Problematische Cobol-Altlasten

So bringen Sie Altanwendungen in die Cloud

Bernhard Steppan ist Leading Consultant bei der SYRACOM Consulting AG.
Cloud Computing bietet bekanntlich viele Vorteile, beispielsweise eine höhere Flexibilität oder potenziell geringere Kosten. Diese lassen sich aber nur nutzen, wenn es gelingt, Individualanwendungen Cloud-fähig zu machen.

Digitalisierung ist derzeit eines der beherrschenden IT-Themen. Sie ist die treibende Kraft, die dafür sorgt, dass sämtliche Prozesse und Geschäftsmodelle auf den Prüfstand kommen. Dazu gehören auch die oft schwerfälligen Prozesse bei der Bereitstellung der IT-Infrastruktur. Um hier flexibler und kostengünstiger zu werden, bietet es sich an, möglichst viele Anwendungen in eine Cloud zu verschieben. Unternehmen, die ihre Individualanwendungen in die Cloud hieven wollen, müssen jedoch einen steinigen Weg beschreiten.

Im Gegensatz zu vielen Standardanwendungen, die inzwischen bereit für die Cloud sind, ist Individualsoftware oftmals inkompatibel zu gängigen Cloud-Lösungen. Der Grund hierfür ist, dass diese Anwendungen aus einer Zeit stammen, in der Cloud Computing noch kein Thema war. Derartige Individualsoftware ist für eine spezielle Topologie und Infrastruktur entwickelt worden, die sich von heutigen Cloud-Umgebung mehr oder weniger stark unterscheidet.

Siehe auch: So räumen IT-Architekten die Applikationslandschaften auf

Beispiel: Touristikunternehmen

Um Individualsoftware in einer Cloud betreiben zu können, müssen diese Lösungen Schritt für Schritt umgestellt und an die neue Cloud-Umgebung angepasst werden. Hierbei sind, je nach Ausgangssituation, mehr oder weniger tiefgreifende Änderungen an den Anwendungen notwendig. Hier stellt sich die Frage, wie das Verhältnis von Kosten zu Nutzen aussieht. Das Vorgehen bei der Überprüfung der Wirtschaftlichkeit und bei der Transformation hängt stark vom Reifegrad der IT eines Unternehmens und dem Aufbau der Anwendungen ab.

Diese Schritte sind bei der Überführung von Altanwendungen in Cloud-Umgebungen zu durchlaufen (Abbildung 1).
Diese Schritte sind bei der Überführung von Altanwendungen in Cloud-Umgebungen zu durchlaufen (Abbildung 1).

Ein Beispiel ist in Abbildung 1 zu sehen. Es zeigt in Kern einen konventionellen Wasserfallprozess. Die eigentliche Transformation kann jedoch iterativ ablaufen. Insgesamt ist der Prozess so ausgerichtet, dass sich das nicht unerhebliche Risiko einer Migration von Alt-Anwendungen in den Griff bekommen lässt.

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Anhand eines fiktiven Touristikunternehmens soll gezeigt werden, wie sich dieses Vorgehensmodell anwenden lässt. In der Definitionsphase beschreibt in diesem Beispiel ein Projektteam die Motivation für eine Cloud-Migration wie folgt: Die Hauptmotivation ist, dass der Konzern unter starkem Kostendruck steht und zudem ein eigenes Rechenzentrum nicht mehr als eine seiner Kernkompetenzen ansieht. Zudem werden einige Anwendungen nur saisonal stark benötigt, blockieren aber das ganze Jahr über Rechnerkapazitäten.

Das Projektteam legt daher folgende Ziele fest: das eigene Rechenzentrum soll ausgelagert werden. Als erste Outsourcing-Maßnahme gilt es, möglichst viele Anwendungen zu einem Drittanbieter in eine kostengünstige Cloud zu verlagern. Ziel soll sein, die Rechnerkapazitäten nur dann zu bezahlen, wenn sie auch benötigt werden.

Cloud-Arten

In einer Public Cloud erreichen Anwender maximale Flexibilität bei geringsten Kosten, da nutzungsabhängig bezahlt wird. Besonders wenn die Belastung einer IT-Infrastruktur starken Schwankungen unterliegt, ist dieser Cloud-Typ attraktiv. Nachteil ist, dass man für solche Umgebungen passgenau entwickeln muss und keinen Einfluss auf die Ausgestaltung der Umgebung hat.
Aus Datenschutz- und Sicherheitsgründen ziehen viele Unternehmen eine Private Cloud vor. Sie möchten auf Altanwendungen, die mit hochkritischen Daten arbeiten, weiterhin problemlos zugreifen können. Nachteil ist, dass sich der Mehrwert von Cloud-Lösungen in diesen Fällen oftmals nicht einstellt. Zudem ist die immer wieder genannte größere Zuverlässigkeit nachweislich eine Illusion, da öffentliche Clouds in der Regel deutlich professioneller betrieben werden.
Als Hybrid Clouds bezeichnet man Mischformen beiden Ansätze. Sie versuchen, das Beste aus beiden Welten zu vereinen. So laufen bestimmte Services bei öffentlichen Anbietern über das Internet, während Anwendungen und Daten mit hochsensiblen Daten im Unternehmen verbleiben.

