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Studie zur Softwareindustrie in Deutschland

19.02.2001
Es gibt viel zu tun - fördern wir es: Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) haben drei Institute die Situation der deutschen Softwareindustrie durchleuchtet.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) haben drei Institute die Situation der deutschen Softwareindustrie durchleuchtet. Eines von vielen Ergebnissen der Studie lautet: In Unternehmen hierzulande wird die Bedeutung von Software und deren Entwicklung als Motor für Wachstum und Beschäftigung unterschätzt.

Die Ergebnisse der Untersuchung offenbaren in verschiedener Hinsicht dringenden Handlungsbedarf: Die wirtschaftliche Bedeutung der Softwarebranche muss gestärkt, Forschung und Aus- beziehungsweise Weiterbildung mehr gefördert, die Hochschulausbildung reformiert werden. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund einer dramatisch klaffenden Lücke zwischen großer Nachfrage nach Fachkräften und dem vergleichsweise geringen Angebot an geeigneten Studienabgängern. Die Autoren werten es als Alarmzeichen, dass zurzeit deutsche Schüler an einem Studium der Natur- und Ingenieurswissenschaften sowie der Informatik nur ein "ungenügendes Interesse" anmelden.

Im Einzelnen regen die Autoren die Förderung innovativer, softwareintensiver Produkte in den wichtigsten Sekundärbranchen an. Unternehmen dieser Industriesegmente könnten so ihre Marktanteile sichern und ausbauen. Die Forscher denken hierbei etwa an so genannte Embedded-Software, die also Teil von Produkten ist, oder an Produktionssteuerungs- und Logistikwerkzeuge. Die Verfasser der Studie wünschen sich ferner die Entwicklung eines Wertschöpfungsmodells, das der Bedeutung von Software in den Sekundärbranchen gerecht wird. Die primäre Softwareindustrie ließe sich zusätzlich stützen, indem sie Outsourcing-Trends in den Sekundärbranchen für ihre Zwecke nutzt. Insgesamt gelte es, das Bewusstsein der Unternehmen für die Potenziale und Erfordernisse der Softwaretechnik weiter auszubauen.

Autoren der Studie waren die GfK Marktforschung GmbH, das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) sowie das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI), die die 249 Seiten lange Untersuchung gemeinsam erarbeiteten.

WER WURDE UNTERSUCHT?

Die Forscher untersuchten zum einen die Softwareindustrie selbst (Primärbranche) und zum anderen Anwenderunternehmen mit eigener Softwareentwicklung (Sekundärbranche). Letztere entstammten den fünf Industriesegmenten Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugbau, Telekommunikation und Finanzdienstleistungen.

Zur Primärbranche zählen die Autoren alle Unternehmen, deren "wirtschaftlicher Tätigkeitsschwerpunkt in den Bereichen Datenverarbeitung und Datenbanken sowie bei der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten und -einrichtungen" liegt.

Im Rahmen einer telefonischen Befragung wurden insgesamt 920 Vertreter von 249 Unternehmen der Primärbranche und 671 Firmen der Sekundärbranche interviewt.

In Deutschland wird derzeit in rund 19.200 Unternehmen Software neu entwickelt oder zumindest angepasst. 10.550 Unternehmen stammen aus der Primärbranche, 8650 aus der Sekundärbranche. Insgesamt arbeiten rund 300.000 Beschäftigte in der Primär-, 2,5 Millionen in der Sekundärbranche. Während Erstere strukturell überwiegend durch kleine Unternehmen mit ein bis neun Mitarbeitern geprägt ist, findet Softwareentwicklung und -anpassung in Letzterer eher in mittleren und größeren Unternehmen statt.

Wir sind schon wer!

Um die Bedeutung der Softwarebranche in Deutschland ins rechte Licht zu rücken, verweisen die Autoren der Studie auf den Umstand, dass die Primär- und die untersuchten fünf Sekundärbranchen mit ihren Softwareaktivitäten rund 50 Milliarden Mark zur Bruttowertschöpfung der Bundesrepublik Deutschland beitragen. Das entspricht einem Anteil von 1,38 Prozent der Bruttowertschöpfung der gesamten deutschen Wirtschaft. Diese Wertschöpfung übertrifft die der Wirtschaftssektoren Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei zusammen (42,77 Milliarden Mark) - und das, obwohl Letztere eine starke Lobby in Berlin besitzen und intensive staatliche Förderung genießen, wie die Autoren betonen.

