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Siemens streicht weitere 6500 Stellen bei ICN

25.04.2002
Trotz guter Zahlen im zweiten Geschäftsquartal 2002 greift Siemens erneut zum Rotstift: 6500 weitere Mitarbeiter der Netzwerksparte ICN müssen gehen.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Aufgrund der "besonders schwierigen" Lage im Unternehmensbereich Information and Communication Networks (ICN) will Siemens bis Ende 2003 weitere 6500 Stellen in dieser Unternehmenssparte abbauen. Betroffen seien vor allem Mitarbeiter im Ausland, teilte der Münchner Elektronikkonzern auf seiner Bilanzpressekonferenz am heutigen Donnerstag mit. Insgesamt übertraf Siemens jedoch mit seinem Ergebnis des zweiten Geschäftsquartals 2002 die Erwartungen der Analysten.

Im kommenden Geschäftsjahr sollen die Kosten bei ICN zusätzlich zu den bisher eingeleiteten Einsparungen um weitere 1,5 Milliarden Euro gesenkt werden. Wegen der Erweiterung des Restrukturierungsprogramms "Operation 2003" rechnet Siemens daher mit zusätzlichen Ausgaben in Höhe von rund 300 Millionen Euro. Ferner will ICN seine Geschäftsstrategie weiter präzisieren und sich künftig vor allem auf Konvergenz-Produkte, das Firmen- und Carrier-Geschäft im Segment Breitbandzugangstechnik sowie den Ausbau der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten bei der optischen Übertragungstechnik konzentrieren.

Sanmina-SCI übernimmt drei Siemens-Fabriken

Im Rahmen der Restrukturierungsmaßnahmen lagert Siemens drei ICN-Fertigungsstätten an den kalifornischen Auftragsfertiger Sanmina-SCI aus. Das US-Unternehmen übernimmt Endmontage- und Testeinrichtungen in Lake Mary, Florida, sowie zwei weitere Produktionsstätten in Europa. Ferner einigten sich die beiden Firmen auf eine mehrjährige Liefervereinbarung. Die Fabrik in Florida fertigt Festnetz-Vermittlungseinrichtungen und soll künftig weiterhin als Center of Excellence für Siemens ICN fungieren. Finanzielle Einzelheiten der Transaktion, die noch der Zustimmung der Kartellbehörden in den USA und Europa sowie der jeweiligen Arbeitnehmervertretungen der europäischen Werke bedarf, wurden nicht bekannt gegeben.

Von Pierer: "Wir sind gut vorangekommen"

Im abgelaufenen zweiten Geschäftsquartal 2002 erwirtschaftete Siemens insgesamt einen Umsatz von 21,3 Milliarden Euro, was einer Steigerung von zwei Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum entspricht. Damit übertraf das Unternehmen die Prognosen der Analysten, die im Durchschnitt mit Einnahmen von 20,3 Milliarden Euro gerechnet hatten. Allerdings sank der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent auf 22,4 Milliarden Euro. Das Ergebnis nach Steuern legte um 703 Millionen auf 1,3 Milliarden Euro zu. In dem Ergebnis sind Goodwill-Abschreibungen in Höhe von 103 Millionen Euro sowie ein Sonderertrag von 604 Millionen Euro aus dem Verkauf von Infineon-Aktien enthalten. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) beläuft sich im zweiten Geschäftsquartal auf 919 Millionen Euro. Damit liegt es zwar um drei Millionen Euro unter dem vergleichbaren Vorjahreswert, jedoch deutlich über den von den Analysten erwarteten 341 Millionen Euro.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer zeigte sich insgesamt zufrieden: "Trotz der Herausforderungen sind wir gut vorangekommen. Neun von 13 Bereichen haben ihr Ergebnis verbessert." Die Einheiten Power Generation (PG) und Medical Solutions (Med) trugen dabei erneut am kräftigsten zum Gesamtergebnis bei.

Das Arbeitsgebiet Information and Communications (IC) litt laut Siemens jedoch nach wie vor unter der Investitionszurückhaltung der Telcom-Gesellschaften, so dass die Restrukturierungsfortschritte nicht ausreichten. Während die IC-Teilbereiche Siemens Business Services (SBS) und Information and Communication Mobile (ICM) ihre Ergebnisse verbessern konnten, schrieb ICN weiterhin rote Zahlen. Der Umsatz der Abteilung ging im zweiten Geschäftsquartal um 16 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro zurück. Der Auftragseingang sank von 3,4 auf 2,2 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen belief sich auf minus 158 Millionen Euro. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte ICN noch ein Plus von 50 Millionen Euro erzielt.

ICM hielt seinen Umsatz mit 2,7 Milliarden Euro im abgelaufenen Berichtszeitraum nahezu auf dem Niveau des zweiten Geschäftsquartals 2001. Erfreulich entwickelte sich der Auftragseingang, der von 2,8 auf 3,3 Milliarden Euro zulegte. Das Ebit konnte von sechs auf 44 Millionen Euro gesteigert werden. Die Mobilnetzsparte steuerte rund 33 Millionen Euro zu dem Ergebnis bei. Auch das Mobiltelefongeschäft lieferte mit 13 Millionen Euro ein positives Ebit ab, obwohl sich die Konsumenten laut Siemens zurückgehalten und vor allem auf billigere Handys konzentriert hatten.

Die IT-Beratungssparte SBS erwirtschaftete im zweiten Geschäftsquartal einen Umsatz von rund 1,5 Milliarden Euro und blieb damit um 59 Millionen Euro unter den Vorjahreseinnahmen. Auch der Auftragseingang war mit 1,4 Milliarden Euro rückläufig. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte SBS noch 1,8 Milliarden Euro in den Auftragsbüchern. Das Ebit wuchs allerdings von 24 auf 38 Millionen Euro. Offenbar zeigt in diesem Bereich die eingeleitete Restrukturierung Wirkung, in deren Rahmen die Kosten in diesem und dem nächsten Jahr um eine Milliarde Euro gesenkt werden sollen.

Halbjahresergebnis

In den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres beläuft sich der Umsatz von Siemens auf 42,2 Milliarden Euro. Das sind drei Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2001. Die internationalen Einnahmen legten dabei um vier Prozent auf 33,2 Milliarden Euro zu. Der Deutschland-Umsatz büßte um zwei Prozent ein und belief sich auf etwas über neun Milliarden Euro. Der Nettogewinn des Konzerns steigerte sich gegenüber dem Vorjahr von 1,6 auf 1,8 Milliarden Euro. In dem jüngsten Ergebnis sind Sondereffekte von 936 Millionen Euro enthalten. Das Ebit sank von 1,9 auf 1,4 Milliarden Euro.

Keine Prognose für das gesamte Geschäftsjahr

Aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Lage wollte von Pierer keine Prognose für das gesamte Geschäftsjahr 2002 abgeben. Er erklärte lediglich, dass man die Produktivitäts- und Restrukturierungsprogramme weiter vorantreiben werde. Sollten die angelaufenen Maßnahmen nicht greifen, will Siemens "schnell und entschieden" eingreifen. "Unser Augenmerk gilt auch weiterhin der nachhaltigen Verbesserung unseres Cashflows aus dem operativen Geschäft", schloss der Konzernchef.

Die Anleger zeigten sich am heutigen Donnerstagmorgen erfreut über die Nachrichten aus München: Das Siemens-Papier stieg zu Börsenbeginn um 2,40 auf 66,40 Euro, gab gegen Mittag aber wieder auf 64,40 Euro (Stand: 11:30 Uhr) nach. (ka)