Stehen die Linux-Geschäftsmodelle vor dem Aus?

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Nach den Jahren der großen Euphorie folgt in vielen Linux-Unternehmen nun der Katzenjammer. Auch das deutsche Linux-Flaggschiff Suse sucht Geldgeber, um das Geschäft am Laufen zu halten. Dabei sind die meisten Probleme der Branche hausgemacht. Die Firmen haben zu wenig auf ein funktionierendes Geschäftsmodell geachtet, kritisieren Experten.

Zuletzt hat es auch die Suse AG erwischt, das deutsche Aushängeschild der Linux-Szene. Nachdem bereits im Februar dieses Jahres 30 Mitarbeiter in der US-amerikanischen Filiale ihren Hut nehmen mussten, werden bis Ende 2001 weitere 50 Angestellte das Unternehmen verlassen müssen. Auch in der Vorstandsetage des Nürnberger Linux-Anbieters geht es rund.

Im Server-Markt kommt Linux auf 27 Prozent. Quelle: IDC
Im Server-Markt kommt Linux auf 27 Prozent. Quelle: IDC

Im Juli wechselte Roland Dyroff vom Vorstandsposten in den Aufsichtsrat und machte damit den Weg frei für Johannes Nussbickel, den neuen starken Mann im Unternehmen. Anfang September verließ Dirk Hohndel, Chief Technology Officer und Vorstandskollege von Dyroff, die Firma.

Dem Linux-Anbieter weht ein schärferer Wind entgegen. Die Suse-Verantwortlichen sind auf der Suche nach neuen Geldgebern, und sie müssen sparen. Entlassungen, interne Umstrukturierungen und die Einstellung des personalintensiven Wissensportals sprechen eine deutliche Sprache. Die Wechsel an der Führungsspitze deuten darauf hin, dass dabei nicht alles so läuft, wie sich das die Manager wohl wünschen.

Die hohen Erwartungen haben sich nicht erfüllt

Doch Suse steht nicht allein. Viele andere Linux-Firmen kämpfen ebenfalls mit Problemen, wenn nicht gar ums Überleben. Caldera schreibt rote Zahlen und entlässt. Die US-Company Lineo trennt sich von der Hälfte ihrer Belegschaft. Ebiz, eine andere US-amerikanische Linux-Firma, muss zusammen mit ihrer Servicetochter Konkurs anmelden. Die deutschen Linux-Dienstleister Innominate und ID-Pro haben ebenfalls kapituliert und ihren Geschäftsbetrieb eingestellt. Die jetzt zutage tretenden Probleme sind nach Ansicht von Christian Egle, Pressesprecher bei Suse, Folgen der großen Linux-Begeisterung während der letzten Jahre sowie der daraus resultierenden hohen Erwartungen. Viele wollten das schnelle Wachstum über die damals noch reichlich sprudelnden Kapitalmärkte finanzieren.

Diese Hoffnung trog. Linux habe in den letzten Jahren nach Einschätzung von Hans Bayer, Deutschland-Geschäftsführer von Caldera, viel Popularität gewonnen, als es darum ging, eine Alternative zu Microsoft zu bilden und eine neue Technologie zu bauen. Viele Anbieter täten sich jedoch schwer, ein kommerziell funktionierendes Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen. Dabei gingen einige Gleichungen nicht auf. So könne es beispielsweise nicht funktionieren, Profite zu erzielen, indem man die Software praktisch verschenkt. Da müssten sich die Billigdistributionen schon in gigantischen Stückzahlen an den Kunden bringen lassen, was im Markt jedoch nicht realisierbar ist. "Nicht jeder Opa braucht Linux", lautet das Fazit Bayers.

Auch die zweite Gleichung, die Dienstleistungen als Grundlage eines profitablen Linux-Geschäfts präsentiert, sei nicht so aufgegangen, wie sich das viele in der Branche erhofft hatten. "Service ist ein brutales Geschäft. Entweder man hat zu viele Leute und zu wenig Auslastung, oder die dicken Projekte, aber zu wenige Leute", resümiert Bayer. Was den Boxenverkauf betrifft, teilt Dieter Hoffmann, Leiter des Zentral- und Osteuropageschäfts bei Red Hat, die Einschätzung seines Branchenkollegen. Der Markt unterliege komplexen Zyklen und sei deshalb nur schwer kalkulierbar. Bei der Servicerechnung kommt Hoffmann jedoch zu einem anderen Ergebnis. Red Hat habe schon früh den Servicebereich gepflegt. Allerdings, und das sei der Unterscheid zu den meisten anderen Linux-Firmen, habe man sich nicht auf Linux beschränkt, sondern generell Anwender von Open-Source-Technologien bedient.

