Was wünscht sich die Generation Y wirklich von HR-Professionals?

Social Recruiting in der Praxis - Jedermann! hat ausgedient

Joachim Skura ist Thought Leader Human Capital Management bei Oracle. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Recruiting-Bereich und hat sowohl als Unternehmensberater als auch HR-Verantwortlicher einer Großbank gearbeitet. In diesen Funktionen hat er Recruiting-Prozesse von Unternehmen optimiert, Manager evaluiert und Teamstrukturen analysiert. Die Auswirkungen der Digitalisierung und Cloud-Computing auf das Personalwesen machen derzeit die Schwerpunkte seiner Arbeit aus.
Potentielle Bewerber, vor allem junge Nachwuchskräfte, über soziale Kanäle anzusprechen, stellt die allermeisten Firmen immer noch vor große Herausforderungen. Wie können Firmen aus der Masse konkurrierender Angebote im Social Web herausstechen? Was bewegt die sogenannten Millenials wirklich?

Soziale Netzwerke erfreuen sich nach wie vor unglaublicher Beliebtheit: Stand Frühjahr dieses Jahres sind alleine auf Facebook, Twitter und LinkedIn zusammen mehr als zwei Milliarden Nutzer weltweit aktiv - pro Monat. Zwei Milliarden Menschen lesen, liken und posten Inhalte auf diesen Seiten Monat für Monat! In diesem schier undurchdringlichen Wust von Informationen gilt es für Unternehmen aus der Masse herauszustechen um nicht im allgemeinen Rauschen unterzugehen.

Doch wer liest was? Und warum? Wir wissen, dass es nicht ausreicht, nur die eigene Botschaft auf eine spezielle Zielgruppe auszurichten. Vielmehr müssen Unternehmen nachhaltigen Eindruck inmitten einer Vielzahl konkurrierender Angebote hinterlassen.

Arbeitsplatzssuche findet heute nicht mehr nur in Print und auf Firmen-Websites statt. Eine große Rolle spielen auch soziale Netzwerke.
Arbeitsplatzssuche findet heute nicht mehr nur in Print und auf Firmen-Websites statt. Eine große Rolle spielen auch soziale Netzwerke.
Foto: SP-PIC - Fotolia.com

Besonders beim Werben um Arbeitnehmer über soziale Netzwerke, dem sogenannten Social Recruiting, stellt dieses Unterfangen eine große Herausforderung dar. Mit potenziellen Bewerbern, vor allem jungen Nachwuchskräften, über soziale Kanäle in Kontakt zu treten tun sich die allermeisten Firmen immer noch sehr schwer.

Wie in meinem letzten Beitrag zur Entwicklung einer wirksamen Social-Recruiting-Strategie erläutert, ist die Überprüfung der eigenen Social-Recruiting-Konzepte unter realistischen Bedingungen ausgesprochen wichtig. Was funktioniert? Wo besteht Verbesserungsbedarf? Was erwarten sich junge Erwachsene wirklich von einer persönlichen Ansprache im Web? Wer wüsste darüber besser Bescheid, als sie selbst?

Auf Veranstaltungen und Messen diskutiere ich deshalb regelmäßig mit jungen Nachwuchskräften - meist sogenannte Millenials zwischen 18 und 35 Jahren - darüber, wie wir Social-Aktivitäten zielgruppengerechter gestalten können. Meist wird dabei schnell klar, dass es in den allermeisten Unternehmen in puncto Social-Recruiting noch viel, viel Luft nach oben gibt. Die wirksame Ansprache junger Leute in sozialen Netzwerken erfordert Fingerspitzengefühl und muss dabei einige Voraussetzungen erfüllen.

