Supply-Chain-Manager kämpft an allen Fronten

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Der Supply-Chain-Manager ist für das erfolgreiche Zusammenspiel aller Beteiligten an der Supply Chain verantwortlich und berichtet direkt an die Geschäftsführung. Das Tätigkeitsprofil scheint klar - nur bekannt ist es nicht.

Kundenorientierung und E-Business-Strategien gehören momentan zu den heiß diskutierten Themen. Ohne unterbrechungsfreie Supply Chain kann E-Business aber nicht funktionieren. Neben der Einführung entsprechender Softwarelösungen muss ein Unternehmen seine Organisationsstruktur und seine internen Abläufe hinterfragen und gegebenenfalls ändern. Es muss ferner dafür sorgen, dass die Beteiligten offen miteinander kommunizieren. Initiiert und vorangetrieben werden sollen diese komplexen Aufgaben von dem Supply-Chain-Manager. Hier beginnt das Dilemma.

In der Tat scheint es so, dass der SC-Manager, bislang jedenfalls, erst in wenigen Unternehmen zu finden ist. Dies bestätigt auch Professor Horst Wildemann, Inhaber des Lehrstuhls Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Logistik an der TU München: "Weder ist das Berufsbild des Supply-Chain-Managers klar definiert, noch ist er bislang in vielen Unternehmen vertreten." Seiner Meinung nach wird sich daran auch künftig nicht viel ändern.

Der wichtigste Bereich sei die Auftragsabwicklung, und derjenige, der diesen Prozess plane und steuere, werde eine ganz wichtige Funktion innehaben und in der Hierarchie möglicherweise höher angesiedelt sein als der Logistik- oder Einkaufsleiter. Wildemann: "In den meisten Fällen wird Supply Chain zunächst einmal von einem Einzelnen initiiert. Zu bewältigen ist eine solche Aufgabe indes nur von einem großen Team von Mitarbeitern - und zwar auf allen Unternehmensebenen."

Während sich die Unternehmen für temporäre beziehungsweise wandelbare Produktionsnetze gerne einen externen SC-Manager ins Haus holen würden, käme er bei stabilen Produktionsnetzwerken in der Regel aus den eigenen Reihen. Für den operativen Bereich benötige der SC-Manager neben einer Logistikausbildung auch fundiertes IT-Wissen sowie Sozialkompetenz. Der Münchner SC-Berater weist indes auf ein ganz anderes Problem hin: "Der SC-Manager kann noch so kompetent sein. Entscheidend ist, dass das unternehmensübergreifende Supply-Chain-Management von der Topetage massiv unterstützt wird."

Frank Loydl, Managing Director Supply Chain Practice Europe, Middle East and Africa bei EDS in Rüsselsheim, sieht die Bedeutung des SC-Managers in den Unternehmen etwas anders. Seiner Meinung nach kommt diesem Job eine absolute Schlüsselfunktion zu - und das würden immer mehr Firmen erkennen: "Supply Chain muss eine zentrale Stelle nicht nur koordinieren, sondern vorantreiben und ständig kontrollieren. Das ist nicht nur eine komplexe Aufgabe, sondern eine große Herausforderung für den SC-Manager."

Der EDS-Berater warnt davor, für diese Position einen Techniker zu benennen. Bei der Lösung der eigentlichen Aufgabe, nämlich Integration und Prozessverständnis, könnten weder HTLM- noch XML-Kenntnisse weiterhelfen. Loydl: "Der SC-Manager sitzt oftmals auf einem heißer Stuhl. Um zu überleben, sind profunde Logistik-, IT-Kenntnisse sowie Sozialkompetenz erforderlich." Zu den Aufgaben des SC-Managers gehöre es beispielsweise, zu prüfen, ob alle betroffenen Zulieferer und Dienstleister über ausreichende Kapazitäten verfügen und ob die eigene Produktion entsprechende Planungsänderungen vornehmen kann. Bei Unstimmigkeiten müsse er gemeinsam mit seinen Kollegen aus anderen Bereichen entscheiden, ob es sinnvolle Alternativen gibt.

Der Rüsselsheimer Experte: "Um sich in einer nach wie vor stark funktionsorientierten Organisation durchzusetzen, muss der SC-Mann nicht nur kompetent sein, sondern auch einen breiten Rücken haben." Wenn er sich nicht in Logistik und Disposition auskenne, würde er von den Kollegen regelrecht auseinander genommen. Schließlich würden an den Besprechungen Fachleute teilnehmen, die seit 30 Jahren nichts anderes machen und die sich ihre Produktion nicht durch neue Ideen "lahm legen lassen wollen".

Wer genau wissen will, wie die Aufgaben und die Qualifikation eines SC-Managers aussehen, kann sich an die Marktanalysten der Meta Group wenden. Meta-Berater Jörg Knebusch: "Diese Position erfordert ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit einem Diplom in Betriebswirtschaft oder Wirtschaftsinformatik. Darüber hinaus sollten SC-Manager mindestens sieben Jahre Erfahrung in mehreren Unternehmensbereich aufweisen können. Umsatz- und Personalverantwortung, Kundenkontakte und vor allem Prozess-Know-how durch beispielsweise bereichsübergreifende Projekte sind ebenfalls entscheidende Voraussetzungen.

"In den meisten Fällen sei die Position eines Prozess-Managers dem oberen Führungskreis zugeordnet. Der SC-Manager berichte direkt an die Geschäftsführung oder sei einem Prozessdirektor unterstellt. Die Entlohnung wiederum hänge von der Unternehmensgröße ab und könne in Großunternehmen bei mindestens 200 000 Mark mit einem variablen Anteil von 20 bis 30 Prozent liegen.

