EU-Studie

Social Media ist gut für die Polizei

Thomas Cloer
Thomas Cloer ist verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
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Die jetzt veröffentliche zweite Studie "Best Practice in Police Social Media Adaptation" des COMPOSITE-Projekts zeigt, dass der Einsatz von Social Media die Polizei in vielen Bereichen wirksam unterstützt.
Foto: David Adams

Befragt wurden einer Mitteilung des Fraunhofer FIT zufolge Polizeien in dreizehn europäischen Staaten. Neben dem Einsatz als Quelle kriminologischer Informationen eignen sich die sozialen Medien demnach vor allem zur Kommunikation mit der Bevölkerung, etwa auch in Krisensituationen oder bei Unruhen. Hervorzuheben ist zudem das hohe Potenzial zur Vertrauensbildung zwischen Polizei und Bevölkerung.

Im Rahmen des EU-Projekts COMPOSITE (Comparative Police Studies in the EU) wurden Interviews und Workshops mit IKT-Spezialisten von Polizeiorganisationen in Europa durchgeführt, unter anderem in Belgien, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Spanien. Die Studie fasst die Erfahrungen der Polizeien zusammen, die sich schon sehr früh den Chancen und Risiken der sozialen Netzwerke gestellt haben, sozusagen der "Social-Media-Pioniere". In Großbritannien etwa gehörten diese Werkzeuge schon bei vielen Polizeistationen zum Tagesgeschäft. Beamte informieren die umliegende Anwohnerschaft über ihre aktuellen Aktivitäten, geben Warnungen oder Suchanzeigen aus. Der Beamte vor Ort kommuniziert quasi wie eine eigene Pressestelle.

Die Präsenz der Polizei in den sozialen Medien hat auf unterschiedlichen Ebenen eine direkte Wirkung auf die Beziehung zwischen Polizei und Bevölkerung. Zum einen wird eine vertrauensvolle Verbindung zwischen Bürgern und Polizeien aufgebaut. Die Interaktion wird enger, der Dialog verstärkt. Die Polizeiarbeit wird transparenter, Bürger erleben die Polizei als menschlicher und das Vertrauen steigt. Verstärkt wird dies durch den in den sozialen Netzen üblichen persönlichen Kommunikationsstil, der im Gegensatz zur gewohnten bürokratischen Behördensprache steht.

"Über die Polizeiarbeit wird im Netz in jedem Fall diskutiert. Die Frage ist daher nicht, ob Polizeithemen etwas in sozialen Medien zu suchen haben, sondern wie die Polizeien daran teilhaben und die Vorteile nutzen", sagt Projektkoordinator Sebastian Denef vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT. "Denn wenn die Polizei nicht selbst aktiv wird, füllen andere die Lücke." Beispielsweise hat eine inoffizielle Facebook-Seite in Berlin mit Polizeinachrichten über 15.000 Fans. Und in der niederländischen Region Haaglanden hat der Twitter-Kanal eines selbsternannten Polizeifans stattliche 2500 Followers. Eine fehlende vertrauenswürdige Präsenz in den sozialen Medien kann so auch ein guter Nährboden für Gerüchte, Spekulationen und Missverständnisse sein.

Zudem sind die sozialen Medien ein wichtiger Kommunikationskanal zur jüngeren Bevölkerung - eine Gruppe, die für viele Aspekte der Polizeiarbeit von hoher Bedeutung ist, aber über traditionelle Medien, wie Tageszeitung, Fernsehen oder Radio, kaum mehr erreicht wird. Ein weiteres Feld, in dem sich die sozialen Netzwerke als nützlich erwiesen haben, sind Ausnahmesituationen wie Attentate oder etwa Großschadenslagen. In einer größeren Krisensituation sind soziale Medien ein probates Mittel, um die Bevölkerung unabhängig von polizeilichen IT-Infrastrukturen schnell zu informieren.

Man kann die sozialen Medien auch als einen neuen öffentlichen Raum unserer Gesellschaft betrachten, in dem die Polizei Sichtbarkeit und Präsenz zeigen muss. Seit April 2011 hat beispielsweise die Polizei von Helsinki drei Beamte in Vollzeit abgestellt, die eine virtuelle Polizeistation auf verschiedenen Social-Media-Plattformen betreuen. Bereits in den ersten Monaten gingen rund 250 Meldungen ein. Und auch in den Niederlanden sind bereits virtuelle Reviere im Dienst.

Trotz all der genannten Vorteile sind der Studie zufolge noch viele Fragen offen, etwa auf juristischer Seite. Besonders in Deutschland bedarf die rechtliche Lage der Klärung; in anderen Ländern sind die Hürden dafür niedriger. Auch das Zusammenspiel mit privaten Dienstleistern, die so wie Facebook oder Twitter im Ausland angesiedelt sind, ist für die Polizei nicht immer unproblematisch und es müssen noch Erfahrungen gesammelt werden. Diese Anstrengungen erscheinen laut Fraunhofer FIT aber vielversprechend vor dem Hintergrund des Potentials der sozialen Medien für die Polizei, das die Studie aufzeigt.

Die vollständige Studie kann man kostenfrei herunterladen (PDF-Link).