Versteckte Energiekosten

Stromfresser VoIP?

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Nach Berechnungen des VAF - Bundesverband Telekommunikation kann der Stromverbrauch von modernen VoIP-Systemen zu einem ernsthaften Kostenfaktor im Unternehmen werden.

Voice over IP (VoIP) wurde von den einschlägigen Herstellern lange Zeit als vermeintliches Mittel zur Kostensenkung im Unternehmen verkauft. Dieses aus der Endkundenwelt stammende Argument ließ sich jedoch wegen der häufig erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur nicht halten. Nun dokumentiert der VAF - Bundesverband Telekommunikation e.V., ein Zusammenschluss von über 250 mittelständischen Dienstleistungsanbietern In den Bereichen Sprach- und Datennetzsysteme sowie Funk- und Sicherheitstechnik in Deutschland, dass im laufenden VoIP-Betrieb Kostenfallen lauern: Ein entsprechendes System verbraucht, nämlich immer wesentlich mehr Strom als eine herkömmliche TK-Anlage in Kombination mit einem separaten Datennetz.

Im Rahmen seiner Vergleichsanalyse überprüfte der Verband anhand vier Szenarien (klassisches Festnetz, hybrid mit VoIP-Telefonen, reines VoIP und VoIP mit Softphones) die Energiekosten für drei beispielhafte Unternehmensgrößen (100 Mitarbeiter in einem Gebäude, 500 in zwei Gebäuden und 1000 Mitarbeiter in vier Gebäuden). Basis für die konkreten Energieverbrauchsberechnungen waren dabei "Hipath"-TK-Anlagen von Siemens (für den Ausgangszustand), Cisco "Catalyst"-Switches sowie handelsübliche Server. Darüber, wie praxisnah die Szenarien sind, lässt sich streiten (siehe auch Details). Da der Verband als Ergebnis deutliche Unterschiede im Stromverbrauch feststellte, wollen wir Ihnen die Ergebnisse aber nicht vorenthalten: Laut VAF-Berechnungen schnellt bei einer kleinen Firma mit 100 Mitarbeitern/ Telefonen der Verbrauch beim Wechsel auf eine VoIP-Anlage um über 50 Prozent in die Höhe, nämlich von 50.900 Kilowattstunden auf 77.800 Kilowattstunden. Die entsprechenden berechneten Stromkosten kletterten von 6.100 auf über 9.300 Euro. Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern, die in ihrer Infrastruktur von Skaleneffekten profitieren können, müssen laut VAF-Report immerhin mit einem Anstieg der Stromkosten um fast 30 Prozent von 51.250 auf 66.250 Euro kalkulieren. Etwas besser ist die Energiebilanz von den vor allem während der Migration genutzten hybriden TK-Systemen, die je zur Hälfte mit klassischen Apparaten, beziehungsweise VoIP-Telefonen betrieben werden.

Als Grund für den deutlichen Anstieg der Stromrechnung nach einer VoIP-Migration verweist der Verband auf den nicht unerheblichen Aufwand, bei einem VoIP-System eine ähnlich hohe Verfügbarkeit sicherzustellen wie bei klassischen TK-Anlagen. So seien mehr Koppelkomponenten (Switches, Bridges etc.) notwendig, welche einerseits zwar zu einer hervorragenden Redundanz im Datennetz führten, andererseits den Energieverbrauch aber drastisch in die Höhe schnellen ließen. Besonders stark steigen dabei die Energiekosten, wenn der Nutzer am Schreibtisch von der neuen Technik nichts merken soll oder will, also weiterhin herkömmliche Tischtelefone einsetzen möchte, so der VAF.

Trotz VoIP-Migration sparen

Einsparpotenziale bietet der Untersuchung zufolge vor allem eine PC-Telefonielösung, wo das VoIP-Telefon durch ein (nebenbei auch in der Anschaffung günstigeres) Softphone samt Headset ersetzt wird. Bei dieser Lösung fallen die Stromkosten nur geringfügig höher aus - vor allem, weil keine zusätzlichen Ports und damit auch keine mit Power-over-Ethernet-Technik ausgestatteten Switches benötigt werden. Weiteres Einsparpotenzial beim Einsatz moderner VoIP-Systeme ergebe sich laut VAF dann, wenn stromfressende Server im Rechenzentrum ersetzt werden. Dedizierte Server verbrauchten stündlich etwa 550 Watt, moderne Blade Server nur noch 175 Watt pro Stunde. Allein durch den Einsatz von Low-Voltage-Prozessoren lasse sich schon eine Kosteneinsparung von rund 30 Prozent erzielen.

Aber es geht nicht nur um stromsparende Prozessoren, so der Verband: Auch Netzteile, Memorys oder Lüfter trügen erheblich zum Stromverbrauch bei. Erleichterung schaffe zudem die Virtualisierung der Server und Anwendungen. Die meisten Server wiesen heute im Rechenzentrum eine durchschnittliche Auslastung von 20 Prozent auf. Durch Virtualisierung könne die Auslastung um ein Mehrfaches verbessert werden, beziehungsweise weniger Maschinen betrieben werden müssen. (mb)