Außerdem, argumentieren die Forscher, erwirtschaften lediglich 19.200 Unternehmen diese 50 Milliarden Mark. Zum Vergleich: Das produzierende Gewerbe (890 Milliarden Mark) und Handel, Gastgewerbe und Verkehr (621 Milliarden Mark) leisten zwar insgesamt einen deutlich größeren Anteil zur Bruttowertschöpfung der deutschen Volkswirtschaft, verfügen aber auch über viel mehr Unternehmen (rund 390.000 beziehungsweise 807.000). Eine simple Rechnung zeigt allerdings auch, dass das Verhältnis von erwirtschafteter Bruttowertschöpfung zumindest des mit der Softwarebranche verglichenen produzierenden Gewerbes und der Anzahl der hierfür verantwortlichen Firmen in etwa gleich ist.

Arbeitsmarktprobleme und neue Berufsbilder

Wie in den meisten Studien zum deutschen IT-Markt wird auch in dieser das starke Defizit an qualifizierten Fachkräften beklagt. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung bis zum Mai 2000 hätten deutsche Unternehmen

28.000 Softwareentwickler sofort eingestellt, hätten sie diese denn bekommen. Bis Mitte dieses Jahres dürfte dieses Defizit auf rund 55.000 Softwareexperten anwachsen, heißt es in der Untersuchung.

Dieser negative Trend werde sich weiter fortsetzen, da der Personalbedarf bis zum Jahr 2005 stark ansteigen werde. Die Befragungsergebnisse ließen heute schon erkennen, dass innerhalb von vier Jahren der Personalbestand in der Primär- und der Sekundärbranche von 177.000 Mitarbeitern in der Softwareentwicklung auf rund 385.000 ansteigen werde. Das würde eine Zunahme von knapp 120 Prozent bedeuten. Allein die Primärbranche meldet einen Bedarf von 179.000 zusätzlichen Beschäftigten an.

Die Studie rechnet in diesem Zusammenhang mit der Fortdauer eines Trends, der in der IT-Branche seit kurzem mit einigem Interesse verfolgt wird: Unabhängig von der Größe der Unternehmen sei ein steigender Bedarf an Führungskräften mit Informatikausbildung zu verzeichnen. Das lasse sich an der zunehmend häufigeren Inthronisation von Chief Information Officers (CIO) in softwarelastigen Unternehmen ablesen. Auch in den Sekundärbranchen ziehe die wachsende Bedeutung von Software eine steigende Nachfrage an Mitarbeitern mit Führungsqualifikationen nach sich. Da Software zunehmend

wettbewerbsbestimmend ist, sind Fragen der Informationstechnik bis auf Vorstandsebene von zentraler Bedeutung für den Erfolg der Unternehmen, schreiben die Autoren.

Was macht eigentlich die Softwarebranche?

Das Kerngeschäft der Primärbranche liegt in der Entwicklung von Software, die als eigenständiges Produkt vermarktet wird. Betriebswirtschaftliche Software steht dabei an erster Stelle: 5000 Unternehmen erstellen eine breite Palette verschiedener Anwendungen. Sie reicht von der Auftragsabwicklung und Fakturierung - 59 Prozent und damit mehr als jedes zweite der 5000 Unternehmen bieten solche Lösungen an -, über Software für die Materialwirtschaft, das Lager- und Bestellwesen (48 Prozent), das Finanz- und Rechnungswesen (47 Prozent) bis zu Tools für Marketing und Vertrieb (33 Prozent).

Multimedia- und Internet-Software bieten 4200 Unternehmen an. 3000 Unternehmen konzentrieren sich auf die Entwicklung technischer Software. Die größte Anbietervielfalt herrscht hier in den Anwendungsgebieten technische Berechnungen (47 Prozent), Mathematik/Statistik/Simulationen (43 Prozent) sowie CAD-, CAM- und CAE-Systeme (36 Prozent).

