Unix sammelt Pluspunkte als Anwendungsumgebung:

Steuerung von BDE-Terminals durch SW-Ebene

27.07.1984

Als Umgebung für die Softwareentwicklung ist Unix inzwischen hinreichend bekannt. Das dieses System aber auch als Anwendungsumgebung ebenso praktikabel sein soll, wird vielerorts in Frage gestellt. Die Team GmbH aus Paderborn erstellte eine Applikation für ein Produktionssystem unter Unix, Die Software wurde auf einer Einprozessor Anlage entwickelt und auf den Zielrechner - ein Mehrprozessor-System - übertragen. Volker Vollmann, Team-Projektleiter für BDE-Standardsoftware-Entwicklung berichtet über seine Erfahrungen.

Zu dem Projekt kam es mit der Ankündigung der Rechnerfamilie 8832 der Nixdorf Computer AG, Paderborn. Diese transaktionsorientierten und ausfallsicheren Rechner weisen eine Mehrprozessor-Architektur auf. Das Betriebssystem ist Unix. Einer der Zielmärkte der Maschine ist die Fertigungsplanung und die Fertigungssteuerung.

Die Anschlußmöglichkeit bis zu mehreren hundert Betriebsdatenerfassungs-Systemen (BDE-Terminal) zeichnet moderne Anwendungen im Fertigungsbereich aus. Unterschiedliche Funktionen erfordern spezielle BDE-Terminals.

Für den Anwendungsprogrammierer muß daher eine einheitliche Arbeitsebene geschaffen werden, um ihn von der Steuerung der verschiedenen BDE-Terminaltypen zu entkoppeln. Eine zwischengeschaltete Software-Ebene übernimmt auf der einen Seite die Steuerung der einzelnen BDE-Terminals.

Auf der anderen Seite enthält diese Ebene Schnittstellen zu dem Programm, das die Steuerung des Gesamtsystems übernimmt (Anwendungsprogramm). In einer speziellen Hochsprache sind BDE-Funktionen zu formulieren, die dann ohne Operator-Eingriff vom BDE-Laufzeitsystem abgearbeitet werden.

Für die vorausgehenden Entwicklungsarbeiten stand das Mehrprozessorsystem 8832 (Anwendungsrechner) nicht zur Verfügung. Auf einem Einprozessor-System (Entwicklungsrechner) wurde das gesamte Softwarepaket auf Unix entwickelt und lauffähig gemacht. Erst später erfolgte die Übertragung der Applikation auf den Anwendungsrechner.

Folgende Entwicklungsschritte sind für die Projektrealisierung festzuhalten:

- Der Leistungsumfang der auf dem Entwicklungsrechner (Unix V7) und auf dem Anwendungsrechner (Unix System III) verwendeten C-Sprache und System-Calls wurde verglichen.

- Der gemeinsame C-Sprachumfang wurde herausgefiltert und als Codierbasis, so weit möglich, verwendet.

- Fehlende Programmfunktionen (zum Beispiel Bibliotheksroutinen) auf dem Anwendungsrechner wurden auf dem Entwicklungsrechner simuliert, in die Quelldatei übernommen und über die bedingte Kompilierung ablauffähig gemacht.

- Das Standard-Unix-Programm "make" wurde verwendet, um eine aktuelle Version der jeweils benötigten Programm-Module zu erzeugen.

Aus den Projekterfahrungen soll hier nur auf die wichtigsten Erkenntnisse eingegangen werden. So war der Aufwand für Portierungen komplexer Software-Systeme bisher schwer abschätzbar. Mit Unix kann der Anwender den Aufwand für den Wechsel auf eine leistungsfähigere Hardware übersehen.

Der Portierungsaufwand bleibt im Vergleich zur Projektdauer gering. Das hier vorgestellte Projekt hatte vom Design bis zur Portierung ein Gesamtvolumen von 25

Mannmonaten bei einer Durchlaufzeit von fünf Monaten. Drei Wochen vor Projektende wurden noch Echtzeittests auf dem Entwicklungsrechner durchgeführt.

Der Anwender sollte die jeweils neueste Unix-Version für die Realisierung von Software-Paketen einsetzen, um so die in früheren Versionen fehlende Unix-Eigenschaften wie Prozeßkommunikation und -synchronisation nutzen zu können.

Die Projekterfahrungen zeigen, daß Unix auch als Anwendungs-Umgebung für komplexe Software Pluspunkte sammeln kann. In einem Nachfolgeprojekt soll das BDE-System den wachsenden Anforderungen angepaßt werden. Nach den bisherigen Erfahrungen wird die Weiterentwicklung dieses BDE-Systems nach dem Prinzip des Programmer' s Workbench, das heißt ein Entwicklungsrechner als Front-End-System, verknüpft über ein Netz mit einem Anwendungsrechner als Back-End-System, fortgesetzt.