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Siemens-Chef Peter Löscher, der Mann der schlechten Nachrichten

09.07.2008
Dass es kein einfacher Job werden würde, wusste Peter Löscher, als er vor gut einem Jahr einer verdutzten Öffentlichkeit als neuer Siemens-Chef präsentiert wurde.

Der selbst Branchenkennern fremde Pharma-Manager, der in den USA Karriere gemacht hatte, fand ein von der Schmiergeldaffäre gezeichnetes Unternehmen Siemens vor, das darüber hinaus gleich unter mehreren problembehafteten Sparten litt. Doch der Österreicher machte gute Miene. Er bezeichnete seine Berufung als "außerordentliche Ehre und große Herausforderung".

Er hat es wirklich nicht leicht: Siemens-Chef Peter Löscher.
Er hat es wirklich nicht leicht: Siemens-Chef Peter Löscher.

Und Herausforderungen gibt es seitdem viele, zuletzt der groß angelegte Stellenabbau. So hat sich der Chef von Deutschlands größtem Industriekonzern mittlerweile einen Namen gemacht, aber nicht unbedingt einen guten. Denn Peter Löscher steht für schlechte Nachrichten, gleichwohl der Mann in vielen Fällen nichts dafür kann. Da hilft es nichts, dass er in seinen Äußerungen stets Zuversicht zu vermitteln versucht. "Ich gehe mit derselben Freude und Begeisterung in das zweite Jahr meiner Amtszeit, wie das auch am 1. Juli vergangenen Jahres war, als ich hier angefangen habe", ließ er kürzlich die Mitarbeiter über die Hauszeitschrift wissen. Löschers Anspannung bei öffentlichen Auftritten spricht eine andere Sprache.

Schmiergeldaffäre brodelt weiter

In der Schmiergeldaffäre, die weit vor seiner Zeit begann, kommen immer neue Details über die schwarzen Kassen ans Licht, mit denen Siemens-Manager Aufträge in aller Welt erkauft haben sollen. Es wird klar, dass es sich nicht um isolierte Einzelfälle, sondern um ein von oben gesteuertes System handelte. Gleich mehrere (Ex-)Vorstände müssen gehen, zuletzt Medizintechnik-Chef Erich Reinhardt. Von der US-Börsenaufsicht SEC droht weiterhin eine Milliardenstrafe.

Dann sind da die diversen Baustellen im Konzern, die Vorgänger Klaus Kleinfeld und Vorvorgänger Heinrich von Pierer dem Neuen überlassen haben. Als erstes packt Löscher die Telefonnetzwerk-Sparte SEN an, die seit Jahren hohe Verluste schreibt. Er will sie nach den bitteren Erfahrungen mit der Pleite gegangenen ehemaligen Handysparte BenQ Mobile auf eigene Faust sanieren und dann abgeben. Doch der Verkauf lässt nun schon Monate auf sich warten. Statt einer Erfolgsmeldung bleiben die Kosten für den Umbau und der Wegfall von voraussichtlich 6800 der 17.500 Stellen im Gedächtnis der Mitarbeiter und der Öffentlichkeit.

Gewinnwarnung aus heiterem Himmel

Dem nicht genug, muss Löscher zu Jahresbeginn auch noch eine Gewinnwarnung aussprechen - sein bislang wohl schwerster Gang. Bei Nachforschungen hatte sich herausgestellt, dass viele Großprojekte völlig aus dem Ruder gelaufen waren. Im Kraftwerksbau können Fertigstellungstermine nicht eingehalten werden, die Verkehrstechnik muss weiteres Geld in die Reparatur der fehlkonstruierten Straßenbahn Combino stecken, und die IT-Sparte verliert sicher geglaubte Aufträge. Siemens schreibt 857 Millionen Euro ab, der Quartalsgewinn drittelt sich auf 412 Millionen Euro. Die Anleger reagieren mit Panikverkäufen. Niemals zuvor wird im DAX an einem Tag so viel Wert vernichtet.

Und nun der Stellenabbau in Vertrieb und Verwaltung konzernweit, in der Verkehrs- und Medizintechnik auch in der Produktion. 16.750 Arbeitsplätze sollen weltweit wegfallen, 5250 davon in Deutschland. Die Arbeitnehmervertreter reagieren seit Tagen gereizt, hatten sie die Zahlen doch schon vorab in der Presse gelesen, waren von der Konzernführung persönlich aber erst am Montag und Dienstag unterrichtet worden. Der Betriebsrat droht bereits unverhohlen mit Streik.

Stellenabbau schürt Misstrauen

Löschers Ansehen in der Belegschaft sinkt auf einen Tiefpunkt, das Misstrauen steigt. Der von ihm angestoßene Umbau in die drei Sektoren Energie, Industrie und Medizintechnik habe den Konzern "nicht schlagkräftiger gemacht", sagt etwa der Vorsitzende des Vereins der Belegschaftsaktionäre, Manfred Meiler der "Süddeutschen Zeitung". Seine Befürchtung ist, dass all dies "nur dem Zweck dient, im Monopoly-Spiel auch größere Einheiten schnell verkaufen zu können". Schlechte Nachrichten sind die Menschen von Peter Löscher ja gewohnt. (dpa/tc)