Heinrich von Pierer wird 75

Siemens-Skandal zum Geburtstag

20.01.2016
Seinen 75. Geburtstag hatte sich Heinrich von Pierer sicher anders vorgestellt. Die griechische Justiz will den Siemens-Skandal noch einmal groß aufrollen - der Prozess könnte sich über Jahre hinziehen.

Für Siemens ist der Schmiergeld-Skandal längst Geschichte - doch der frühere Konzernlenker Heinrich von Pierer wird dieses Thema bis heute nicht los. Bereits seit November macht die griechische Justiz dem einstigen Vorzeige-Manager - und einem Dutzend weiterer Ex-Mitarbeiter des Elektronik-Konzerns - den Prozess. Nach einem eher unübersichtlichen Auftakt sind der weitere Verlauf, die Dauer und der Ausgang des Verfahrens kaum absehbar. Unangenehm dürfte die Sache für Pierer aber allemal sein, schließlich muss er sich auch an seinem 75. Geburtstag am kommenden Dienstag mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzen. Am gleichen Tag treffen sich in München auch die Siemens-Aktionäre zur Hauptversammlung.

Der Schmiergeld-Skandal bei Siemens lässt Ex-Konzernchef Heinrich von Pierer bis heute nicht los.
Der Schmiergeld-Skandal bei Siemens lässt Ex-Konzernchef Heinrich von Pierer bis heute nicht los.
Foto: Robert Fruehauf - shutterstock.com

Der Siemens-Korruptionsskandal und seine Folgen

Bald zehn Jahre ist es her, dass im Zuge einer Razzia der Münchner Staatsanwaltschaft der bisher größte Korruptionsskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte aufflog. Über ein System schwarzer Kassen waren insgesamt rund 1,3 Milliarden Euro an Schmiergeldern geflossen, um lukrative Auslandsaufträge zu ergattern. Heinrich von Pierer - von 1992 bis 2005 Konzernchef und zum Zeitpunkt der Aufdeckung Aufsichtsratsvorsitzender - nahm einige Monate später seinen Hut.

Die Aufräumarbeiten bei Siemens nahmen Jahre in Anspruch. Neben der Staatsanwaltschaft drehte auch ein Heer von US-Anwälten jeden Stein bei dem weit verzweigten Konzern um. Rund 250 Mitarbeiter mussten gehen, eine umfassende Compliance-Organisation wurde aufgebaut. Auch die Rolle von Pierers, der stets jede Verwicklung in die Schmiergeld-Machenschaften von sich wies, wurde durchleuchtet. Schließlich musste er ein Bußgeld wegen fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht zahlen. Hinzu kam Schadenersatz in Millionenhöhe, den Siemens bei ihm und anderen Ex-Vorständen eintrieb - als zumindest symbolischen Ausgleich für die 2,5 Milliarden Euro, die Siemens dieses Debakel kostete.

Heinrich von Pierer: Im Schatten des Skandals

Pierers Verhältnis zu Siemens gilt seither als unterkühlt - daran dürfte auch der gemeinsame Gratulationsbrief von Siemens-Chef Joe Kaeser und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme nicht viel ändern, den von Pierer - wie schon zum 70. Geburtstag - wieder erhält. Zuletzt hatte sich der Ex-Manager in seiner vor fünf Jahren veröffentlichten Autobiografie "Gipfel-Stürme" über einen rüden Umgang seines einstigen Arbeitgebers mit ihm beklagt. In dem Buch beteuerte von Pierer abermals, nichts von den schwarzen Kassen des Unternehmens gewusst zu haben. Den Bußgeldbescheid habe er akzeptiert, um einen Schlussstrich zu ziehen und zu einem normalen, selbstbestimmten Leben zurückzufinden.

Für die Vorstellung des Buches - mit dem Pierer wohl auch klar machen wollte, dass es in seinem Leben viel mehr gab als die Korruptionsaffäre - hatte sich der Ex-Manager noch einmal die große Bühne im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin ausgesucht. Danach wurde es ruhig um ihn. Einmal machte er noch vor gut drei Jahren mit seinem Einstieg als Verwaltungsrat bei einem Münchner Unternehmen von sich reden, das mit gebrauchten Software-Lizenzen handelt - gemeinsam mit dem früheren BDI-Chef Hans-Olaf Henkel.

Einst war der gebürtige Franke einer der bekanntesten Manager Deutschlands. Er formte Siemens zum Global Player. Auch Mächtige in der Politik vertrauten auf seinen Rat - von den Altkanzlern Helmut Kohl und Gerhard Schröder bis hin zur amtierenden Regierungschefin Angela Merkel. Selbst für das Amt des Bundespräsidenten soll der promovierte Jurist und Diplom-Volkswirt von Pierer zeitweise im Gespräch gewesen sein.

Auch wenn sich nach dem Siemens-Debakel Viele von ihm abwandten: In seiner Heimatstadt Erlangen, in der die wichtige Medizintechnik von Siemens angesiedelt ist, genießt Heinrich von Pierer bis heute hohes Ansehen. Der frühere Oberbürgermeister Siegfried Balleis der ihn seit Jahrzehnten kennt, schreibt ihm "enorme Verdienste für die gesamte Region" zu. Auch persönlich schätzt er den Ex-Wirtschaftslenker und leidenschaftlichen Tennisspieler: "Er ist ein engagierter Kämpfertyp mit messerscharfem Verstand", sagt Balleis.

Siemens-Skandal: Der Prozess in Griechenland

Nun also der Prozess in Griechenland. Es geht um knapp 70 Millionen Euro Schmiergeld, die frühere Siemens-Mitarbeiter nach 1997 gezahlt haben sollen, um einen Großauftrag vom Telekommunikationsunternehmen OTE zu erhalten. Über 70 Angeklagte und eine mehr als 4500 Seiten starke Anklageschrift, die bisher nur auf Griechisch vorliegt - das Verfahren gilt schon jetzt als außergewöhnlich.

Heinrich von Pierer selbst will den Prozess einstweilen nicht näher kommentieren. Nur so viel ist bekannt: Er wird vorerst nicht nach Athen reisen. Sein Anwalt Norbert Scharf - der auch den früheren Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer im aktuellen Prozess vor dem Münchner Landgericht vertritt - lässt er erklären: "Zum laufenden Verfahren in Griechenland äußert sich Herr von Pierer nicht in den Medien. Er vertraut nach wie vor auf die griechische Justiz und eine Klärung, nunmehr durch das aufgerufene Gericht." (dpa/fm)