IBM Connect 2013

Social Business drängt Mail-System Notes in den Hintergrund

05.02.2013 | von 
Markus Strehlitz
Markus Strehlitz beschäftigt sich als freier Journalist mit allen Aspekten rund um das Thema Informationstechnologie sowie weiteren Technikthemen. Er schreibt sowohl für Fachzeitschriften wie Computerwoche und Online-Medien wie zdnet.de als auch für Tageszeitungen oder Wissenschaftsmagazine. Vor seiner Selbständigkeit arbeitete er als Redakteur im Software-Ressort der Computer Zeitung.
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IBM hält an seiner Social-Business-Strategie fest. Das wurde auf der Anwenderkonferenz Connect einmal mehr deutlich. Auf Basis der Plattform Connections stellt der Konzern Lösungspakete für spezielle Anwendungsszenarien zusammen. Das E-Mail-System Notes spielt dagegen nur noch eine Nebenrolle.
Foto: IBM

"Social Business hat sich vom Hype-Thema zum nachhaltigen Trend entwickelt", hatte Axel Oppermann, Analyst bei der Experton Group, unlängst festgestellt. Die IBM-Verantwortlichen dürften diese Einschätzung wohlwollend aufgenommen haben. Big Blue setzt bereits seit einigen Jahren mit seiner Collaboration-Sparte auf das Geschäft mit Social Software. Das Produktflaggschiff heißt "Connections", mit dem IBM eigenen Angaben zufolge im Markt mittlerweile recht erfolgreich ist.

Allerdings bietet IBM auch für das Social Business eine Vielzahl an verschiedenen Techniken und Anwendungen, die sich alle miteinander kombinieren lassen - was für die Anwender jedoch nicht immer übersichtlich ist. Um dem entgegenzuwirken, schnürt IBM verschiedene Produktpakete, die jüngst auf der weltweiten Anwenderkonferenz "Connect" im US-amerikanischen Orlando präsentiert wurden. "Wir setzen Teile unserer verschiedenen Technologien für Lösungen zusammen, die bestimmte Prozesse in den Unternehmen unterstützen", erklärt Mike Rhodin, Senior Vice President für das Software-Geschäft, die Strategie.

Social Business rund um Mitarbeiter und Kunden

In Florida präsentierte IBM Social-Business-Suiten, mit denen Unternehmen Anwendungen für zwei wichtige Zielgruppen bereitstellen können: Mitarbeiter und Kunden. Dazu kombiniert IBM Techniken aus dem Bereich Social Software, Datenanalyse, Content-Management sowie Integrations-Werkzeuge wie "Websphere".

„Wir setzen Teile unserer verschiedenen Technologien für Lösungen zusammen, die bestimmte Prozesse in den Unternehmen unterstützen“, Sagt Mike Rhodin, Senior Vice President für IBMs Software-Geschäft.
„Wir setzen Teile unserer verschiedenen Technologien für Lösungen zusammen, die bestimmte Prozesse in den Unternehmen unterstützen“, Sagt Mike Rhodin, Senior Vice President für IBMs Software-Geschäft.
Foto: IBM

Für den Personalbereich hat der Konzern etwa die "Employee Experience Suite" entwickelt. Dafür werden die genannten Techniken noch um die "2X-Plattform" ergänzt, die IBM kürzlich mit der Übernahme von Kenexa erworben hat. Kenexa ist ein Anbieter von Human-Resources-Software (HR), die Firmen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern und der Förderung ihres Personals unterstützt. Durch die Verknüpfung mit Connections können sich Mitarbeiter eines Unternehmens zum Beispiel untereinander mithilfe eines sozialen Netzwerks austauschen. Die Personalverantwortlichen haben die Möglichkeit, Communites aufzubauen, um Kontakt zu potenziellen Mitarbeitern herzustellen und die Attraktivität des Unternehmens für interessante Kandidaten zu erhöhen.

Dank der integrierten Analyse-Funktionen sollen die Unternehmen außerdem in der Lage sein, die Potenziale und Förderbedarfe ihrer Mitarbeiter festzustellen und entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen anzustoßen. Mithilfe einer "Social-Learning-Suite" können den Mitarbeitern dann auch die passenden Software-Werkzeuge zur Verfügung gestellt werden - ebenfalls ergänzt durch Web-2.0-Technologien.