Viele machen in Individualsoftware

Systemsoftware hingegen lassen sich lediglich 1500 Unternehmen der Primärbranche angelegen sein. Die meisten Firmen entwickeln Datenbank- und Datenverwaltungssysteme (67 Prozent) oder Netzwerkzeuge und Tools für die Rechnerkommunikation (59 Prozent). Anwendungen für die Systemadministration und das Rechenzentrums-Management (42 Prozent) sowie Betriebssysteme und -erweiterungen (40 Prozent) oder Softwareentwicklungs-Umgebungen (38 Prozent) werden hingegen weniger angeboten. Insbesondere Lösungen für die Dokumentenverwaltung oder das Wissens-Management bieten rund 3300 Unternehmen feil.

Der Schwerpunkt der Softwareentwicklung in Deutschland liegt eindeutig im Bereich der Individualsoftware. Insgesamt 7700 Unternehmen der Primärbranche und der fünf untersuchten Sekundärbranchen entwickeln Programme, die weniger als 100-mal pro Version installiert werden. Vor allem Unternehmen im Finanzdienstleistungsbereich spezialisieren sich auf die Entwicklung von Individualsoftware. Standardsoftware wird dagegen nahezu ausschließlich in der Primärbranche entwickelt. Aus dieser stammen allein 4050 der insgesamt 4300 Unternehmen, die Standardsoftware anbieten.

Die Zukunft der deutschen Softwareindustrie

Bei ihren Interviews haben die Rechercheure der Studie auch nachgefragt, in welche Richtung sich die Softwareentwicklung bei den Unternehmen der Primär- und Sekundärbranchen bewegen wird. Nicht überraschend konnten die Autoren feststellen, dass gegenwärtig das Thema Internet im Blickpunkt des Interesses steht. Dessen verstärkte Nutzung für die Geschäftsprozesse sehen die befragten Firmen als große Zukunftschance.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den E-Commerce-Geschäftsmodellen. Unternehmen denken vor allem darüber nach, wie sie die wachsende Konvergenz von Endgeräten und Übertragungstechniken ausnutzen können.

Vor allem der Brückenschlag von mobiler Kommunikation zum Internet, der Entwurf

vernetzter "intelligenter" Haushalte und die in Aussicht gestellte Verbesserung der Voice-over-IP-Technik, also der Sprachübertragung über das Internet, spielen weitere Schlüsselrollen. Für die interviewten Unternehmen besitzt auch das Thema Application-Service-Providing (ASP) hohe Priorität.

Für Dienstleistungsanbieter ergeben sich in Verbindung mit einer Verstärkung der Aktivitäten im Bereich E-Commerce auf der Business-to-Business-Ebene neue Geschäftsfelder, formulieren die Autoren. Als vordringliche Aufgaben sehen sie dabei, Lösungen anzubieten, mittels derer die Transaktionskosten für Logistik (E-Procurement) gesenkt, Kundenbeziehungen gepflegt (Customer-Relationship-Management = CRM) sowie Daten zuverlässiger gesichert und Fragen des Wissens-Managements in Unternehmen in den Vordergrund gestellt werden können.

Die Dominanz des Themas Internet in deutschen Unternehmen der Primär- und Sekundärbranchen hat Folgen für Altanwendungen, in der Branche als Legacy-Systeme bekannt. Sowohl als technische Grundlage für Dienstleistungen als auch als Entwicklungsplattform für Software bestimme das Internet den Trend. Von dem eigentlich dringend gebotenen Übergang von ihren zentralen, lebenswichtigen Softwaresystemen zu den neuen Plattformen seien viele Unternehmen aber überfordert. Die etwas überraschende Folge: Der Bestand an Legacy-Software nimmt zu.

Was die Autoren raten

Deutschen Unternehmen, die sich auf die Entwicklung von Software verlegen, geben die Autoren der Studie für die Zukunft verschiedene Ratschläge: Sie sollten sich strategisch auf die Unterstützung und Optimierung von Geschäftsprozessen, die "Veredelung" von Produkten sowie die Bereitstellung neuer Dienstleistungen konzentrieren. Software erbringt bei all diesen Anwendungen Querschnittsfunktionen, ohne die die Grundlage für den Geschäftserfolg fehlen würde.