Der Konkurrenz wirft Hoffmann mangelndes wirtschaftliches Denken vor. Die Vorgabe seines Firmenchefs Matthew Szulik laute: Unbedingt profitabel arbeiten. Das bedeute, mit den vorhandenen Ressourcen auszukommen, erst Geschäft zu generieren und dann die Mannschaft auszubauen. Das hätten viele Firmen, die mit Venture Capital finanziert sind, vernachlässigt: "Sie haben sehr aus dem Füllhorn gelebt." Wer sich als Open-Source-Unternehmen verstehe, dürfe deshalb nicht die kaufmännischen Regeln vernachlässigen, kritisiert der ehemalige Siemens-Manager. Den Vorwurf, die meisten Unternehmen hätten zu wenig auf ein funktionierendes Geschäftsmodell geachtet, will Egle von Suse nicht gelten lassen. Die Ernüchterung trete jetzt ein, weil die Unternehmen sehr schnell gewachsen seien und sich deshalb eine euphorische Erwartungshaltung vor dem Hintergrund eines explodierenden Marktes herausgebildet habe. Dieser Euphorie hätten sich die Suse-Verantwortlichen jedoch

nicht hingegeben. Allerdings habe man auch bei Suse auf ein starkes Wachstum gesetzt. "In verschiedenen Bereichen ist die Realität nicht unseren Erwartungen gefolgt", gibt Egle zu.

Kein Pauschalrezept für den Geschäftserfolg

Die Firmen verfolgen verschiedene Wege, um wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Caldera versucht sein Glück mit Lösungs-Bundles, die auf das klassische Linux aufgesetzt werden, erklärt Bayer. Das sind beispielsweise vorkonfigurierte Server für dedizierte Einsatzgebiete wie Mail oder Messaging. "Hier müssen die Firmen mehr leisten als nackte Betriebssystem-Funktionalität", fordert der Caldera-Manager. Hoffmann von Red Hat setzt auf das Dienstleistungsgeschäft. Viel versprechend sei es, wenn Firmen beginnen, wichtige Teile ihres Geschäftes Linux-basierten Systemen anzuvertrauen. Diese Unternehmen wollen in aller Regel von dem Hersteller direkt unterstützt werden, am besten rund um die Uhr, erklärt Hoffmann. Wichtig sei in diesem Zusammenhang die globale Verfügbarkeit. Auch die Suse-Verantwortlichen spielen die Servicekarte. Langfristig müssten die Umsätze in diesem Geschäftsbereich steigen, lautet das strategische Ziel. Im letzten

Jahr wurden noch 60 Prozent des Umsatzes mit dem Verkauf von Produkten erwirtschaftet, 20 Prozent über Fremdsoftware sowie Hardware aus dem Projektgeschäft und 20 Prozent mit Dienstleistungen.

Von einer globalen Aufstellung sind die Nürnberger nach dem Rückschlag in den USA jedoch weit entfernt. Die Entlassung von 30 Mitarbeitern im Februar dieses Jahres sei aber auf die im Vergleich zu Deutschland deutlich geringere Linux-Akzeptanz in den Vereinigten Staaten zurückzuführen, erklärt Egle. Suse wolle sich dort mit den verbleibenden 15 Mitarbeitern vorerst auf den Verkauf von Produkten konzentrieren. Einen Rückzug schließt er aus: "Selbstverständlich werden wir in den USA bleiben." Vom warnenden Beispiel der gescheiterten Serviceanbieter ID-Pro und Innominate will sich Egle nicht abschrecken lassen. Suse kooperiere mit Unternehmen, die die Tür zu den IT-Entscheidern bereits geöffnet hätten. Dazu zählen IBM, Compaq und Fujitsu-Siemens Computers (FSC), für die der Third-Level-Support erbracht wird, also Probleme beim Kunden auf Sourcecode-Ebene zu lösen. Servicebeziehungen von null aufzubauen sei sehr schwierig, da am Anfang

noch das Vertrauen fehle, berichtet Egle. Jeder Entscheider verfüge über jahrelang gewachsene Kunden- und Lieferantenbeziehungen. In anderen Servicebereichen wie Consulting oder Systemintegration stehe man allerdings in Konkurrenz zu IBM oder Compaq, räumt Egle ein.

