Johannes Helbig | Deutsche Post

SOA-Evangelist wider Willen

Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Kein anderer CIO predigt Service-orientierte Architektur so überzeugend wie Johannes Helbig. Liegt das an SOA? Oder an Helbigs Leidenschaft, Management-Prinzipien zu diskutieren?

SOA hat als Medienhype ausgedient. Die ersten Leser reagieren bereits aggressiv auf das Buzzword. Zu unkonkret, zu komplex, zu verwaschen vom IT-Markt. 1000 Anbieter lassen ihre Produkte unter der SOA-Fahne segeln. Alles, was irgendwie nach Integration klingt, ist auf einmal SOA. Bei aller Sympathie für die Kernidee kriegen die ersten CIOs Hass-Gefühle, wenn mal wieder ein Berater auf der SOA-Wolke vorbeischwebt. Johannes Helbig hingegen wird nicht müde, das Thema zu ventilieren. Allerdings hat er Sorge, auf die Rolle des "Mr. SOA" reduziert zu werden: "Wenn SOA für die Management-Prinzipien steht, die guter Enterprise-Architektur zugrunde liegen, fühle ich mich durch eine soche Bezeichnung geehrt. Aber SOA darf nicht als Evangelium missverstanden werden. Es ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit", sagt Helbig.

Kurzporträt | Johannes Helbig

Geburtsjahr1961.

PositionMitglied des Bereichsvorstands.

StationenMcKinsey & Company (1995 2001), Universitäten Berkeley und Oldenburg (1987 1994)

.

AusbildungDiplominformatiker, Promotion.

Ein CIO muss ...

die Startbahnen legen, auf denen die Piloten des Business durchstarten können.

Er liest ..."Whats going on in there How the Brain and Mind Develop in the First Five Years of Life" von Lise Eliot.

Er wollte mal ... Naturforscher werden.

Unternehmen

BrancheTransport/Logistik.

Mitarbeiter 500 000.

IT des Unternehmens

Mitarbeiter1000.

ProjekteAbschluss Stufe I des SOA-Programms (Neuausrichtung der IT-Organisation) und Abschluss der ersten Phase von Stufe II (Externalisierung als Grundlage für Kollaboration und Integration mit Kunden und Partnern).

ZieleUnter anderem: Ausbau der Qualitätsführerschaft in der Produktion.

In einer Powerpoint-Präsentation zur IT-Strategie der Post vom August 2007 spricht er lieber vom großen Ganzen. Helbig argumentiert auf den 135 Seiten nicht an konkreten Anwendungsbeispielen entlang. Vielmehr verlangt er umfassend: "Vermeide Megaprojekte! Entwickle eine modulare Unternehmens-Architektur! Mit modularen Diensten lassen sich neue Anwendungen wie Legosteine zusammensetzen!" Helbig bewegt sich bewusst auf einer Meta-Ebene und schiebt nicht eines der 180 Projekte in den Vordergrund, die er in den letzten zwei Jahren abgeschlossen hat. "Move" wäre so eines: 1500 Sortiermaschinen in 83 Briefzentren werden dadurch neu gesteuert. Nicht der Rede wert, findet Helbig, der Move in einer Zeile unter Punkt I.3.c seiner Bewerbung zum CIO des Jahres abhandelt.

Nach sechs Jahren McKinsey

Helbig steuert die IT der Post-Bereiche Brief, Mail International, DHL Paket, der Filialen und von Wiliams Lea Deutschland. Rund 1000 Mitarbeiter sind ihm unterstellt. Angesichts dieser Verantwortung kümmert er sich nur am Rande um Sortiermaschinen. Fragt man Helbig, was das Wichtigste seiner Strategie sei, nennt er drei Punkte (natürlich nennt er drei Punkte, Berater nennen immer genau drei Punkte, und Helbig war sechs Jahre bei McKinsey):

1. Ziel: SOA als grundlegende Basis für

strategische Flexibilisierung nach Wegfall des Briefmonopols;

evolutionären Migrationsansatz zum Schutz bestehender Investitionen und Vermeidung von Großprojektrisiken;

Business-Prozess-Baukasten für Ausbau des Mehrwertleistungsgeschäfts.

2. Ziel: Ein föderales Modell in der Organisation, gekennzeichnet durch

Verankerung der IT als vollwertige strategische Geschäftsfunktion (statt als Querschnitt);

hohe dezentrale Eigenverantwortlichkeit der Fachbereiche;

konsequente Trennung von Demand und Supply;

Ausprägung der Demand-Seite (CIO) als schlanker Business-seitiger Service-Management-Bereich (Schwerpunkt: Prozesse, nicht Technik) zur Sicherstellung von Innovation, architektonischer Integrität, Effizienz;

konzernübergreifende Harmonisierung durch föderales IT Board als höchste Governance-Instanz.

3. Ziel: Eine Neuverteilung der Ressourcen durch

vollständiges Outsourcing von Infrastrukturleistungen und Anwendungsentwicklung;

Verlagerung des internen Qualifikationsschwerpunktes auf strategische Kompetenzen ("Upstream"-Prozesse in der IT-Wertschöpfungskette);

Power-Shift von externen Integratoren hin zum Auftraggeber;

Lenkung des Budgets auf Neuentwicklungen ("Change vs Run").

Das "SOA Innovation Lab"

Konkrete Projekte haben auf dieser Meta-Ebene keinen Platz. Wer sie sehen will, kann auf die "SOA-Days" der Post gehen. Zweimal jährlich präsentiert Helbig dort, wie man eine SOA-Strategie zu konkreten Funktionsbausteinen verarbeitet. "Senacor", die kleine IT-Tochter der Post, tritt dabei als Dienstleister zwischen den IBMs und Oracles auf. Helbig selbst hat auf den letzten SOA-Days nur noch Grußwort und Verabschiedung gesprochen. Ansonsten zieht sich der Vordenker lieber in das "SOA Innovation Lab" zurück, einen Kreis von Anwendern, die SOA-Standards zu definieren suchen. Vertreter von Bahn, Bayer, Commerzbank, Daimler, Siemens, VW und anderen hat der Post-CIO darin um sich geschart. CIOs und Chefarchitekten von 18 führenden Anwenderunternehmen haben sich am 7. September unter seiner Regie erstmals zusammengefunden.

Das passt zu Helbig. Herkunftsbedingt, so sagt er, orientiere er sich an den preußischen Tugenden Fleiß, Ausdauer und ziviler Courage. Während SOA in den Medien langsam ins Tal der Desillusion hinabkippt, sammelt der Post-CIO die Schar der Gläubigen um sich und gründet mit Senacor sogar eine eigene SOA-Firma aus. Das ehrt ihn. Kein anderer deutscher CIO bekennt sich in seinem Handeln so sehr zu einem Thema. Der Verdienst für die CIO-Community ist unbestritten.