So genanntes Talent-Management, wie es Kenexa anbietet, wird offenbar für die großen IT-Hersteller zunehmend interessanter. Auch SAP hat mit SuccessFactors unlängst einen Anbieter aus diesem Bereich übernommen, und Oracle hat sich an gleicher Stelle mit der Akquisition von Taleo verstärkt. Angesichts des herrschenden Fachkräftemangels gewinnen solche Werkzeuge im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter für die Anwenderunternehmen zunehmend an Bedeutung.

Connections bleibt zentrale Plattform

Wichtig bleibt für die Firmen auch der Kampf um die Kunden. Dafür bietet IBM ebenfalls entsprechende Lösungen aus seinem Social-Business-Portfolio an. Diese werden nun um den Social Media Publisher ergänzt, mit dem Marketing-Verantwortliche Kampagnen und Promotion-Aktionen in sozialen Netzwerken umsetzen können. "IT-Wissen ist dafür nicht notwendig", behauptet Craig Hayman, General Manager für Industrielösungen von IBM.

Die Social-Business-Lösungen von IBM sollen sich auch ohne umfangreiches IT-Wissen bedienen lassen, sagt Craig Hayman, General Manager für die Industrielösungen von IBM.
Die Social-Business-Lösungen von IBM sollen sich auch ohne umfangreiches IT-Wissen bedienen lassen, sagt Craig Hayman, General Manager für die Industrielösungen von IBM.
Foto: IBM

Im Zentrum steht die Plattform "Connections", die es ab März in einer neuen Version geben wird. Eines der Highlights von "Connections 4.5" ist laut IBM ein Add-on, mit dem die Social Software um Dokumenten-Management-Funktionen erweitert wird. Anwender könnten IBM zufolge damit klassische Features wie Check-in/Check-out innerhalb ihres sozialen Netzwerks nutzen. "Content gets social", sagte Alistair Rennie, General Manager von IBMs Collaboration-Sparte. Frei übersetzt: Dokumenten-Management und Social Business finden zusammen. Die dafür nötige Technik stammt von IBMs Content-Management-System "Filenet".

Marktforscher von IDC oder der Experton Group sehen IBM als einen der führenden Anbieter von Software für das Social Business. Nach Meinung von Experton-Group-Analyst Frank Heuer kann Big Blue diese Position durch seine Ankündigungen auf der Connect ausbauen. Besonders die verstärkte Integration von Analyse-Technik hält er für interessant. IBM-Manager Rhodin hält Datenanalyse gar für "die neue Geschäftssprache". Unternehmen könnten mittlerweile Daten aus einer Vielzahl von verschiedenen und neuen Quellen ziehen und daraus Wissen für ihre Prozesse gewinnen.

Auf dieses Wissen sollen Unternehmen in der IBM-Welt auf verschiedenen Wegen zugreifen können. Grundsätzlich sei es Teil der Strategie, alle Funktionen über inhouse-installierte Lösungen, in der Cloud und auf mobilen Geräten zur Verfügung zu stellen, hieß es von Seiten des Herstellers. So ist etwa eine Cloud-Version der kompletten Connections-Plattform noch für dieses Jahr geplant. Im mobilen Bereich unterstützt Big Blue die Apple-, Android- und Blackberry-Plattformen - jedoch nicht Windows 8. Die Nachfrage nach Unterstützung des Microsoft-Betriebssystems von Windows sei zu gering, meinte Heidi Ambler, Director für Social Software. IT-Anbieter wie Hewlett-Packard und SAP sehen das indes anders. Beide IT-Konzerne hatten auf ihren jüngsten Anwenderkonferenzen von einem verstärkten Interesse an mobilen Lösungen für Windows 8 berichtet.

Unabhängig von der Plattformfrage gehören aus Sicht der IBM-Strategen Anwendungen für Smartphones und Tablet-Computer derzeit zu den Top-Themen in der IT-Welt. Der Konzern werde der Relevanz dieser Themen nach Meinung von Heuer gerecht. "IBM führt die großen vier Trends Social, Big Data, Cloud und Mobile zusammen und Connections dient dafür als Klammer", so der Analyst.

Notes spielt nur noch eine Nebenrolle

Im Gegensatz zum Social Business kann IBM im E-Mail-Umfeld längst nicht mehr als Marktführer punkten. Die IBM-eigene Mail-Umgebung "Notes/Domino" wird in den Unternehmen zunehmend von Microsofts "Outlook/Exchange" abgelöst. Dieser Entwicklung wird nach Einschätzung vieler Experten weiter anhalten. IBM versucht daher, auch in diesem Bereich die Brücke zu seinem Social-Business-Geschäft zu schlagen. In Orlando kündigte IBM für den März die Version 9 von Notes/Domino an, die der Hersteller als "Social Edition" bezeichnet.

