Stromversorger nimmt SAP ERP ans Netz

07.11.2007
Von Frank Schmidt 
Die Städtischen Werke Magdeburg wickeln die Stromliberalisierung mit dem R/3-Nachfolger ab.

Bisher hatten die Städtischen Werke Magdeburg (SWM) SAP R/3 4.6C und die Industrielösung für Ver-sorgungsunternehmen ("IS-U") verwendet. Mittlerweile arbeitet die Gesellschaft mit ERP 6.0. Neben der künftig unkomplizierteren Abbildung systemübergreifender Prozesse war die Möglichkeit, gesetzliche Anforderungen für die Stromsparte einfacher abzu-decken, ein wichtiges Entscheidungskriterium, warum sich die Verantwortlichen für SAP ERP 6.0 aussprachen. Der Aufwand für Unbundling-Projekte ("Entbündelung") reduziert sich deutlich, da hierzu im neuen ERP-System weniger Buchungskreise erforderlich sind. Mit SAP R/3 4.6 dagegen brauchte man drei Buchungskreise, um das Zwei-Vertrags-Modell abzubilden.

Städtische Werke Magdeburg

Die Städtische Werke Magdeburg GmbH (SWM Magdeburg) wurde 1993 gegründet. Das Unternehmen beschäftigt etwa 715 Mitarbeiter und 53 Auszubildende und ist als mehrheitlich kommunaler Betrieb einer der größten Arbeitgeber in der sächsisch-anhaltinischen Landeshauptstadt. Das Querverbundunternehmen bearbeitet die Geschäftsfelder Versorgung mit Strom, Gas, Wasser, Wärme und Entsorgung.

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warum das Versorgungsunternehmen Städtische Werke Magdeburg von R/3 4.6C auf ERP 6.0 umgestiegen ist;

welche neuen ERP-Funktionen helfen, die Prozesse effizienter zu gestalten;

dass die Antwortzeiten nach dem Umstieg zunächst länger wurden;

was Anwender bei der Dimensionierung der Hardware beachten sollten.

Unbundling ist die vom Gesetzgeber im Zuge der Liberalisierung der Energiemärkte eingeführte Pflicht, den Betrieb der Stromnetze von anderen Tätigkeitsfeldern der Energieversorger zu trennen und Daten so vorzuhalten, dass Vertrieb und Netzwirtschaft sie nicht gegenseitig einsehen dürfen (informatorisches Unbundling).

Erweiterungspakete

Die mit SAP ERP 6.0 zur Verfügung stehenden Service- und Enhancement Packages lieferten ein weiteres Argument für das Upgrade. So ist es wesentlich einfacher und kostengünstiger, die wachsenden Anforderungen der Bundesnetzagentur an die elektronische Kommunikation zwischen Lieferanten und Netzbetreiber auf Basis der Standardentwicklungen der Software schnell umzusetzen, als alte Release-Stände durch Eigenentwicklungen zu ertüchtigen.

Neben gesetzlichen Vorgaben gilt es auch, technische Anforderungen mit neuen Funktionen abzudecken. Auch hier ließen sich Merkmale des neuen ERP-Produkts verwenden. Business Process Exception Management (BPEM) beispielsweise bietet durch die Analyse von Anwendungsprotokollen speziell in IS-U-Systemen einen Überblick über ausgewählte Geschäftsprozesse wie Ablesung, Abrechnung, Fakturierung, Kundenservice und (Massen-) Jobs. Zudem fällt es Anwendern leichter, diese Aufgaben softwaregestützt zu erledigen. Diesbezüglich hat die IT-Abteilung die Prozesse in IS-U auf Grundlage der Auswertungen über BPEM analysiert und konnte Fehlerbehandlungsroutinen automatisiert erstellen. So ließen sich diese Abläufe kostengünstiger gestalten.

Für einen zeitigen Versionswechsel sprach die Möglichkeit, den Produktlebenszyklus von ERP 6.0 maximal auszunutzen. Als relativ kleines Unternehmen haben die SWM derzeit zwölf SAP-Systeme, Tendenz steigend. Mit einer vernünftigen Patch- und Release-Wechselstrategie lässt sich die Softwarelandschaft viel besser beherrschen. Nur so ist es möglich, mit zwei Administratoren neben den ERP-Installationen noch weitere Anwendungen zu betreuen. Zudem spart das Verwaltungskosten.

