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Spurensuche im Verbrecherhirn

21.02.2008
Von Handelsblatt 
Was macht einen Menschen zum Gewalttäter? Hirnforscher versuchen sich an neuen Antworten auf eine alte Frage. Noch sind die Erkentnisse schwer nachzuweisen - doch in amerikanischen Gerichtssälen werden schon die ersten Hirnaufnahmen als Beweisstücke vorgelegt.

DÜSSELDORF. Im Februar 1989 begeht Joel David Rifkin seinen ersten Mord. Der 30-Jährige erwürgt eine Prostituierte, zerstückelt sie und wirft die Leichenteile in den East River. In den folgenden vier Jahren geht Rifkin als Serienkiller in die Geschichte New Yorks ein. 16 Frauen, meist Prostituierte, fallen ihm zum Opfer, bevor er 1993 eher zufällig von der Polizei geschnappt wird. Was ihn zu seinen Bluttaten trieb, kann er nicht sagen. "Es war einfach etwas, das passiert ist, und, wissen Sie, ich hatte nie vor, es zu wiederholen", so Rifkin in einem Interview aus dem New Yorker Staatsgefängnis, wo er eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. "Bin ich einfach böse? Habe ich einen Hirnschaden? Das sind Fragen, auf die ich eine Antwort will."

Hans J. Markowitsch glaubt, antworten zu können. "Bei Kapitalverbrechern oder Personen, die eine regelrechte Verbrecherlaufbahn eingeschlagen haben, findet sich fast immer ein hirnbiologischer Hintergrund", sagt er. Dies sei statistisch abgesicherte Gewissheit, so der Leiter des Instituts für Physiologische Psychologie der Universität Bielefeld und Mitautor des vor kurzem erschienenen Buchs "Tatort Gehirn". Vorgestellt werden darin die Befunde der aufstrebenden Forschungsdisziplin Neurokriminologie. Mit bildgebenden Verfahren fahnden Wissenschaftler in den Gehirnen von Mördern, Triebtätern und Psychopathen nach dem Ort, an dem kriminelles Handeln entsteht.

"Wenn man Leute, die ein Kapitalverbrechen begangen haben, untersucht, stößt man regelmäßig auf Hirnveränderungen", berichtet Markowitsch. "Jeder Mensch ist in seinem Verhalten determiniert. Wie er in einem bestimmten Moment handelt, wird bestimmt durch Genetik und Umwelteinflüsse, die sich auf die Funktionsweise seines Gehirns auswirken", sagt er.

Die Suche nach der biologischen Basis des Bösen hat Tradition. Ende des 18. Jahrhunderts glaubte der deutsche Arzt Franz Josef Gall den "Würge- und Mordsinn" ausgemacht zu haben, in einem tastbaren Wulst des Schädelknochens beidseits über den Ohren.

Niemand verfolgte die Idee so besessen wie Cesare Lombroso (1835 - 1909). Mit Zollstock und Zirkel rückte der italienische Psychiater Hunderten von inhaftierten Kriminellen zu Leibe, vermaß Schädel, Gesicht und Körper und notierte jedes anatomische Merkmal. Seine gesammelten Erkenntnisse stellte er 1876 in dem Buch "L´uomo delinquente" vor: Der "geborene Verbrecher" sei groß und massig, habe einen kleinen deformierten Schädel, dunkle Haare, Augen und Haut, eine Hakennase unter der fliehenden Stirn, große Ohren, vorspringende Kiefer und spärlichen Bartwuchs.

Alles Unsinn, das steht längst fest. Doch Lombrosos Verdienst für die Rechtsprechung bleibt. Er setzte sich dafür ein, die Bestrafung nicht nur, wie seinerzeit Usus, nach dem Verbrechen festzulegen, sondern auch den Täter und die Tatumstände zu berücksichtigen. Er begründete so die Wende vom Tat- zum heutigen Täterstrafrecht. Außerdem widersprach er dem Prinzip der uneingeschränkten Verantwortlichkeit. Der Verbrecher sei letztlich von Zwängen getrieben, argumentierte er. "Angesichts dessen, was die Hirnforschung inzwischen weiß, sind Lombrosos Überlegungen in gewisser Weise wieder aktuell", sagt Markowitsch.