Außerdem wird Software zunehmend zur treibenden Kraft für Produkt- und Dienstleistungsinnovationen. Bereits heute gibt es genügend Beispiele für Produkte, die ohne komplexe Software undenkbar wären. Dies bedeutet, dass sich die Bewertung von Software seitens der Entscheidungsträger in den Unternehmen grundlegend ändern muss. Software darf nicht mehr als reiner Kostenfaktor, sondern muss als Investition, Innovationstreiber und Umsatzerzeuger verstanden werden. Auf der anderen Seite generieren neue Softwaretechniken völlig neue Produkt- oder Dienstleistungsangebote wie zum Beispiel das elektronische Einkaufen von Büchern und Schallplatten im Internet.

Die Autoren der Studie folgern hieraus nachvollziehbar, dass diese Trends sich auf deutsche Unternehmen aus der Softwarebranche direkt auswirken: Sie können ihre Wettbewerbsfähigkeit nur bewahren, wenn sie Spitzentechnik zu bieten haben. Hierfür aber benötigen sie hochqualifiziertes Personal - das in Deutschland auf absehbare Zeit nicht im benötigten Ausmaß verfügbar sein wird.

Nur wenn die Bildungsinstitute und Firmen hierzulande genug qualifizierte Arbeitskräfte ausbilden können, lässt sich die Attraktivität des Standorts Deutschland für softwareintensive Branchen sichern, schreiben die Autoren.

Green Card forever

Kurzfristig könne dies einerseits nur durch gezielte Umschulungen auf den unteren Qualifikationsebenen und andererseits durch den Einsatz hoch qualifizierter Softwareexperten geschehen. Insofern sei die "Green-Card-Aktion" der Bundesregierung eine richtige Idee zur kurzfristigen Linderung des Defizits an sehr guten Arbeitskräften.

Neben diesen Ad-hoc-Maßnahmen schlagen die Autoren noch zwei weitere Schritte zur mittelfristigen Linderung des Fachkräftemangels vor: Es werde nicht nur jetzt mit der Green-Card-Lösung, sondern auf Dauer notwendig sein, exzellente ausländische Arbeitskräfte anzuwerben. Hierbei stehe nicht nur die Korrektur von Personaldefiziten, sondern auch das Innovationsklima im Vordergrund. Schlagwort: Verstärkte Internationalisierung des Softwarestandorts Deutschland.

Der zweite Vorschlag zielt auf eine Reform der Hochschulausbildung. Hierzu zählt, dass die Inhalte der Informatikstudiengänge aktualisiert und die Ressourcen der Informatikausbildung erhöht werden müssen. Informatikinhalte sollten auch in andere Studiengänge einfließen. Last, but not least sollten die Inhalte der universitären Informatikausbildung besser an die Bedürfnisse der sich verändernden Softwarewelt angepasst werden.

Vor allem hinsichtlich der sozialen Kompetenz von Berufseinsteigern meldeten die befragten Unternehmen Kritik an: Die Arbeit im Team erfordert einen ständigen Austausch von Informationen zwischen allen Gruppenmitgliedern. Die hierfür notwendige Kommunikationsfähigkeit müsse neuen Mitarbeitern aber oft erst mühsam beigebracht werden.

Die Firmen vermissen bei Studienabgängern außerdem unternehmerisches Denken. Dieser Mangel spielt vor allem in der Primärbranche eine überdurchschnittliche Rolle, da Software dort ein Kernprodukt und somit wertschöpfungsrelevant ist.

Die Arbeit an komplexen Softwareentwicklungs-Projekten erfordert zudem Mitarbeiter, die eine koordinierende und motivierende Funktion übernehmen. Den Entwicklern fehlen jedoch häufig Fähigkeiten zur Projektleitung und Mitarbeiterführung.

LINKS

Die komplette Studie "Analyse und Evaluation der Softwareentwicklung in Deutschland. Eine Studie für das Bundesministerium für Bildung und Forschung" kann aus dem Internet bezogen werden unter der URL www.dlr.de/IT/IV/Studien/evasoft_abschlussbericht.pdf . Zum Lesen wird der Acrobat Reader von Adobe benötigt.

Fragen zur Studie beantwortet Dr. Michael Friedewald unter der Telefonnummer 0721/6809146 oder an die E-Mail-Adresse fri@isi.fhg.de.