Die Zukunft der Softwareentwicklung

SOA - der Weg zur Lean IT?

Bettina Dobe ist freie Journalistin aus München. Sie hat sich auf Wissenschafts-, Karriere- und Social Media-Themen spezialisiert. Sie arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland.
Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
In einigen Jahren könnten Service-orientierte Architekturen die Basis für eine industrielle Softwareproduktion bilden, in der Fachanwender ihre Programme selbständig zusammenstellen. Das zumindest prognostiziert der Analyst Wolfgang Martin.

"Die Überlastung der IT zwingt die Fachabteilungen zur Selbsthilfe", konstatierte Martin auf dem von IIR Technology veranstalteten SOA-Kongress 2008 in Mainz. Das Entwickeln von Anwendungen müsse sich künftig ohne klassische Programmierarbeit in den Fachabteilungen erledigen lassen. Wenn durchschnittlich 80 Prozent der IT-Budgets durch den laufenden Betrieb verschlungen würden, blieben den Unternehmen zu wenige Ressourcen für Innovationen. Der Weg aus diesem Dilemma führe über eine schlanke IT ("Lean IT"), die sich an den Prinzipien der industriellen Produktion orientiere. Die technische Basis bilden SOA-Infrastrukturen und darauf aufsetzende Service-Delivery-Plattformen.

"Industrialisierung und Agilität sind erfolgsentscheidend", so Martin. "Prozesse müssen ohne Zeitverzug an neue Situationen anpassbar sein." Eine industrialisierte Softwareproduktion kombiniere typische Vorteile von Standardsoftware, allen voran eine schnelle Implementierung, mit den Möglichkeiten maßgeschneiderter Individualsoftware. Damit verbunden sei "eine neue Arbeitsteilung zwischen Business und IT", die in den Unternehmen ein radikales Umdenken erfordere.

Lean Production als Vorbild

Nach dem Vorbild der Lean Production sollten IT-Verantwortliche einen Prozess mit einer neuen Fertigungstiefe etablieren, empfahl der Analyst: Ähnlich wie beispielsweise in der Automobilindustrie bilde ein Plattformmodell die Basis für die "Servicefabrik" der Zukunft. Auf die Softwareentwicklung übertragen bedeute dies, dass Fachanwender auf einer komponenten-orientierten Plattform Business-Services ohne Hilfe der IT eigenständig zusammenstellen.

Die Idee einer Softwareplattform mit individuell kombinierbaren Komponenten ist freilich alles andere als neu. Viele IT-Experten dürften sich dabei etwa an die Anfänge der Objektorientierung erinnern. Durch die Kombination von Service-orientierten Architekturen mit Web-2.0-Techniken könnte das Konzept aber eine neue Qualität gewinnen, glaubt Martin. Nach seinen Vorstellungen entsprechen die Business-Services in der industrialisierten IT der individuellen Implementierung eines Prozesses mit Hilfe von "Business Mashups". Diese ließen sich aus internen wie externen Services kombinieren. Der Analyst zog dabei Parallelen zu den Funktionsprinzipien des Web 2.0: "Der IT-Konsument wird zum IT-Produzenten." Andere Protagonisten sprechen in diesem Zusammenhang auch von Composite Applications.