Lenroxx wird abgewickelt

Staatsanwalt ermittelt gegen Reutax-Gründer

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Während der Insolvenzverwalter um das Überleben des zahlungsunfähigen Projektvermittlers Reutax kämpft, rückt das Geschäftsgebaren des Managements in den Fokus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Insolvenzverschleppung und Betrug.
Der Hauptsitz von Reutax in Heidelberg.
Der Hauptsitz von Reutax in Heidelberg.
Foto: Wikimedia Commons Rudolf Stricker

Auslöser der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sind drei Anzeigen gegen den Gründer Soheyl Ghaemian sowie gegen Vorstandsmitglieder des insolventen Personaldienstleisters Reutax. Sie wurden der Staatsanwaltschaft Heidelberg zugestellt, das berichtet das Online-Portal "Morgenweb". Angeblich haben die Anzeigen so viel Substanz, dass die Behörden tatsächlich aktiv werden.

Insolvenzverschleppung und Betrug vor Insolvenzverfahren begehen Firmen, wenn sie noch Verträge mit Lieferanten abschließen, obwohl die Zahlungsunfähigkeit unmittelbar bevorsteht. Für Insolvenzverschleppung sieht das Gesetz Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren vor. Betrug kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden, schreibt das Online-Portal.

Reutax-Gründer sponsort Bundesliga-Verein

Über den Aufenthaltsort von Soheyl Ghaemian ist nichts bekannt, diversen Quellen zufolge hat er sich wegen Burn out zurückgezogen. Er gilt als schillernde Persönlichkeit im Rhein-Main-Gebiet, hat eine Kunst- und Kultur-Stiftung ins Leben gerufen und mit seiner Firma Reutax den Bundesliga-Fußball-Club Hoffenheim gesponsert. Zu seinem Privatvermögen sollen eine Villa in Beverly Hills im Wert von mehr als neun Millionen Dollar sowie Nobelkarossen gehören.

Foto: Reutax

Gegenüberüber der COMPUTERWOCHE kündigte Lenroxx-Insolvenzverwalter Karl-Heinrich Lorenz an, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft einzuschalten, um die zurückliegenden Buchungen der gesamten Reutax-Gruppe zu durchleuchten. Das sei so mit den Insolvenzverwaltern der Dachorganisation Reutax AG und deren ebenfalls insolventen Reutax Temp, die das Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit) betreibt, abgesprochen.

Lenroxx-Kunde Telekom springt ab

Derweil zeichnet sich ab, dass die Reutax-Tochter Lenroxx wohl nicht zu retten ist. Sie hat fast 600 Freiberufler beschäftigt. Von ihnen haben rund 50 Berater für Kunden wie SAP und die Deka Bank gearbeitet, die Mehrheit, also weit über 500 Freiberufler, war in Projekten der Telekom und von T-Systems eingebunden. Mit dem Telekom-Konzern hat der Insolvenzverwalter bereits den Ausstieg vereinbart. Weder die betroffenen Freelancer noch die Telekom selbst hatten Interesse an einer weiteren Kooperation mit Reutax oder Lenroxx signalisiert. Seit dem 1. April arbeiten die Freelancer überwiegend unter dem Dach des Reutax-Konkurrenten Hays weiter für die Telekom.

In einem der CW vorliegenden Schreiben an die Freelancer sichert der Telekom-Vorstand den Beratern finanzielle Hilfe zu: "Der Deutschen Telekom ist an einer sozialverträglichen und zügigen Lösung des Themas ´Lenroxx´ gelegen. Deswegen beabsichtigt das Unternehmen im Zuge des anhängigen Insolvenzverfahrens bei der Lenroxx GmbH, etwaige Vergütungsausfälle der betroffenen Freelancer zu kompensieren. In welchem Rahmen das geschieht, wird noch festgelegt. Einzelheiten werden derzeit erarbeitet."

Mit den anderen Lenroxx-Kunden verhandelt Insolvenzverwalter Lorenz nun einen Transfer zur Dachorganisation Reutax. Eine Fortführung des Geschäftsbetriebs ist damit nahezu ausgeschlossen.

Mit Billigpreisen Umsatz gekauft

Lenroxx hat in der Reutax-Organisation die Rolle des Billiganbieters übernommen. "Lenroxx war für sich allein eigentlich nicht überlebensfähig", fasst Insolvenzverwalter Lorenz zusammen. Das Unternehmen mit seinen 13 festangestellten Mitarbeitern hat mit einer Marge von ein Prozent und einer "geringsten Eigenkapitalquote" operiert, so Lorenz. "Man hat es als Türöffner benutzt, um den Zugang zu Großkunden zu gewinnen." Mögliches Zusatz- und Anschlussgeschäft sollte der Reutax AG zugutekommen, die mit einer deutlich höheren Marge arbeitet. Funktioniert hat das Konstrukt ganz offensichtlich nicht.

Die offenen Rechnungen der bei Lenroxx beschäftigten Freelancer summieren sich auf über zehn Millionen Euro. Fast ebenos hohe Forderungen hat die Lenroxx GmbH gegenüber der Reutax AG offen. Die wird der Insolvenzverwalter aber kaum von der zahlungsunfähigen Reutax eintreiben können.

Reutax hat sich angeblich stabilisiert

Für die Reutax AG besteht indes noch Hoffnung. Sie hat mit deutlich höheren Gewinnspannen kalkuliert, genauere Angaben wollte Insolvenzverwalter Tobias Wahl nicht machen. Zu den Kunden zählen rund 20 große Firmen, insgesamt hat Reutax ihnen etwa 500 Freelancer vermittelt.

Die meisten Kunden haben gegenüber Wahl ihre Bereitschaft signalisiert, die Verträge mit Reutax weiterzuführen, wenige zögern noch, ein Unternehmen ist abgesprungen.

Etwas unklarer ist die Situation bei den Freelancern. Unter dem Reutax-Dach waren rund 500 Freiberufler in Kundenprojekten tätig. Einige haben seit Monaten kein Geld bekommen, insgesamt belaufen sich die Forderungen der Freelancer gegenüber der Reutax AG ebenfalls auf rund 10 Millionen Euro, sagte Wahl gegenüber der COMPUTERWOCHE. Weitere Gläubiger wie Banken, seien nicht bekannt, lediglich innerhalb der Reutax-Gruppe gibt es offene, nicht beglichene Ansprüche.

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