Kommentar zu Open-Source-Software

Sigmars vergessene Kinder

01.12.2015
Rafael Laguna ist CEO und Mitgründer der Open-Change AG. Das Unternehmen entwickelt Kommunikations- und Collaboration-Software für die Cloud, die Unternehmen und Privatanwendern über Systemintegratoren, Hosting-, Telekommunikations- und Kabelanbieter bereitgestellt wird.

Der Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung machte der Open-Source-Gemeinde Hoffnung. Aber wo stehen wir heute?

Erinnert sich noch jemand an den Oscar-prämierten Film "Gottes vergessene Kinder" aus dem Jahr 1986, der die ergreifende Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe erzählt?
Die Story geht wie folgt: James kommt als Lehrer an eine Taubstummenschule, wo er sich sofort in die attraktive Sarah verliebt. Sarah hat sich aufgrund ihrer Erfahrungen in der Welt der Hörenden völlig verbittert zurückgezogen und arbeitet als Putzfrau in der Schule. Ganz behutsam gelingt es James, die junge Frau aus ihrer Isolation herauszuholen und es entwickelt sich ein ungehemmtes Liebesverhältnis.

In meinen romantischen Momenten erträume ich mir ein vergleichbares Schicksal für Open-Source-Software.

Open Source 16:9
Open Source 16:9
Foto: Curioso - shutterstock.com

Den weisen Liebhaber gibt dabei die Bundesregierung, verkörpert durch Vizekanzler Sigmar Gabriel. Denn die hat uns ja bereits entsprechende Hoffnungen gemacht, als sie sich vor zwei Jahren im Koalitionsvertrag auf Seite 15f trefflich festlegte:
"Als Alternative zu den geschlossenen Ökosystemen unterstützt und fördert der Bund im Software-Bereich gerade auch die Entwicklung von offenen Plattformen und Open-Source-Lösungen und setzt sich dafür auch auf europäischer Ebene ein. Wir wollen im globalen Wettbewerb "Software made in Germany" als Qualitätsversprechen bezüglich Sicherheit, Datenschutz, Design und Nutzerfreundlichkeit stärken. Wir unterstützen Prozesse der Standardisierung, Interoperabilität und Zertifizierung als wichtige Parameter für den Markterfolg deutscher Produkte."

Seitdem warte ich hoffnungsvoll auf den Dornröschenkuss für die Open-Source-Software. Mindestlohn, Rente mit 63, Pkw-Maut - in der Tat ist die Liste der Themen lang, in welcher sich die GroKo buchstabengetreu an die Verabredungen im Koalitionsvertrag gehalten und geliefert hat. Nur die (taub)stumme Open-Source-Software wurde vergessen angesichts der lauten Lobbyisten von Industrie 4.0 und Breitbandausbau. Nachzulesen ist das eindrucksvoll in der Erklärung zum Nationalen IT-Gipfel vom 19. November.

Nur mit quelloffener Software sichern wir unsere Datensouveränität

Hätte Open-Source-Software eine im politischen Berlin weithin vernehmbare Stimme, würde sie angesichts der Vertrauenskrise der US-amerikanischen Internet-Dienste die enormen Chancen der heimischen Internet- und Softwareindustrie mit quelloffener Software preisen - welche Politik und Verwaltung bitte durch ihr Einkaufsverhalten und nicht mit Förderprogrammen unterstützen sollten.

Denn die öffentliche Verwaltung, der Bildungs- und Gesundheitsbereich in Deutschland haben eine enorme Bedeutung bei der Etablierung und Durchsetzung von Standards in der IT-Technologie. Ihr Einkaufsvolumen ist ein ideales Instrument zur gezielten Förderung bei gleichzeitiger Erhaltung des Wettbewerbs.

Bis heute setzt die öffentliche Verwaltung in Deutschland auf kommunaler, Landes- und Bundesebene quelloffene Software nur punktuell ein. Während andere europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Schweden quelloffener Software bei der Auftragsvergabe den Vorzug geben, fehlt in Deutschland eine entsprechende Empfehlung bis heute.

Gleiches gilt auch für die Vergabe von Aufträgen der öffentlichen Hand zum Bezug von Cloud-Services. Hier gilt es das Ausschreibungsrecht dergestalt zu ändern, dass bei Ausschreibungen verpflichtend vorgeschrieben ist, dass die Software eines Cloud-Dienstes samt Quellcode zugänglich sein muss und dass die Informationen in offenen Standardformaten gespeichert werden. Nur so behält die öffentliche Hand langfristig die Autonomie über ihre Daten.

Gleichzeitig fördert sie damit die überwiegend in Europa heimischen Unternehmen, die quelloffene Software entwickeln - ganz wie im Koalitionsvertrag zugesagt. (bw)