Nicht Theorie, sondern Praxis hat dagegen BMW zu bieten. Bei dem Münchner Autobauer gibt es in den Fachressorts Vertrieb, Logistik und Produktion jeweils einen Supply-Chain-Manager, der für den reibungslosen Ablauf sorgen soll. Rainer Feurer, bei BMW zuständig für Fahrzeugprozesse im Bereich der Prozessoptimierung: "Um das zu erreichen, müssen die drei Manager eng zusammenarbeiten." Darüber hinaus sind bei dem Konzern noch so genannte Projektverbesserer - zumeist Strategieentwickler und Prozessoptimierer - im Einsatz.

Ihre Aufgabe ist es, sich permanent den Kopf darüber zu zerbrechen, wie das Supply-Chain-Management optimiert und vorangetrieben werden kann. Geleitet wird das Projekt „Kundenorientierter Vertriebs- und Produktionsprozess" von einem Management-Team, in dem sowohl die Linienverantwortlichen als auch die Projektverbesserer und Projektleiter vertreten sind. Resümiert Feurer: "Wenn die Verantwortung für das Supply-Chain-Management nicht in der Hand einer einzelnen Person liegt, sind naturgemäß weniger Widerstände zu erwarten."

Dieser Vorteil wurde auch bei der Babcock Borsig AG in Oberhausen erkannt. Auch hier werden die beiden großen operativen Bereiche Energietechnik und Schiffsbau von jeweils einem SC-Manager geleitet. Eine der beiden Positionen ist momentan vakant - der neue Mann wird dringend gesucht. Die Anforderungen, die an den künftigen SC-Manager gestellt werden, umfassen sieben Funktionen: Beschaffungsplanung und Bündelung, Intragroup Supplies und Services, Supply-Management-Prozesse, Benchmarking und Controlling, Global Purchasing Offices und Offset, E-Business sowie Transport und Logistik.

Vor allem erwartet das Unternehmen von dem künftigen SC-Manager, dessen Position direkt unter dem Vorstand angesiedelt ist, dass er neue Technologien umsetzen kann. Schließlich müsse das Supply-Chain-Management E-Business-fähig gemacht werden. Gisbert Rühl, IT-Vorstand bei Babcock Borsig: "Der SC-Manager hat einen schwierigen Spagat zu vollziehen. Einerseits muss er durchsetzungsfähig sein, andererseits integrieren können." Den SC-Manager aus den eigenen Reihen zu rekrutieren hält Rühl für schwierig, da sowohl Know-how als auch Strategien übergreifend zu bündeln sind: "Ideal wäre ein Kandidat aus einem Unternehmen, das bereits ein integriertes Supply-Chain-Management aufgebaut hat. Leider gibt es davon noch nicht allzu viele."

Neben den dort gemachten Erfahrungen muss der potenzielle SC-Manager im Bereich Beschaffung und Einkauf fit sein und über soziale Kompetenzen verfügen. IT-Vorstand Rühl weiß: "Jemanden zu finden, der all diese Anforderungen erfüllt, wird ganz sicher nicht leicht." Während der SC-Manager bei Automobilkonzernen und großen Fertigungsunternehmen schon längst seinen Platz eingenommen hat, können die meisten Firmen mit dem Begriff bislang wenig anfangen. Weder ist die Position häufig in Jobbörsen zu finden, noch berichten Personalberater über größere Anfragen.

Bei Hochschulabsolventen stößt der Begriff ebenfalls auf wenig Interesse. Diese Erfahrung machten zumindest die Berater im Hochschulteam des Arbeitsamts Heidelberg. Sie boten im Internet eine Informationsveranstaltung zum Supply-Chain-Manager an und beschrieben das Berufsbild folgendermaßen: "Aufgabe des Supply-Chain-Managers ist die Koordination aller Geschäftsabläufe vom Lieferanten zum Endkunden.

Er sorgt dafür, dass gemeinsam mit allen Beteiligten eine optimale Lösung für die einzelnen Schritte der so genannten Lieferkette erarbeitet wird. Dafür braucht er neben fachlichen Kenntnissen im Projekt-Management, Beschaffungswesen und DV-Einsatz vor allem Sozialkompetenz, Verhandlungsgeschick und die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu steuern." Arbeitsamtberater Hans-Joachim Böhler leicht resigniert: "Auf unser Angebot kam nicht eine einzige Reaktion. Weder die Unternehmen noch die Absolventen waren in irgendeiner Form interessiert."

Böhler vermutet, dass E-Business zwar in aller Munde sei, der Supply-Chain-Manager aber für viele noch ein Buch mit sieben Siegeln ist. Zu den Computerprofis, die dem Begriff wenig abgewinnen können, gehört Frank Bauer*. Er hat an der Fachhochschule Produktions- und Fertigungstechnik studiert und sieht sich gerade nach einem neuen Job um: "Bei meinem jetzigen Arbeitgeber bin ich für die Bestände und die Verkürzung der Logistikkette zuständig - also im Grunde ein SC-Manager.

Da Tätigkeiten dieser Art so einfach zu bewältigen sind, finde ich diesen Begriff viel zu hochtrabend." Bei seiner Jobsuche macht Bauer immer wieder die Erfahrung, dass es sich bei Supply Chain um nichts anderes als Produktionslogistik handelt. Der Fertigungsprofi: "Meines Erachtens haben wir es hier wieder mit einem neuen Modewort zu tun. Noch dazu ein Modewort, das den meisten Firmen noch nicht einmal bekannt ist." Ihm jedenfalls sei das Berufsbild bei seiner Jobsuche bislang nicht vorgekommen.

*Sein wirklicher Name ist der Redaktion bekannt

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München