So reagieren IT-Entscheider auf die Wirtschaftskrise

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Der aktuellen Trendstudie von Capgemini zufolge wirkt sich die angespannte Situation auf zwei Fünftel der IT-Budgets aus.

Welche Themen spielen für die IT eine entscheidende Rolle? Und wie entwickeln sich die Budgets? Diese Fragen stellte das Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Capgemini auch in diesem Jahr wieder Entscheidungsträgern aus rund 100 Unternehmen, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz beheimatet sind. Besondere Brisanz bekommen deren Antworten vor dem Hintergrund der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Optimistisch für 2011

Zwei von fünf Unternehmen haben aufgrund der aktuellen Krise ihre IT-Budgets verringert. Die gute Nachricht: Die Mehrheit tat das nicht.
Zwei von fünf Unternehmen haben aufgrund der aktuellen Krise ihre IT-Budgets verringert. Die gute Nachricht: Die Mehrheit tat das nicht.

Wie sich herausstellte, sind 40 Prozent der IT-Budgets für 2009 unmittelbar von der Krise betroffen - in den meisten Fällen negativ. Die Zahlen datieren laut Capgemini von Oktober und November 2008, wurden also gesammelt, kurz nachdem die Bundesregierung für die Sicherheit der Spareinlagen garantierte und der Börsengang der Deutschen Bahn wegen der Finanzkrise verschoben worden war. Trotzdem erwarteten damals 32 Prozent der Befragten eine Budgetsteigerung.

Die Erwartungen für das Jahr 2010 sind ausgeglichen; jeweils ein knappes Drittel rechnet mit Steigerung, Stagnation beziehungsweise Senkung der IT-Ausgaben im Vergleich zum Status quo. Für 2011 obsiegt sogar wieder der Optimismus: Fast jeder zweite (48 Prozent) Umfrageteilnehmer ist zuversichtlich, dass die IT dann mehr Geld zur Verfügung haben wird als im laufenden Jahr.

Die Trendstudie

  • Die Studie "IT-Trends" wird jährlich von Capgemini erarbeitet.

  • In diesem Jahr beteiligten sich Führungskräfte aus 96 Unternehmen.

  • Davon stammen 62 aus Deutschland, 21 aus Österreich und 13 aus der Schweiz.

  • Bei den Branchen dominieren die Serienfertiger (25 Prozent) sowie Finanzdienstleister und Versicherungen (21 Prozent).

  • Knapp die Hälfte der Umfrageteilnehmer setzt im Jahr mehr als eine Milliarde Euro um, elf Prozent zwischen 500 Millionen und einer Milliarde, ein Drittel weniger als 500 Millionen.

  • Die Befragung fand zwischen dem 22. Oktober und dem 28. November 2008 statt.

  • Die Teilnehmer wurden schriftlich eingeladen und erhielten einen persönlichen Zugangscode zum Online-Fragebogen.

Von den Kürzungen kaum betroffen sind Customer-Relationship-Management (CRM), Business Intelligence (BI) und Portale. Hier wollen jeweils mehr als 40 Prozent der befragten Unternehmen in den kommenden fünf Jahren ihre Investitionen erhöhen. Wie Capgemini mitteilt, sind Portale der einzige IT-Bereich, für den schon in diesem Jahr mehr Unternehmen ihren Beutel weiter öffnen als im vergangenen. Die Erklärung liegt auf der Hand: Portalprojekte zielen darauf ab, Self-Services anzubieten, also den Automatisierungsgrad der Geschäftsprozesse zu steigern und auf diese Weise die Kosten zu senken.

Kernprozesse im Fokus

Das im vergangenen Jahr noch gehypte Thema Mobility/Wireless hat sich offenbar etabliert. Hier bleiben die Ausgaben mehrheitlich (zu 54 Prozent) stabil. Auch für ausgelagerte IT-Services (Outsourcing) wollen die befragten Unternehmen in diesem Jahr zum größten Teil genauso viel ausgeben wie im vergangenen. Dasselbe gilt - in verstärktem Maß (zu 61 Prozent) - für das Thema Security.

Zum ersten Mal seit fünf Jahren steht Sicherheit nicht mehr an erster Stelle, wenn es um die "wichtigen" oder "sehr wichtigen" IT-Themen geht.
Zum ersten Mal seit fünf Jahren steht Sicherheit nicht mehr an erster Stelle, wenn es um die "wichtigen" oder "sehr wichtigen" IT-Themen geht.

Eher weniger als mehr werden die Umfrageteilnehmer heuer für IT-Infrastruktur- und IT-Service-Management ausgeben: 28 Prozent wollen ihre Aufwände auf diesem Sektor reduzieren. Das liegt den Capgemini-Zahlen zufolge wohl daran, dass dieses Thema im vergangenen Jahr sehr hoch gehandelt wurde.

