Entwicklungshilfe

Smart-Glass-Anwendungen: Was muss man beachten

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Selbst wenn es für viele noch wie Zukunftsmusik klingt: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass schon in nicht allzu langer Zeit Smart-Glasses ebenso Bestandteil der Unternehmens-IT werden wie Smartphones und Tablets. Hier erfahren Sie, was Sie bei der Entwicklung von passenden Anwendungen beachten müssen.
Das Kunststück bei der Entwicklung von Smartglass-Apps ist es, den Brillenträger zu informieren, ohne ihn dabei zu überfordern.
Das Kunststück bei der Entwicklung von Smartglass-Apps ist es, den Brillenträger zu informieren, ohne ihn dabei zu überfordern.
Foto: APX Labs

Obwohl Google das Thema Datenbrille mit "Glass" erst in der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, gibt es einige Unternehmen, die schon länger auf dem Gebiet aktiv sind. Dazu zählt neben Telepathy aus Tokio oder Reacon Jet aus Vancouver auf der Hardwareseite auch die Softwarefirma APX Labs. Das Unternehmen aus Herndon, Virginia, war bereits 2010 am vielsagenden Smart-Glass-Projekt "Terminator Vision" des US-Militärs beteiligt. APX Labs entwickelte dabei eine Software, die es Soldaten - beispielsweise beim Einsatz in Afghanistan - ermöglichte, mit ihrer Cyberbrille die Gesichter in einer Menschenmenge zu scannen, zu fotografieren und für eine biometrische Erkennung weiterzuleiten. Sekunden später bekommen sie dann die Resultate der Gesichtserkennung auf ihren Smart Glasses bereitgestellt.

APX Labs erkannte aber schnell, dass das Potenzial von Smart-Glasses weit über den militärischen Einsatz hinausgeht und entwickelte mit "MedSight" eine erste Telemedizin-Applikation, die es Medizinern auf dem Schlachtfeld erlaubt, freihändig auf wichtige Patientendaten zuzugreifen und sich via Videotelefonie Rat von Kollegen zu holen. Ausgehend davon baute die Company ihre Lösung innerhalb von drei Produktzyklen zu einer umfassenden Plattform für "freihändige, kontextbezogene Echtzeitanwendungen", als Kunden werden Unternehmen etwa aus den Bereichen Handel, Medizin, der Unterhaltungsbranche, Energieversorgung und der Industrie anvisiert.

Generell richteten sich Smart Glasses und entsprechende Anwendungen an die große Zielgruppe von "Deskless worker", erklärte Jay Kim, Director of Research & Development bei APX Labs, auf einer Veranstaltung in München: Da sie nur einen Bruchteil ihrer Arbeit an einem Desktop-PC verbringen könnten, hätten sie das Bedürfnis, möglichst freihändig mit Informationen versorgt zu werden. Kim räumt jedoch im gleichen Atemzug ein, dass etwa Augmented-Reality-Anwendungen für Cyberbrillen zunächst nur ein Thema für Spezialunternehmen in Bereichen wie Militär, Medizin, Logistik, Schwerindustrie, Fertigung, Architektur oder Luftfahrt seien. Diese würden keine Kosten und Mühen scheuen, weil es für die gewünschten Fähigkeiten keine klaren Alternativen zu Cyberbrillen gebe.

Immerhin, so Kim: Richtig eingesetzt böten Smart Glasses die Möglichkeit, die Kernprozesse zu beschleunigen, erlaubten eine höhere Flexibilität und könnten in der Fertigung die Qualität verbessern und weniger Nacharbeiten nötig machen. Gleichzeitig ermöglichten sie in Risikoberufen (z.B. Feuerwehr oder Katastrophenschutz) ein sichereres Arbeiten, indem sie etwa durch die Bereitstellung von Informationen Gefahrenpotenziale entschärfen.

Weniger ist mehr

Auf der Hardwareseite finden sich inzwischen neben Google einige Hersteller von Datenbrillen wie Epson, Meta oder Vuzix. Wie aber kommt man an für den individuellen Einsatzzweck geeignete Apps? Betrachtet man die speziellen Eigenschaften der Endgeräte, dürfte klar sein, dass es in der Regel nicht ausreicht, entsprechende Smartphone-Apps zu adaptieren. Die für Smart Glasses gedachten Anwendungen müssen also speziell angepasst oder sogar neu entwickelt werden. Die Smart-Glass-Apps-Pioniere von APX Labs geben ein paar Tipps, was man dabei generell und im Spezifischen berücksichtigen sollte.