Release-Wechsel in sechs Wochen

Viele Argumente sprachen also für SAP ERP 6.0. Die Teilnahme am Ramp-up im Juni 2006 war eine Frage des Timings. Galt es doch gerade mit dem Unbundling-Projekt, Fristen der Regulierungsbehörde (Ausgründung des Netzbetriebs bis spätestens 1. Juli 2007) einzuhalten. Aus bilanztechnischen Gründen musste die Ausgründung sogar bereits zum 1. Januar 2007 erfolgen, was auch gelang. Der eigentliche technische Release-Wechsel dauerte sechs Wochen. Auf die Migration der Entwicklungs- und Testsysteme folgten Tests, entsprechende Anpassungen und schließlich die produktive Migration an einem Wochenende mit anschließender Wirtschafts- ,,prüferabnahme. Rosemarie Deutsch-mann, Projektleiterin bei den SWM, blickt zurück: "Wesentlich für das Projekt war die stringente Nutzung des Standards, was zu einem relativ geringen Aufwand auch in den Fachabteilungen führte. Diese wurden in die Tests eingebunden und waren nach einer Kurzeinweisung für ihre Arbeit gerüstet." Das Kernteam bestand aus 14 Personen, die noch zusätzlich im Unbundling-Projekt beschäftigt und mit ihrem Tagesgeschäft betraut waren. Das notwendige Know-how in der Basisbetreuung wurde von Beratern der SAP vermittelt. Dadurch war eine individuelle Wissensvermittlung, die sich an den vorhandenen Kenntnissen der Administratoren und den Erfordernissen der konkreten IT-Landschaft orientiert, sichergestellt.

Nach dem Release-Wechsel hat sich die Systemlast auf den Maschinen deutlich erhöht. Parallel zum eigentlichen SAP-Release-Wechsel wurde ein Update der Oracle-Datenbank von Version 9 auf 10.1 vollzogen. Da die im Release 10.1 gelieferten Funktionen jedoch nicht stabil waren, stellte man gleich auf 10.2 um. Mittlerweile wird SAP ERP 6.0 ohnehin mit der Version 10.2 der Oracle-Datenbank ausgeliefert. Aus gutem Grund: Insgesamt war dies der Projektabschnitt, in dem es die meisten Komplikationen gab. Weil die Indizes anders arbeiteten als in der Vergangenheit, kam es zu Leistungseinbußen. Diese sind zwar inzwischen behoben, allerdings musste das Versorgungsunternehmen mit Hardware gegensteuern. Daher die Empfehlung: genau Hinschauen bei der Dimensionierung der Hardware, da die Anforderungen steigen. Beispielsweise fiel nach dem Wechsel ein deutlich höherer Speicherbedarf an, der mit bisherigen Sizing-Regeln nicht vorhersehbar war. Die mittleren Antwortzeiten verlängerten sich von 400 auf 600 Millisekunden. Wenn auch der Wert auf den ersten Blick gering erscheint, erwarten die Anwender im Tagesgeschäft eine Applikation, die schnell reagiert.

Ein wichtiges Fazit lässt sich nach dem Release-Wechsel ziehen: Das technische Upgrade allein bringt keinen Mehrwert. Er stellt sich erst in dem Moment ein, wenn der Anwender die neuen Funktionen der ERP-Software freischaltet. Die SWM haben beispielsweise auf der Grundlage der neuen SAP-Software Stromangebote für Kunden außerhalb des Heimatmarktes aufgelegt. Die Marke "SC-Turbine" offeriert der Energieversorger über ein Online-Center, das die Kundenprozesse zum Lieferantenwechsel automatisch steuert.

Energien für den Release-Wechsel bündeln

Die bisherigen Erfahrungen mit ERP 6.0 machen deutlich, dass der richtige Weg eingeschlagen wurde. Wenn man die Energie nicht dafür aufbringt, das alte System an die neuen Anforderungen aufwändig anzupassen, sondern dieselbe Kraft in den Release-Wechsel steckt, kann die Migration reibungslos gelingen. Natürlich hängt das auch von den Kompetenzen und Möglichkeiten im Haus ab. Eine gute Unterstützung durch die Geschäftsleitung und kurze Entscheidungswege sind von Vorteil. Wichtig ist, sich in einem ersten Schritt auf das technische Upgrade zu konzentrieren, da es nicht sehr aufwändig ist. Die funktionalen Erweiterungen lassen sich danach schrittweise ausrollen, und zwar im Rahmen von kleinen, beherrschbaren Projekten. (fn)