Hier deshalb eine knappe Aufstellung der für mich wichtigsten Erkenntnisse aus diesen aufschlussreichen Gesprächen:

  1. Echte Gespräche führt man nicht im Social Web
    Soziale Netzwerke dienen in erster Linie als Plattform für den Erstkontakt. Eine LinkedIn-Nachricht zur Vorstellung und Kontaktaufnahme ist vollkommen angemessen, weiterführende Gespräche wollen junge Kandidaten aber lieber per E-Mail oder am Telefon führen.

  2. Personalisierung ist der Schlüssel
    Generische Massenaussendungen sind, wie all die anderen unpersönlichen Nachrichten mit denen junge Menschen heute bombardiert werden, für sie bloßer Spam und werden umgehend gelöscht. Im schlimmsten Fall werden sie nicht einmal wahrgenommen. Nachrichten mit Tippfehlern und offensichtlich unter Zeitdruck hingeschludertes, wird ebenfalls ignoriert. Die eingeladenen Millenials wollten Wertschätzung und echten Einsatz schon beim Erstkontakt erfahren, ganz egal, ob es sich dabei um den Post eines Unternehmens in einem sozialen Netzwerk oder eine direkte Nachricht handelt.

  3. Exklusive Einblicke von Anfang an
    Individualität ist tief verwurzelt im Selbstverständnis der Generation Y. Für Nachwuchskräfte ist es deshalb eminent wichtig, als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen zu werden. Viele Firmen haben das heute schon erkannt und betreiben geschlossene Online-Foren für Bewerber. Andere bieten Standortbesichtigungen für Kleingruppen an. Sobald diese Veranstaltungen allerdings an Exklusivität einbüßen, werden sich viele Interessenten als bloßes Rädchen in einer anonymen Organisation begreifen. Ein Umstand, der im krassen Missverhältnis zu ihrem eigenen Anspruch steht. So vor den Kopf gestoßene Bewerber werden ihre Herausforderung andernorts suchen, nämlich dort, wo sie als Individuum berücksichtigt und anerkannt werden.

  4. Natürlichkeit ist das A und O
    In der Regel zählt für die meisten Bewerber vor allem das Umfeld in dem sie arbeiten. Sie wünschen sich charismatische Kollegen, mit denen sie sich identifizieren können, nicht seelenlose Büro-Zombies. Wenn sich die Stellenanzeigen aus der Personalabteilung aber so lesen, als wären sie aus vorformulierten Textbausteinen zusammengewürfelt, wird sich kaum ein Bewerber Illusionen über seine zukünftige Arbeitssituation machen.
    Das gleiche gilt für Fotos mit denen Bewerber in sozialen Netzwerken angesprochen werden sollen. Unsere jungen Teilnehmer waren sich alle einig: Echte Schnappschüsse aus dem Unternehmensalltag sind um ein vielfaches wertiger als blutleere, nachbearbeitet Hochglanzbilder. Leider hat das bisher kaum eine Firma verstanden.

  5. Authentizität
    In Social Web dreht sich alles um Spontanität, um das Teilen von Momentaufnahmen im Hier und Jetzt, um Natürlichkeit. Erfahrene Nutzer erkennen sofort gekünstelten, unechten Content - und wenden sich desinteressiert ab.

Diese Aufstellung belegt einen Umstand eindrucksvoll: Nach wie vor klafft eine riesige Lücke zwischen der Social-Recruiting-Strategie von Unternehmen und der Art und Weise wie junge Kollegen die sozialen Kanäle wirklich nutzen. Aber nicht zuletzt das große Interesse von Seiten der jungen Umworbenen und HR-Verantwortlichen gleichermaßen zeigt: das wollen - das müssen wir ändern!

Dank des offenen Dialogs und dem spannenden Austausch mit der eigenen Zielgruppe, lernen immer mehr Unternehmen was es heißt, Social-Media-Recruiting wirklich zu leben und diese Lücke zu schließen. Selbst im digitalen Zeitalter ist oft immer noch das direkte Gespräch mit den richtigen Ansprechpartnern der wahre Weg zum Erfolg. Ganz klassisch - persönlich und analog. (bw)