Geht es um die erforderlichen Kernfunktionen einer Smart-Glass-App, sind die Vorstellungen relativ klar: Sie sollte sich in Echtzeit auf den Kontext des Nutzers (Video, Audio und Bewegung) beziehen, einen möglichst einfachen und freihändigen Zugriff auf dazu relevante Daten erlauben und eine sichere und einheitliche Kommunikation zwischen Cyberbrille(n), anderen Geräten und der IT-Infrastruktur unterstützen. Außerdem ist es wünschenswert, dass sich die App personalisieren lässt, vor unbefugtem Zugriff geschützt ist und für möglichst viele gleichzeitige Nutzer skalierbar ist. Im Idealfall handelt es zudem um eine Client-Server-Lösung, die über eine Art Middleware zahlreiche verschiedene Businesslösungen (z. B. SAP, Oracle, Microsoft, IBM) unterstützt und als On-Premise-, Hybrid- oder Software-as-a-Service-Modell genutzt werden kann.

Während man das Backend dabei so flexibel wie möglich halten sollte, empfiehlt sich im Frontend eine strenge Display/UI-Disziplin. Das allgemein gültige Designprinzip "Weniger ist mehr" sei nirgendwo wahrer als bei Smart Glasses, erklärt Todd Reily, Chefdesigner bei APX Labs, im Firmen-Blog. Der Grund ist - im wahrsten Sinne des Wortes - offensichtlich: Da die Inhalte direkt vor dem Gesichtsfeld platziert werden und dieses einschränken, sollte man so sorgfältig wie möglich vorgehen, rät Reily. Es sei leicht, Features und Informationen hinzuzufügen. Diese nachträglich jedoch wieder zu entfernen, sei deutlich schwerer und erfordere eine tiefe Kenntnis der Anwender und ihrer Prioritäten bei der Nutzung.

Die Balance zwischen die Darstellung von relevantem Inhalt und die Belastung für die Augen zu finden, stelle ein wesentlich schwerwiegenderes User-Experience-Problem dar als die Kontrolle der Bildschirminhalte auf einem Smartphone, fügt sein Kollege Kim hinzu. Aus seiner Sicht ist die User Experience daher die kritische Größe und entscheidet, ob eine Smart-Glass-App Anklang findet und genutzt wird oder floppt.

Wie ein relativ unauffälliges Bedienmenü aussehen kann, zeigt APX Labs anhand des hauseigenen Northstar-Interface in ihrer Skylight-Entwicklungsumgebung. Hier werden die Inhalte und Features der Smart-Glass-Anwendung in kleine virtuelle Lichtpunkte im Sichtfeld gepackt. Resultat ist ein fast unsichtbares Interface, das erst dann in den Vordergrund rückt, wenn der Anwender es verlangt und aktiv ansteuert.

Um das Menü nicht zu überfrachten, hält APX Labs außerdem die Menge der Menütypen, Knöpfe und anderer Elemente niedrig. Die Company reduzierte zudem den Textanteil und setzt stattdessen zur schnelleren Erkennung auf bekannte grafische Icons oder Darstellungen. Last, but not least, arbeitet APX Labs nur mit einigen wenigen Farben, denen jeweils eine bestimmte Bedeutung zugewiesen ist.

Reily räumt ein, dass die Lernkurve bei dieser Art von App-Entwicklung hoch sei, weil es sich bei Smart Glasses um eine komplett neue Art von Endgeräte handle, es keine Design-Standards, konkrete Vorbilder oder spezifische Kundenerwartungen gebe. Dies bedeute jedoch nicht, dass man von den Anwendern erwarte, ihr Nutzungsverhalten darauf anzupassen. Ein nutzbares Produkt müsse sich in seinem Design vielmehr danach richten, wie Menschen bereits agieren, etwa wie sie mobile Geräte benutzen, ihre Umgebung betrachten oder miteinander interagieren. Resultat sei eine völlig neue und doch vertraute Produkterfahrung.

So basiere das Head-Tracking-User-Interface von Northstar auf dem menschlichen Konzept, eine Umgebung nach relevanten Informationen abzusuchen, bevor man fokussiert. Aktionen würden dann ausgeführt, indem man auf virtuelle Objekte starrt und diese somit wie einen Lichtschalter an- und ausschaltet. Von auswendig gelernten Handgesten oder Sprachbefehle hält Reily entsprechend wenig, zumal letzte, von Google Glass bekannte Methode etwa im industriellen Umfeld kaum praktikabel sei. Eine andere Bedienmöglichkeit, auf die Reilys Kollege Kim hinweist, ist eine Smart- oder 3D-Mouse, diese Methode eignet sich vor allem bei komplexeren Menüs.

Eine besondere Schwierigkeit bei der Erstellung von eigenen Anwendungen für Cyberbrillen ist laut APX Labs der Umstand, dass zumindest in der aktuellen Anfangsphase kaum eine Plattform-agnostische Entwicklung möglich sei. Es gebe keine gültigen Hard- und Software-Standards für Smart Glasses und auch noch keine Möglichkeit, automatisch anwenderspezifische Parameter festzulegen. Die Lösungen müssen daher zwar den zunehmenden Reifegrad von Smart Glasses berücksichtigen, aber dennoch die Funktionalitäten auf das beschränken, was jetzt schon möglich ist.