislang wenig bis gar nichts zu lesen und zu hören.

Die Marktforscher von Strategy Analytics glauben an einen erfolgreichen Start des Handys in den USA und rechnen für das vierte Quartal bereits mit einem Android-Anteil von vier Prozent bei den Smartphones. Insgesamt kalkulieren sie mit 10,5 Millionen verkauften Smartphones. Davon sollen rund 400 000 mit dem Android OS ausgeliefert werden.