Softlab beginnt mit Strategieberatung

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die BMW-IT-Servicetochter Softlab klettert die Wertschöpfungsleiter aufwärts. Marktbeobachter warnen.

Die Softlab Group will mehr vom Beratungsmarkt. Das Unternehmen, das Anfang der 70er Jahre mit einer selbst entworfenen Software-Entwicklungsplattform groß geworden ist, hat sich bereits in den vergangenen Jahren durch Zukäufe zum IT-Dienstleister gewandelt (siehe Kasten "Wachstum durch Akquisitionen"). Bislang hat die Führungsmannschaft der BMW-Tochter die Expansionspläne entlang dem IT-Servicemarkt ausgerichtet, etwa durch Investitionen in die SAP-Implementierung, das Application-Management sowie das IT-Consulting. Nun plant sie den Schritt in die strategische Beratung.

Hier lesen Sie ...

  • mit welchen Angeboten Softlab im Markt für die Strategieberatung punkten möchte;

  • warum die BMW-Tochter das Serviceportfolio erweitert;

  • welche Hürden sie nehmen muss;

  • wie Marktbeobachter das Vorhaben bewerten.

Strategieberater gesucht

"Unternehmen in Deutschland und Europa müssen den Drang haben, sich in der Wertschöpfung weiter oben zu positionieren. Das gilt auch für die Softlab-Gruppe", erklärt Alexander Vocelka, Mitglied der Geschäftsleitung, angesichts des Markttrends, mehr und mehr IT-Services in Niedriglohnländer zu verlagern. Für den Aufstieg hat Vocelka, der im September 2006 von Bearingpoint zur Münchner BMW-Tochter wechselte, ein mittlerweile 80 Mann starkes Team zusammengestellt, das strategische Beratung für Finanzabteilungen in Unternehmen leisten will. "Unsere Ansprechpartner in den Unternehmen sind Finanzvorstände und Chief Financial Officers, aber auch Leiter des Controlling und Treasury", erläutert der Softlab-Manager.

Alexander Vocelka, Mitglied der Softlab-Geschäftsleitung und Chef der neuen Financial Transformation Unit: "Unternehmen in Deutschland und Europa müssen den Drang haben, sich in der Wertschöpfung weiter oben zu positionieren. Das gilt auch für die Softlab-Gruppe."
Alexander Vocelka, Mitglied der Softlab-Geschäftsleitung und Chef der neuen Financial Transformation Unit: "Unternehmen in Deutschland und Europa müssen den Drang haben, sich in der Wertschöpfung weiter oben zu positionieren. Das gilt auch für die Softlab-Gruppe."
Foto: Softlab

Ihnen möchte Vocelka dabei helfen, die richtige strategische Aufstellung, die konzeptionelle Darstellung und die passende Implementierung für die Finanzfunktionen zu finden. Auch die Suche nach der künftigen Organisationsstruktur, also Unterstützung in der Make-or-buy-Entscheidung beziehungsweise BPO-Beratung, erachtet der Manager als Aufgaben, die Softlab-Mitarbeiter für Finanzvorstände in den Unternehmen erfüllen können. "Das ist eindeutig ein neues Element innerhalb der Softlab Group", betont Vocelka. Anders als in der Vergangenheit hat Softlab die Portfolio-Erweiterung dieses Mal nicht mit einer Akquisition vorangetrieben, sondern lediglich den internen, von Vocelka geleiteten Geschäftsbereich Financial Transformation Unit (FTU) aus der Taufe gehoben. Er soll in etwa vier Jahren bis zu 300 Berater beschäftigen.

Das neue Softlab-Angebot ist branchenübergreifend. Nach Darstellung von Vocelka spielt das Branchen-Know-how in der Beratung von Finanzabteilungen keine so wichtige Rolle wie bei anderen Querschnittsaufgaben, da die Finanzfunktionen in allen Unternehmen vergleichbaren Regelwerken gehorchen. "In diesem Bereich sind sich börsennotierte Unternehmen ähnlicher als Firmen unterschiedlicher Gesellschaftsformen aus einer Branche", pflichtet ihm Thomas Siegner, Mitglied der Geschäftsleitung von Softlab, bei.