Dass die IT-Infrastruktur nach wie vor hohe Aufmerksamkeit bei den Entscheidungsträgern genießt, belegen die Antworten auf eine andere Frage: Um die Einordnung auf einer Skala von 1 ("sehr wichtig") bis 6 ("völlig unwichtig") gebeten, kreuzten 67 Prozent der Befragten die 1 oder 2 an. Damit rangieren Themen wie beispielsweise Itil (IT Infrastructure Library) knapp hinter ERP und Harmonisierung der Kernprozesse (70 Prozent) - sowie deutlich vor dem Spitzenreiter der vergangenen fünf Jahre, IT-Sicherheit (62 Prozent).

Aus der letzten Krise gelernt

Die meisten IT-Bereiche haben in den vergangenen Jahren bereits die eine oder andere Sparmaßnahme hinter sich gebracht, so dass die Potenziale für Effizienzsteigerungen zum großen Teil ausgeschöpft sind. Deshalb könnten radikale Einschnitte jetzt dazu führen, dass die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, warnt Capgemini.

Die meisten Umfrageteilnehmer haben sich genau überlegt, wo sie sparen können.
Die meisten Umfrageteilnehmer haben sich genau überlegt, wo sie sparen können.

Umso interessanter ist die Frage, was diejenigen tun werden, deren Budget aufgrund der Finanzkrise noch einmal beschnitten wurde. Capgemini bezeichnet die Reaktionen auf die sich abzeichnende Krise als "erstaunlich geordnet": Zuerst würden anstehende Projekte, wenn möglich, aufgeschoben, dann Verhandlungen mit Herstellern und Lieferanten geführt und die Systeme weiter konsolidiert, um Lizenz- und Wartungskosten zu sparen. 45 Prozent der Befragten wollten gegebenenfalls auch Personal entlassen. Der Abbruch von Projekten sei höchstens für den Notfall vorgesehen; weil er bereits getätigte Investitionen zunichte mache, koste er am meisten Geld.

Den "routinierten" Umgang mit der wirtschaftlichen Situation führt Capgemini darauf zurück, dass die Mehrheit der Befragten aus der Dotcom-Krise zu Beginn des Jahrzehnts gelernt habe. Das belege auch die Entwicklung des Budgets für wichtige Themen. Seit 2001 sinke der für Innovationen reservierte Anteil der IT-Ausgaben beständig: Waren es 2004 noch etwa 35 Prozent, so standen im vergangenen Jahr nur noch etwas mehr als 20 Prozent zur Verfügung.

Durch dieses permanente Abschmelzen seien viele Neuerungen in den Unternehmen auf der Strecke geblieben, so der IT-Dienstleister. Und denselben Fehler wollten die IT-Verantwortlichen kein zweites Mal machen. Deshalb strebten sie an, ihre Innovationsbudgets wieder zu erhöhen - auf durchschnittlich 25 Prozent - und dafür in den klassischen IT-Bereichen zu sparen. Das bedeute: die internen Serviceprozesse weiter standardisieren, den Preiskampf am Hardwaremarkt führen und die Outsourcing-Verträge neu aushandeln.

Geringer Innovationsbeitrag

Darüber hinaus stellen sich die Unternehmen systematisch die Frage, welche Technik oder welcher IT-Bereich den größten Beitrag zur Innovation im Unternehmen leiste. Bei der Capgemini-Umfrage schnitten BI-, ERP- und Harmonisierungsprojekte am besten ab. Allerdings werde auch ihr Beitrag insgesamt als eher mäßig eingestuft, über eine durchschnittliche Bewertung von 2,6 auf einer Skala von 1 bis 6 komme nicht einmal BI hinaus, berichet Capgemini. Den geringsten Beitrag leiste in den Augen der Studienteilnehmer das Outsourcing. Das lasse darauf schließen, dass kaum ein Unternehmen die Möglichkeit nutze, per Outsourcing die eigenen Prozesse und die eigene Infrastruktur zu verbessern.

Beim Preis-Leistungs-Verhältnis schneidet wie erwartet die IT-Infrastruktur am besten ab. Hier würden die Kosten seit Jahren optimiert, neue Technologien, beispielsweise die Virtualisierung, ermöglichten umfassende Einsparungen, erläutert Capgemini.

Die schlechtesten Werte erhielten hier die Service-orientierten Architekturen (SOA). Die Projekte seien aufwändig, und die Vorteile griffen erst einige Zeit nach Abschluss der Umstellung. Zudem berichte nur ein kleiner Teil der Befragten von praktischen SOA-Erfahrungen, hat Capgemini ermittelt. Und lediglich 36 Prozent der IT-Leiter hätten die "schwierige Aufgabe" auf sich genommen, eine quantitative Kosten-Nutzen-Rechnung für ihr SOA-Projekt zu erstellen. Die Mehrheit urteile also aufgrund von Schätzungen.