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Fragen an Bernd Leukert, Vorstand SAP

Sensordaten werden Kerndatenquelle für Unternehmensentscheidungen

Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informationsmanagement, Industrielle Services, CRM, Design Thinking und Digital Consumer Business.
Industrie 4.0 und Digitalisierung stellt Unternehmen und Softwareanbieter vor große Herausforderungen. Wie begegnet SAP diesen Themen? Werden on-premise Lösungen noch eine Rolle spielen? Walter Brenner, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule St. Gallen, im Gespräch mit SAP-Vorstand Bernd Leukert.

Herr Leukert, die Dynamik der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik schreitet im Moment rasant voran. Was sind die Themen, welche Sie, bzw. die SAP, für die nächsten 18 Monate als zentral ansehen?

Wir erleben aktuell einen Wandel vom Angebot reiner Produkte hin zum Anbieten von neuen Services. Im Zeitalter der digitalen Wirtschaft, auch getrieben durch das Internet der Dinge, haben Unternehmen die Möglichkeit, komplementäre digitale Dienste anzubieten. Diese Dienste ergänzen oder erweitern ihr bestehendes Portfolio und schaffen so Mehrwert für den Kunden. Die Veredelung von Daten durch intelligente Software ermöglicht Innovationen über Industrien hinweg sowie eine bisher nicht gekannte Transparenz, Flexibilität und Individualisierung von Produkten und Diensten. Dadurch können sogar gänzlich neue Geschäftsmodelle entstehen. Geschäftsinnovationen werden zukünftig überwiegend durch Software vorangetrieben.

Können Sie das bitte noch konkretisieren und Beispiele für die komplementären Services nennen und beschreiben, damit die Leserinnen und Leser eine klare Vorstellung haben, um was es eigentlich geht?

Zum Beispiel lassen sich Sensordaten nutzen, um Vorhersagen über den Zustand der Maschinen zu treffen oder die Logistik weiter zu verbessern. Autos können selbstständig melden, wenn ein Teil gewartet oder ausgetauscht werden muss. Das kann Ausfälle eines Produktes verhindern und unnötige Wartungskosten vermeiden. Servicetechniker können den Status der von ihnen betreuten Maschinen bei ihren Kunden aus der Ferne überwachen und ungewöhnliches Maschinenverhalten sofort erkennen. Die so gesammelten Maschinendaten können dann mit weiteren Informationen, zum Beispiel Geschäftsinformationen, kombiniert werden, um hieraus beispielsweise Service-Level-Vereinbarungen und Maschinenverfügbarkeiten abzuleiten.

In meiner Forschung begegnen mir Unternehmen, die wie Sie davon ausgehen, dass neue Datenbanklösungen jenseits der traditionellen SQL-Daten­banken zentraler Bestandteil zukünftiger IT-Infrastrukturen sind. Die SAP tritt mit HANA an. Wie stellt sich die SAP zu HADOOP?

In Zeiten des Internet der Dinge müssen Unternehmen zunehmend mit Petabytes an Daten, zum Beispiel in Form von Sensordaten, die weltweit gesammelt werden, agieren. Um Kunden hierbei zu unterstützen, haben wir auf unserer Kundenmesse SAPPHIRE NOW die SAP HANA Big Data Platform angekündigt. Diese nutzt Spark als Connector zwischen HANA und Hadoop Distributed File System(HDFS). Wir haben den Footprint der HANA-Technologie minimiert: Unsere In-Memory-Technologie-Engine kann auf einem iPad oder Industrie-PC, massiv verteilt auf HDFS-Knoten als preiswerten Datencontainer, laufen. Unternehmen steht so eine Plattform zur Verfügung, die die Gesamtkosten für die Datenhaltung signifikant reduziert, indem HANA und Hadoop kombiniert mit Spark genutzt werden können.

Ganz konkret nachgefragt Herr Leukert, wo sehen Sie die Vorteile von HANA und wo sehen Sie die Vorteile von Hadoop?

SAP HANA konsolidiert analytische und transaktionale Anwendungsszenarien auf einer gemeinsamen Datenbasis. Daten, sowohl strukturierte als auch unstrukturierte, wie beispielsweise Inhalte aus sozialen Medien, können in Echtzeit analysiert werden, ohne dass sie vorher transformiert, aggregiert und erneut abgelegt werden müssen. Auch Simulationen sind möglich. Weil die Daten direkt im Hauptspeicher liegen, können Geschäftsprozesse unmittelbar auf Basis der gewonnen Erkenntnis angepasst werden. SAP HANA vereinfacht die Lösungsarchitektur und ermöglicht neuartige Anwendungen, die sowohl Massendaten verarbeiten als auch Auswertungen auf Basis dieser Massendaten in voller Detailtiefe möglich machen. SAP HANA verfügt über die Intelligenz, die es braucht, um ein Real-Time-Business umzusetzen.

Apache Hadoop bietet ein Rahmenwerk, das sich unter anderem auf das kostengünstige Speichern polystrukturierter Massendaten konzentriert. Im Gegensatz zu klassischen Analysedatenbanken anderer Hersteller wird bei Hadoop mit Standard-Hardware gearbeitet, was eine kostengünstige Speicherung von Daten im mehrstelligen Petabyte-Bereich ermöglicht.

Den maximalen Wert aus seinen Daten kann ein Kunde schöpfen, indem er die Stärke von SAP HANAs In-Memory Processing mit der Fähigkeit von Hadoop, sehr große Datenmengen jeglicher Struktur kostengünstig zu speichern, kombiniert.