Ein Schritt weg vom IT-Servicegeschäft

Mit den Beratungsdiensten für Finanzvorstände entfernt sich die Softlab Group weiter von ihren Wurzeln. Zwar sind die Finanzfunktionen in der Regel IT-basierend, doch die IT steht nicht im Zentrum der Beratungsleistung. Vergleichbare Erweitungen in Richtung strategischer Beratung strebt Softlab auch im CRM- und SCM-Umfeld an (Customer Relationship Management, Supply Chain Management), ohne das bislang gepflegte Angebot im IT-Servicemarkt vernachlässigen zu wollen. "Softlab war bislang ein typischer IT-Dienstleister und kam erst zur Implementierungsphase eines Projekts ins Spiel. Wir wollen künftig von Anfang an dabei sein, wenn etwa Analyse, Assessment, Alignment und Benchmarks gefragt sind", schildert Vocelka das Vorhaben.

Der Umsatz der Softlab-Gruppe hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Gestützt wurde der Verlauf von einigen Akquisitionen.
Der Umsatz der Softlab-Gruppe hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Gestützt wurde der Verlauf von einigen Akquisitionen.
Foto: Softlab

Es gibt kaum Beispiele für erfolgreiche Portfolio-Erweiterungen dieser Art. Kleinere Dienstleister wie Plenum und Plaut sind daran ebenso gescheitert wie die IT-Konzerne CSC und EDS. Accenture und Capgemini konnten ihr Angebot zwar erweitern, allerdings ausgehend vom Consulting-Geschäft und zum Teil unter großen Anstrengungen. Einzig IBM hat es als IT-Dienstleister geschafft, sich einen Namen im Beratungsgeschäft zu machen, doch das hat Big Blue viel Geld und Zeit gekostet.

"Ob das Trading-up funktioniert, kann nur der Kunde beantworten", sagt Peter Kreutter vom Institute for Industrial Organization an der WHU in Vallendar. "Natürlich ist die Ausrichtung auf Geschäftsprozesse sinnvoll, doch es gibt für Berater aus dem IT-Umfeld logische Grenzen, was die Glaubwürdigkeit angeht." Die zeigen sich seiner Einschätzung nach spätestens beim Wechseln von der eher operativen Prozess- zur echten Strategieberatung. Da die meisten Abläufe in den Unternehmen eng mit der IT verzahnt sind, steigt mit der strategischen Orientierung zwar zwangsläufig die Zahl von Kontaktpunkten mit der Business-Seite. Letztlich ist jedoch der Markt für Beratungsdienste zu weitreichenden Richtungs- und Strukturentscheidungen bereits durch Platzhirsche wie McKinsey, Boston Consulting Group, A.T. Kearney und Booz Allen Hamilton besetzt, die ihrerseits IT- und Technologiekompetenz für sich beanspruchen.

IT-Dienstleister sind keine Strategieberater

Den Schritt vom IT-Servicemarkt in die Strategieberatung wagt derzeit offenbar nicht nur Softlab. Die Marktforscher von Ovum haben vergleichbare Bestrebungen auch in anderen Häusern bemerkt, offenbar immerhin so häufig, dass sie dem Thema eigens eine Studie widmen. "Es gibt einen klaren Unterschied zwischen taktischem und unternehmerischem Business Consulting", bestätigt Ovum-Analystin Georgina O´Toole die Skepsis von Kreutter. Auch sie warnt vor allzu hohen Ansprüchen beim Aufstieg in der Wertschöpfungskette: IT-Servicefirmen hätten weder das Image noch die Ressourcen für die Unternehmensberatung. "Spätestens wenn man von seinem Kunden die hohen Tagessätze einer Topberatung einfordert, wird sich zeigen, ob einen dieser auch dort einordnet, wo sich der Dienstleister selbst vielleicht gerne sieht", sagt Kreutter

Wachstum durch Akquisitionen

1972: Softlab (Software Labor) wird in München gegründet. Bekannt wird das Haus mit der Softwareentwicklungsumgebung "Maestro"

1992: BMW übernimmt die Mehrheit (98 Prozent) an Softlab.

November 2000: Nexolab, Beratungstochter für die Automotive-Branche, wird gegründet.

Juli 2004: Softlab übernimmt den Darmstädter SAP-Implementierer Axentive mit knapp 150 Mitarbeitern.

April 2005: Die britische Anite PLC verkauft ihre österreichische Beratungsdependance für 3,7 Millionen Euro an Softlab. 35 Berater wechseln den Arbeitgeber.

