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Sie wollen Ihr Postamt lahmlegen? Sie können Ihr Postamt lahmlegen!

16.04.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Spam-Attacken oder Angriffe auf Server-Systeme, die durch massenhafte Anfragen in die Knie gezwungen werden (Denial of Service = DoS), kennt mittlerweile jeder. Mit perfiden Software-Hacks Computersysteme lahmzulegen, gehört zum Internet-Alltag. Nicht so bekannt, aber mindestens genauso fatal sind "Anschläge", bei denen Übelmeinende das Web nutzen, um außerhalb des weltweiten Netzes immensen Schaden anzurichten.

Wie das geht, hat der Wissenschaftler Avriel Rubin jüngst mit zwei Co-Autoren beschrieben. Rubin ist in seiner Funktion als technischer Direktor des Information Security Institute der angesehenen John Hopkins University in den USA ausgewiesener Sicherheitsexperte. Er hat einen Bericht verfasst, in dem er die Gefahr eines Werbeanschlags unter anderem auf Privatpersonen beschreibt. Rubin stellt in seinem Bericht fest, dass jeder halbwegs Kundige sich im Internet über die üblichen Suchmaschinen Software-Werkzeuge besorgen kann. Mit diesen lassen sich im Web solche Seite finden, auf denen Anbieter ihre Kataloge auf Anfrage zum Versand anbieten. Die Tools sind so gehalten, dass die Suche nach Katalogen oder anderen Werbeunterlagen ebenso automatisch erfolgt wie die Eingabe einer Postadresse.

Der Rest ist Chaos: Ähnlich dem üblen Schülerstreich, wonach man einem Mitmenschen 50 Pizzas bei einem Bestellservice ordert und an dessen Adresse liefern lässt, kann man ohne großen Aufwand an eine bestimmte Person beispielsweise tonnenweise Kataloge schicken lassen. Versender solcher Kataloge hat das Software-Tool vorher im Internet aufgespürt und diesen Unternehmen automatisch die Anweisung gegeben, an eine bestimmte Adresse zu liefern. Im schlimmsten Fall sammeln sich auf einem Postamt Hunderte von Katalogen von Versandhäusern aller Art, die an eine einzige Person ausgeliefert werden sollen.

Rubins Schlußfolgerung ist da leicht nachvollziehbar: Würde jemand solch eine Attacke durchführen, wäre nicht nur der Adressat in keiner beneidenswerte Lage. Auch das lokale Postamt würde auf diese Weise an den Rand des Chaos gerückt.

Die Gefahr solch einer Attacke mit Wirkung in das "reale" Leben ist übrigens nicht nur theoretischer Natur. In den USA, zitiert Rubin einen bekannt gewordenen Fall, hatte sich ein Alan Ralsky in der Detroit Free Press ausgesprochen selbstbewusst in die Brust geworfen, er habe mit Spam-Mails an Millionen von Leuten ein Vermögen gemacht. Der Artikel mit dem Interview erschien auf Slashdot.org, einem Online-Nachrichtendienst für technophile Internet-Surfer.

Die Internet-Gemeinde reagierte auf ihre Art: Innerhalb weniger Tage hatten die Leser des Artikels Ralsky bei Tausenden von Katalogversendern als Interessenten gezeichnet. Ab da bekam der etwas zu Forsche täglich tonnenweise Post. Sicherheitsexperte Rubin sagt, etwa über die Suchmaschine Google könne jeder Hunderte von Web-Seiten finden, auf denen sich Kataloge, Broschüren etc. anfordern liessen.

Rubin wäre nicht Amerikaner, wenn er diese Aussichten nicht auch mit einer Prise Gegenwartspolitik und ihren Gefährdungsdrohungen versehen würde: Eine Attacke, mit der sich öffentliche Einrichtungen auf schlichte aber wirkungsvolle Weise paralysieren liessen, könne die erste Stufe für einen größeren terroristischen Anschlag sein. (jm)