Wenn es so etwas wie einen modernen Nachfolger von Lombroso gibt, ist es Adrian Raine, Neuropsychiater an der University of Southern California. Er ging Anfang der 1990er ins Gefängnis, um die Hirne von Gewaltverbrechern per Positronen-Emissionstomographie zu durchleuchten. 41 verurteilte Mörder nahm er unter die Lupe und registrierte im Frontalhirn eine deutlich geringere Aktivität als bei "normalen" Personen. In einer weiteren Studie untersuchte Raine 21 Probanden mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, die durch Verantwortungslosigkeit, ausgeprägte Impulsivität, geringe emotionale Tiefe, fehlendes Mitgefühl und mangelnde Reue gekennzeichnet ist. Alle 21 hatten nicht nur gegen soziale Normen verstoßen, sondern schwere Gewalttaten verübt. Ergebnis: Das Volumen ihres präfrontalen Cortex (PFC) war um elf Prozent reduziert.

Diese Region halten Neurokriminologen für besonders bedeutend. Der PFC gilt als übergeordnete Kontrollinstanz. Aggressive Impulse aus den Emotionszentren im limbischen System werden dort gehemmt. Auch rationales Denken und Moralempfinden sind offenbar im Vorderhirn beheimatet. Stirnhirnverletzungen führen oft zu radikalen Veränderungen der Persönlichkeit. Bis dato angenehme Zeitgenossen verhalten sich plötzlich enthemmt, impulsiv, rücksichtslos, werden schnell aggressiv, zeigen also Symptome einer antisozialen Persönlichkeit.

Jürgen Müller, Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Göttingen, warnt vor übereilten Schlüssen. Auch er hat mit bildgebenden Verfahren inhaftierte Straftäter untersucht, allesamt diagnostizierte Psychopathen, und dabei eine deutliche Volumenminderung der grauen Substanz in fronto-temporalen Hirnregionen festgestellt. Darüber hinaus reagierten die Delinquenten nur schwach auf Fotos mit emotionalen Inhalten.

Es gebe definitiv neurobiologische Veränderungen, die kriminelles Verhalten begünstigen können, sagt Müller. Können, aber nicht müssen. Der 44-Jährige erzählt von einem Patienten, bei dem ein Teil des Frontalhirns bei einem Unfall schwer geschädigt wurde. "Die Schädigung betraf eine Schlüsselregion der Emotionsverarbeitung und der Verhaltenskontrolle - aber der Mann zeigt keine Verhaltensauffälligkeiten." Mit anderen Worten: Er benimmt sich völlig normal.

Ob eine Hirnveränderung Auswirkungen auf das Verhalten hat und, wenn ja, welche, ist also kaum vorhersehbar. "Die Argumentationskette, verminderte Aktivität im präfrontalen Cortex, ergo keine Impulskontrolle und damit erhöhte Neigung zu Gewalt und Aggressivität, ist so nicht haltbar", sagt der Psychiater. Schließlich wären nicht alle Menschen mit Auffälligkeiten im Frontalhirn auch Gewaltverbrecher. Um konkrete Aussagen machen zu können, verlangt Müller umfangreiche wissenschaftliche Studien.

Ungeachtet dessen halten neurowissenschaftliche Befunde Einzug in amerikanische Gerichtssäle. Um die Strafe ihrer Mandanten zu mildern, legen Anwälte immer häufiger Hirnaufnahmen vor. Etwa im Fall des Amokläufers Kip Kinkel, der vier Menschen erschoss und mehr als 20 weitere verletzte. Da in seinem Frontallappen kleine Höhlen sichtbar waren, plädierten die Verteidiger des 15-Jährigen auf "nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit". Vergeblich. Kinkel wurde nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt, zu 111 Jahren Haft ohne Bewährung. Begründung: Es gebe keinen Beweis, dass die Abnormität im Gehirn sein Verhalten bedingt habe.