Der IT-Bebauungsplan hilft bei der Bestandsaufnahme

Der Konzern hat eine historisch gewachsene Anwendungslandschaft mit vielen unternehmenskritischen Individualanwendungen, die in einer Zeit entstanden sind, als es noch keine Alternativen zu einer individuellen Entwicklung gab. In einer Inventarisierungsphase aktualisiert das Architektur-Management des Unternehmens den bisherigen IT-Bebauungsplan. Mithilfe dieses Plans lassen sich die Anwendungen einordnen: nach ihrer Technologie, nach den Organisationseinheiten und nach ihrer Stellung innerhalb der Geschäftsprozesse. Der IT-Bebauungsplan gibt Auskunft darüber, welche Anwendungen bestimmte Geschäftsbereiche und Prozesse des Konzerns abdecken, zum Beispiel den Vertrieb oder die Katalogproduktion. Zudem liefert der IT-Bebauungsplan eine Bestandsausnahme der vorhandenen IT-Anwendungen.

Die wichtigsten Teile der IT-Bebauung - mit dem Buchungskernsystem im Mittelpunkt (Abbildung 2).
Die wichtigsten Teile der IT-Bebauung - mit dem Buchungskernsystem im Mittelpunkt (Abbildung 2).

Ergebnis der Phase ist ein Plan der gesamten Anwendungslandschaft, wovon die Abbildung 2 die wichtigsten Teile der IT-Bebauung zeigt. Die Abbildung besteht im linken Bereich aus dem Buchungskernsystem, mit dem sich im Reisebüro Reisebuchungen vornehmen lassen. Daran hängt der Internetauftritt des Unternehmens, mit dessen Hilfe Reisen über das Internet gebucht werden können. Diese Anwendungen initiieren die Transaktionen im Buchungskern. Unterhalb des Buchungskerns ist das Flugeinkaufssystem zu sehen, über das der Einkäufer Charterflüge für den Konzern organisiert und der Buchungssoftware zur Verfügung stellt.

Im mittleren Bereich des Bebauungsplans befindet sich das Hoteleinkaufssystem. Damit beschafft der Einkäufer Zimmerkontingente bei Hotels und stellt sie dem Buchungssystem zur Verfügung. Mit dem Preiskalkulationssystem berechnen die Produktmanager auf Basis der Vorjahrespreise die neuen Preise für die aktuelle Saison. Darunter befindet sich das Last-Minute-System, über das der Konzern steuern kann, welche Produkte in den Abverkauf kommen. Den Reigen der Individualanwendungen schließt das Rechnungsprüfungs-System, mit dem die von Hoteliers eingereichten elektronischen Rechnungen automatisiert gegen die vom Einkauf vereinbarten Preise für die unterschiedlichen Buchungskonditionen geprüft werden.

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Bernhard Steppan

Nein, das Buchungskernsystem sollte aus strategischen Gründen nicht für "immer" auf dem Host bleiben. Die Ablösung wäre aber in Praxis nicht so trivial. An der Ablösung solcher Systeme sind schon viele Firmen gescheitert. Solche Anwendungen sind in Jahren optimiert worden und funktionieren meistens weit performanter als Anwendungen, die mit neuer Technologie entwickelt wurden. Sie sehen aber im Prinzip schon, wie eine Ablösung funktioniert: Man verbindet das System über Webservices mit den Nachbarsystemen und löst so per EAI Stück für Stück jede alte Schnittstelle durch eine moderne ab. Das muss immer im Hinblick auf die Performance geschehen, denn das Daten-Mapping zwischen einem Service und dem alten Datenmodell "kostet" unter Umständen viel. Hat man alle Schnittstellen abgelöst, kann man das System hinter der Fassade neu entwickelt und gegen das Altsystem transparent austauschen. Das klingt einfach, ist aber alles andere als trivial.

marina.ribke@ribke-consulting.

Was passiert denn nun mit dem Buchungskernsystem? Bleibt es für immer im Host? Irgendwann geht auch der letzte Cobol Entwickler in Rente. Das ist doch ein existentielles Risiko für das Unternehmen. Wenn sich eine Neuentwicklung nicht lohnt und keiner mehr die Applikation betreiben kann, bleibt ja nur noch die Schließung des Unternehmens als Alternative? Oder wurde noch etwas anderes geplant?

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