Ich beobachte, dass viele Unternehmen sehr grosse Datenmengen (Big Data) aus Kosten- und Skalierungsründen in Cloud-Rechenzentren abspeichern. Nach Ihrer Meinung, wann sollte ein Unternehmen in eigene Hardware für Big Data investieren und wann sollte man von Anfang an in die Cloud gehen?

Die Digitalisierung der Wirtschaft führt dazu, dass die zunehmende Verlagerung von Geschäftsprozessen in die Cloud heute schlichtweg bereits Realität ist. Markt- und Kundenanforderungen unterliegen einem schnellen und kontinuierlichen Wandel. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen auf diese sich ändernden Bedingungen zeitnah reagieren, indem sie bestehende Abläufe schnell anpassen und neue Prozesse bei Bedarf zügig aufbauen. Flexible und skalierbare Cloud-Lösungen machen das möglich. Nicht alle Prozesse werden derzeit in die Cloud verlagert, wir sehen allerdings bei unseren Kunden, dass die Cloud zunehmend als Alternative oder Erweiterung zu bestehenden On-Premise-Systemlandschaften gesehen werden, auch im Mittelstand. Generell ist der Kerngedanke der SAP aber, dass wir unseren Kunden die Wahlfreiheit zwischen diesen Modellen bieten. Wir sind für alle Bereitstellungsmodelle hervorragend aufgestellt und können unseren Kunden die für die individuelle Situation passende Lösung anbieten, ob On-Premise, Cloud oder ein hybrides Szenario.

Erlauben Sie mir eine Nachfrage: Welche Prozesse werden in der Regel als erstes in die Cloud verlagert? Ich höre immer wieder, dass bei SAP-Anwendern Teile des HR in die Cloud verlagert werden? Stimmt das?

Es ist richtig, dass viele kaufmännische Unterstützungsprozesse, wie Einkauf oder Personal- und Rechnungswesen, bereits durch Cloud-Lösungen abgebildet werden. Die Mehrheit der Cloud-Services lässt sich aber wegen ihrer allgemeinen Verwendbarkeit branchenübergreifend einsetzen. Mit unserer SAP HANA Cloud Platform für das Internet der Dinge stellen wir Unternehmen beispielsweise eine Infrastruktur zur Verfügung, mit der sie sich sicher in einem Netzwerk mit Millionen von angebunden Geräten bewegen können. Die Services bauen auf bestehenden Daten- und Anwendungsservices auf, darunter Funktionalitäten für vorausschauende Analysen oder Auswertungen von Geo- und Telematikdaten. Sie ermöglichen sogenannte Device Clouds, in denen unsere Plattform zum Beispiel Sensordaten von Endgeräten speichert und somit eine Anbindung von Endgeräten an Geschäftssysteme nahtlos überbrückt.

Wie sieht die Strategie der SAP im Bereich Industrial Services aus, bzw. konkret, wird die SAP in Zukunft Sensordaten berücksichtigen und diese in ERP-Lösungen einbauen?

Sensordaten werden in der Zukunft eine Kerndatenquelle für Unternehmensentscheidungen sein. Durch unser Produkt "HCP for the Internet of Things" machen wir diese Sensordaten den im ERP abgebildeten Prozessen zugänglich. Wir ermöglichen die Verarbeitung von Sensordaten in Echtzeit, bieten aufbauend auf unserer Plattform Analysetools an und ermöglichen die direkte Integration der Sensoren-Datenstreams in operative Geschäftsprozesse. Das wird so von keinem Wettbewerber angeboten.

Design Thinking etabliert sich als wichtige Innovationsmethode. Wie beurteilen Sie Design Thinking? Welche Erfahrungen haben die SAP als Unternehmen und Sie persönlich mit dieser Methode gemacht?

Design Thinking ist eine Vorgehensweise, mit der man Bedürfnisse von Menschen verstehen und für diese Bedürfnisse innovative Lösungen entwickeln kann. Wir setzen dies bei der SAP bereits seit 2004 sehr erfolgreich ein. In einem iterativen Prozess entwickeln wir gemeinsam mit Kunden Lösungen für konkrete Geschäftsszenarien. Wirkonnten mit Design Thinking bereits hervorragende Ergebnisse erzielen. So haben wir beispielsweise mit Gameforge, einem Anbieter von Online-Spielen, Prototypen entwickelt, um das Spieleportal benutzerfreundlicher zu gestalten. Aus einem Design-Thinking-Workshop mit der Deutschen Eishockey Liga (DEL) entstand eine Dashboard-Anwendung, die bei Spielen und Veranstaltungen Live-Daten zu den Teams bereitstellt. Ergebnis eines Workshops mit dem Nationalen Zentrum für Tumorerkrankungen (NCT) ist der "Patientendaten-Explorer", der einen schnellen Zugriff auf Patientendaten aus verschiedenen Quellen und deren Analyse ermöglicht. Die Lösung soll Ärzte bei der Erstellung von Therapieplänen unterstützen und Forschungsergebnisse für künftige Therapieansätze beschleunigen - wodurch die Lebensqualität behandelter Patienten verbessert und vielleicht sogar Leben gerettet werden könnten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass wir Design Thinking nutzen, um bestehende Geschäftsprozesse neu zu definieren, aber viel mehr noch, um neue Geschäftsmodelle gemeinsam mit unseren Kunden zu entwickeln.