Notes dient dabei als Posteingang für Nachrichten aller Art - sowohl für E-Mails als auch für Informationen aus sozialen Netzwerken. Notes/Domino 9 ist die erste große Produktankündigung auf der E-Mail-Plattform seit fünf Jahren. Allerdings machten die IBM-Verantwortlichen daraus nicht viel Aufhebens. Neben den Vorstellungen der Social-Business-Produkte ging diese Nachricht fast unter. Das verdeutlicht die untergeordnete Rolle, die Notes und Domino im IBM-Portfolio mittlerweile spielen.

Wenn Anwender im Unternehmen noch mit Notes arbeiten, wollen sie dies zunehmend über den Browser machen. "Die Leute sind nicht mehr am Rich Client interessiert", berichtete Scott Souder, Program Director für Messaging und Collaboration bei IBM. "Sie wollen schlanke Lösungen." Modernisierung, offene Standards und einfache Bedienung seien Trends, welche die Entwicklung im Messaging-Bereich vorantrieben. "Oft sind es kleine Dinge, die den Unterschied machen", so Souder. So habe IBM zum Beispiel bei Notes die Eingabe des Passworts vereinfacht.

Offenheit für Connections

Offen zeigt sich IBM bei der Integration mit der Software von Wettbewerbern. Funktionen von Connections lassen sich IBM zufolge nun in Outlook einbinden. Nutzer könnten so innerhalb des Mail-Clients zum Beispiel Profile aus dem sozialen Netzwerk aufrufen. Die Integration mit Outlook hält Experton-Group-Analyst Heuer für sinnvoll: "Das ist ein guter und pragmatischer Ansatz." IBM passe sich damit den Marktgegebenheiten an.

Foto: IBM

Die Integration mit Mail-Systemen wird auch weiterhin relevant bleiben. In der Vergangenheit hatte IBM zwar bereits das nahende Ende der E-Mail verkündet. Mittlerweile sind solche Äußerungen allerdings nicht mehr zu vernehmen. Auch für die Anwender hat die E-Mail-Technik nach wie vor eine große Bedeutung, wie Nachfragen auf Connect bestätigten. Allerdings gibt es durchaus Veränderungen. "Die Entwicklung geht verstärkt in Richtung der Social-Business-Prinzipien", sagt Heuer. "Doch E-Mail wird weiterhin eine große Rolle spielen."

Das gilt auch für Büroprogramme im Arbeitsalltag der Unternehmen. Zurzeit gebe es jedoch keinen Anbieter, der alle Bedürfnisse hinsichtlich Office-Produktivitätslösungen und Social-Business-Funktionen erfüllen könne, meint Heuers Kollege Oppermann. Zumindest ansatzweise versucht IBM diese Lücke mit seinem Produkt "Docs" zu schließen. Docs ist eine Büro-Software mit der Anwender gemeinsam Textdokumente, Tabellen oder Präsentationen bearbeiten können. Das Werkzeug lässt sich mit Google Docs vergleichen und ist als Cloud-Anwendung verfügbar. Laut IBM-Managerin Heidi Ambler soll noch im Laufe des Jahres auch eine On-premise-Variante auf den Markt kommen.

Social Business beschleunigt die Prozesse

Dass Social Business mehr ist als ein bloßer Hype, zeigen auch Zahlen der Experton Group. Die Analysten gehen davon aus, dass bis 2016 der Anteil von Social Software im Markt für Unified Communications und Collaboration (UCC) 25 Prozent betragen wird. Insgesamt werde das Geschäft mit UCC bis dahin um 87 Prozent wachsen.

Laut IBM nutzen bereits 61 Prozent der Fortune-100-Unternehmen die eigenen Social-Business-Techniken. Auch für Deutschland kann IBM einige Firmen präsentieren, die mit solchen Systemen arbeiten. Dazu zählt etwa Bosch. Dort verwenden zurzeit rund 7000 Mitarbeiter die Connections-Plattform, wie CIO Gerd Friedrich berichtet. Seinen Angaben zufolge hat die Vernetzung der Mitarbeiter über die Social Software vor allem die Abläufe im Bereich Forschung und Entwicklung beschleunigt. Die Lösung soll künftig weiter ausgebaut werden. So ist geplant, vorhandene IT-Systeme wie etwa die Dokumenten-Management-Lösung zu integrieren. Außerdem wollen die Verantwortlichen den Zugriff auf Connections über mobile Endgeräte ermöglichen. (ba)