Suns Open-Source-Lizenz ist eine Barriere gegen Linux

06.12.2004
Der Hersteller legt einen Entwurf vor, der sich nicht mit der General Public Licence (GPL) verträgt.

Der Open Source Initiative (OSI), zuständig für die Zulassung von Open-Source-Lizenzen, liegt von Sun der Entwurf einer "Common Development and Distribution Licence" (CDDL) vor. Die CDDL baut auf die "Mozilla Public Licence" (MPL), Version 1.1, aus dem Jahr 1998 auf. Sie gestattet es Entwicklern, Sourcecode einzusehen, zu verändern und weiterzuverbreiten. Modifikationen des Codes müssen als Open Source wieder unter der CDDL öffentlich gemacht werden. Doch der umfangreiche Lizenzvertrag birgt einen Haken, wenn es um die Vermengung von CDDL-geschütztem Code mit Programmteilen unter anderen Lizenzen geht.

Kein Problem besteht bei der Kombination mit Code, der unter dem Schutz der MPL oder davon abgeleiteten Lizenzformen steht. Es gibt jedoch eine Barriere zu Linux unter anderen Open-Source-Programmen, die unter der General Public Licence (GPL) verfügbar sind. "Die CDDL ist voraussichtlich nicht verträglich mit der GPL, denn sie enthält Anforderungen, die in der GPL nicht bestehen", schreibt Claire Giordano, ein Mitglied von Suns CDDL-Team, in einer Erläuterung zu dem Entwurf. "Daher ist es wahrscheinlich, dass Files, die unter der CDDL erschienen sind, nicht mit Files unter der GPL kombiniert werden können, um ein größeres Programm zu erstellen." Damit wäre beispielsweise ausgeschlossen, dass Linux von den Multiprozessor-Fähigkeiten von Solaris profitieren könnte.

Der OSI-Vorsitzende Eric Raymond lehnt momentan jede Stellungnahme zum CDDL-Entwurf ab. Allerdings hat sich der auf Urheberrecht spezialisierte Anwalt und OSI-Berater Larry Rosen skeptisch geäußert: "Am Ende stehen wir vor einem Haufen kleiner Softwareteile, die nicht kombiniert werden können. Es entstehen problematische Softwaregruppen, wenn jede Firma ihre eigene Umgebung hat." Auch der Anwalt Mitchell Baker, Autor der MPL, äußerte solche Bedenken.

Die Linux-Community zeigte sich in ersten Reaktionen von den zu GPL-Software aufgebauten Barrieren nicht begeistert. So wurde der Sun-Vorschlag unter anderem als "Einbahnstraßen-Lizenz" kritisiert. Sun integriere in Solaris GPL-lizenzierte Techniken wie die Benutzeroberfläche Gnome, verweigere gleichzeitig aber die Verwendung von CDDL-geschützten Lösungen in Open-Source-Projekten. Linux-Initiator Linus Torvalds nimmt es nicht so tragisch: "Das wahre Problem, vor dem Sun steht, sind nicht die Lizenzdetails, sondern der Aufbau einer hinreichend großen Community. Das Unternehmen wird es sehr schwer haben, eine echte Entwicklergemeinde zu gewinnen."

Der Sun-Vorschlag könnte eine Debatte über den Sinn zahlreicher unterschiedlicher Open-Source-Lizenzen auslösen. Die Schutzklauseln beschwören die Gefahr des "Forking", der Entstehung letztlich inkompatibler Entwicklungslinien, herauf. Erinnerungen an die Fraktionierung von Unix werden wach.

Es ist nicht auszuschließen, dass sich die geplante Freistellung des Sun-Betriebssystems Solaris 10 weiter verzögert. Sie war ursprünglich für Ende dieses Jahres geplant, wurde jedoch inzwischen von Sun auf den 17. Januar 2005 verschoben. Ein Firmensprecher wollte nicht einmal bestätigen, dass die CDDL für Solaris oder ein anderes Sun-Produkt vorgesehen sei. (ls)