Diese Doppelstrategie von IBM sei nicht einfach zu verstehen, erklärt Tom Schwaller, Linux-Spezialist in Diensten von Big Blue. "IBM legt sich durchaus mit Konkurrenten ins Bett." Allerdings öffnen die Großen den Kleinen die Türen bei den Unternehmen. Ohne die Distributoren habe, so Schwaller weiter, IBM ein Problem, weil es über keine eigene Linux-Variante verfügt. Umgekehrt könnten die Distributoren nicht an das große Geschäft herankommen, wenn sie nur für sich allein arbeiten würden.

 Firmen hoffen auf Anwendungen und Standards

Um das Linux-Geschäft gerade im Enterprise-Markt anzukurbeln, müssten kommerzielle Applikationen verstärkt auf Linux portiert und unterstützt werden, fordert Bayer. Wichtig sei, dass die Großen der Branche wie zum Beispiel Oracle, Peoplesoft, SAP oder Siebel hier vorangehen. Allerdings ständen diese Firmen oft vor der Frage: "Auf welches Schweinderl sollen wir portieren?" Denn die verschiedenen Linux-Varianten seien dann doch nicht so kompatibel zueinander, wie das allgemein oft angenommen werde. Hier tauchten viele Probleme auf, die schon aus der Unix-Historie bekannt sind, erzählt der Caldera-Manager. Auf der anderen Seite müssten sich Linux-Firmen verstärkt zusammentun und sich auf einen gemeinsamen Linux-Standard einigen. Erst wenn eine verbindliche Linux Standard Base (LSB) für Geschlossenheit und Klarheit sorge, würden die unabhängigen Softwarehäuser das System akzeptieren, prognostiziert der Linux-Vertreter. Ansonsten bleibe Linux

eine nette Modeerscheinung, von denen es schon so viele gab. Bayer warnt: "Es wäre fatal, wenn die Linux-Firmen es nicht schafften, den LSB-Gedanken zu verwirklichen."

Der Überschwang, der mit den Börsengängen von VA Linux und Red Hat begann, ist vorbei, lautet das ernüchternde Fazit von Bayer. Alles nähere sich jetzt wieder der Normalität. Diese sehe aber wirtschafts- und IT-politisch eher bescheiden aus. Die Erwartungen müssten auf ein vernünftiges Maß zurückgeschraubt werden. Die Firmen sollten mit knapp zweistelligen oder sogar einstelligen Wachstumsraten zufrieden sein. Hoffmann von Red Hat sieht die Zukunft der Open-Source-Szene optimistischer. Bei vielen Unternehmen rede man nicht mehr mit den Technik-, sondern den Finanzchefs, die ihre IT-Ausgaben um bis zu 50 Prozent senken wollen und müssen. Hier bestehe die große Chance für Linux. Suse setzt auf die Kooperation mit den Großen. "Wir sehen zusammen mit IBM eine langfristige Perspektive, insbesondere im Server- und Enterprise-Computing", erklärt Egle. Das Engagement des IT-Riesen hinterlässt jedoch auch einen faden Beigeschmack.

Insider behaupten, dass IBM und Co. längst das Ruder der Linux-Szene übernommen hätten. Firmen wie Suse, Red Hat oder Caldera lasse man weiterleben, um die Illusion einer freien Open-Source-Community aufrechtzuerhalten. Als Beleg für diese These werden die engen finanziellen Bande beispielsweise zwischen Suse und IBM angeführt. So haben sich die Armonker bereits an der ersten Finanzierungsrunde beteiligt und sollen auch an dem bevorstehenden zweiten Durchgang mit einer stattlichen Summe beteiligt sein.