SAP-Chef zu Kulturwandel

"Sind wieder wie ein Startup"

28.01.2013
Nachdem Europas größter Software-Konzern SAP in der Branche lange als träge und langsam galt, sorgt ein Kulturwandel in der Software-Schmiede für neue Goldgräberstimmung.
Jim Hagemann Snabe, Co-CEO der SAP AG
Jim Hagemann Snabe, Co-CEO der SAP AG
Foto: SAP AG / Wolfram Scheible

"Wir haben einen enormen Schwung. Wir sind wieder wie ein Startup", sagte Co-Chef Jim Hagemann Snabe der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. "Die letzten drei Jahre waren ein Riesensprung." Mit milliardenschweren Übernahmen hatten sich die Walldorfer in neue Technologien und Märkte eingekauft. Das war ein ähnlich großes Novum wie die Heerscharen externer Entwickler, die mittlerweile ihre eigenen Lösungen an die SAP-Anwendungen andocken, um die Wünsche von neuen SAP-Kunden in der ganzen Welt passgenau zu erfüllen.

Mit der Hilfe dieser externen Programmierer will SAP auch kleinere Unternehmen mit ganz speziellen Software-Anforderungen beliefern, für die sich eine maßgeschneiderte Weiterentwicklung im eigenen Haus nicht rechnet. "Aber wenn Entwickler über eine Plattform unser Produkt erweitern können, dann kann es funktionieren - auch wenn es kein Volumengeschäft ist", glaubt Snabe.

Ein fiktives Beispiel: Ein kleine finnische Entwickler-Truppe kennt die Bedürfnisse heimischer Papierfabriken ganz genau und baut für sie eine Anwendung auf SAP-Basis. Der Konzern prüft das Programm auf Herz und Nieren, garantiert damit für dessen Funktionalität und übernimmt den Vertrieb. Ein Teil der Einnahmen fließt dann bei jedem Verkauf zurück an die kleine Entwickler-Schmiede.

Die SAP-Konzernzentrale in Walldorf bei Heidelberg
Die SAP-Konzernzentrale in Walldorf bei Heidelberg
Foto: SAP / Stephan Daub

Eine Million externe Programmierer über den ganzen Erdball verteilt hält Snabe für völlig realistisch. Und er hat auch gleich ein Unternehmen parat, das ähnlich viele Freischaffende für sich programmieren lässt: Apple. Was denen ihr App-Store ist den Walldorfern ihr SAP-Store, in dem der Konzern die eigenen und extern entwickelten Anwendungen online verkauft. 500.000 Downloads gab es 2012 laut Snabe. Mehr als 2000 Produkte sind im Angebot.

Auch für die neue superschnelle Datenbank Hana sollen die freien Entwickler Anwendungen schreiben. Für 99 Cent die Stunde können sie auf den SAP-Hoffnungsträger zugreifen und auf diesem Fundament ihr eigenes Software-Gebäude aufbauen. Mit 150 Start-ups hat SAP schon spezielle Hana-Kooperationen geschlossen. Eines entwickelt ein 3D-Modell des Sternenhimmels. "Das sind riesige Berechnungen. Das wäre ohne Hana unmöglich", sagte Snabe.

Durch diese Öffnung hin zur freien Programmierer-Gemeinde will SAP auch im Rennen um die schlausten Köpfe ganz vorne dabei sein. "Entwickler wollen Einfluss auf die Welt nehmen", sagte Snabe. "Und das geht mit unseren Produkten noch besser als etwa bei Google , weil mit denen die Abläufe in einem Unternehmen stehen und fallen."

Hagemann Snabe mit seinem CEO-Kollegen Bill McDermott bei der Jahrespressekonferenz 2013
Hagemann Snabe mit seinem CEO-Kollegen Bill McDermott bei der Jahrespressekonferenz 2013
Foto: Wolfram Scheible / SAP

Den Konzern sieht der Co-Chef durch die gefühlte Verjüngungskur wieder bei alten Stärken angekommen: Innovation und Kundennähe. Statt weiterer Riesen-Zukäufe, mit denen sich SAP fehlende Kompetenz bei mobilen Anwendungen, Analysesoftware und der Cloud-Technik ins Haus holte, sollen die Kernkompetenzen künftig wieder wichtigster Wachstumstreiber sein. "Ich glaube, man sollte maximal ein Drittel seines Wachstums durch Übernahmen generieren", sagte Snabe.

SAP werde zumindest nicht die Strategie des Hauptkonkurrenten Oracle fahren, der pro Jahr auf rund zehn Übernahmen kommt. "Denn das ist für mich ein Beweis, dass man keine eigenständige Innovationskraft hat. Dann liegt die Kernkompetenz auf der Finanzseite und nicht bei der Entwicklung." (dpa/tc)

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