Juli 2005: Die Deutsche Börse verkauft die Entory AG, IT-Dienstleister für die Finanzbranche, an Softlab.

August 2006: Mit der Komplettübernahme des Münchner IT-Dienstleisters Fast erwirbt Softlab Know-how im Applikations-Management und Web-Hosting. Fast nahm zuletzt mit 60 Mitarbeitern rund 6,5 Millionen Euro ein.

Mit den großen Strategieberatern möchte sich Vocelka allerdings auch nicht messen. Er vertraut auf Softlabs Angebot, bei Bedarf End-to-end-Dienste leisten zu können. "Wie viele Beratungsfirmen für Finanzvorstände, die größer sind als wir und ähnlich aufgestellt sind, gibt es in Deutschland?", fragt er. Reine Advisory-Häuser hätten keine IT-Consulting-Kapazitäten, andere IT-Dienstleister könnten hingegen keine Finanzberatung erbringen. "In diesem Segment existieren vielleicht acht große Anbieter. Wir werden uns in der Ecke darunter tummeln", so der Softlab-Manager.

Einig sind sich alle Marktbeobachter, dass in vielen Unternehmen die Überarbeitung des Finanzwesens ansteht, es also einen enormen Bedarf an Services geben wird. Globalisierung, Konsolidierung, Harmonisierung, internationale Bilanzierungsrichtlinien, Beyond Budgeting sind Entwicklungen, die die Finanzvorstände künftig auf Trab halten werden. "Die Unternehmen nehmen die Querschnittsfunktionen unter die Lupe", schildert Hartmut Lüerßen, Geschäftsführer der Lünendonk GmbH. "Während sie etwa im Einkauf und in der Personalabteilung in den vergangenen Jahren Prozesse häufig schon angepasst oder ausgelagert haben, werden die Prozesse im Finanzbereich – verglichen mit den Aktivitäten in anderen europäischen Ländern - von deutschen Anwendern überwiegend im eigenen Haus betrieben."

Softlab braucht Zeit und Geld für den Imagewandel

Um an diesem Geschäft teilhaben zu können, braucht Softlab einen Imagewandel. Als IT-Dienstleister wird die BMW-Tochter kaum zu strategischen Projekten geholt. Zwar bringen die erfahrenen Berater, die Vocelka derzeit engagiert, Kontakte und somit Geschäfte mit, doch allein auf das Netzwerk der neuen Mitarbeiter zu vertrauen kann keine dauerhaft tragende Geschäftsstrategie sein. "Softlab braucht zum Aufbau des Geschäftszweigs langen Atem und für lange Zeit Geld", beschreibt Lüerßen die Anforderung, dauerhaft und gezielt in den Ausbau zu investieren.

Bleibt die Frage, warum BMW die Erweiterung trägt. Andere deutsche Konzerne stellen ihre IT-Töchter in Frage und integrieren oder verkaufen sie. Softlab erzielt nur noch 23 Prozent des Umsatzes mit BMW, also etwa 60 Millionen Euro. Aus BMW-Sicht hat die IT-Tochter kaum strategischen Nutzen, denn ein Großteil der IT-Services, die das Unternehmen noch von Softlab bezieht, könnte es auch von einem externen Partner bekommen. So steht zu vermuten, dass BMW entweder investiert, weil Softlab eine gute Rendite und starkes Wachstum verspricht. Oder der Konzern stärkt die Tochter für eine mittelfristige Veräußerung.

Vielleicht ist Softlab im BMW-Konzern aber auch einfach nur zu klein, um wahrgenommen zu werden. Zum Vergleich: Der Gewinn nach Steuern der BMW-Group in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres belief sich mit 587 Millionen Euro auf mehr als das Doppelte des Umsatzes, den die Softlab Group im Verlauf des gesamten letzten Jahres erzielte (266 Millionen Euro). Softlab hat im BMW-Zahlenwerk insofern nur ein geringes Gewicht, und steht wie viele andere IT-Töchter daher nicht im Kernfokus der Konzernentscheider. "Dies kann sich schnell ändern, wenn der Konzern unter Druck kommt oder sich die IT-Tochter wirtschaftlich schlecht entwickelt", vermutet Kreutter. Die Beispiele KarstadtQuelle, Volkswagen und Thyssenkrupp haben das in der Vergangenheit gezeigt. Sie haben ihre IT-Töchter in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verkauft. (jha)