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Sendmail - ein Zwitter aus Open Source und Kommerz?

23.11.2000
Eric Allman, Initiator des "Sendmail"-Projekts und inzwischen Chief Technology Officer (CTO) bei dessen kommerziellem Nachfolger Sendmail Inc., sprach mit der COMPUTERWOCHE über Open Source und aktuelle Trends im Messaging-Markt.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Eric Allman initiierte das Open-Source-Projekt "Sendmail". Der Mail-Transport-Agent hat sich inzwischen zu einer weit verbreiteten Internet-Applikation entwickelt. Mittlerweile arbeitet Allman als Chief Technology Officer (CTO) bei der Sendmail Inc. Mit ihm sprach Thomas Eduak*.

CW: Was hält Sie nachts noch wach, wenn Sie an Sendmail denken?

ALLMAN: Zurzeit gar nichts. Unsere Verkaufszahlen verzeichnen ein gesundes Wachstum. Es hat etwas länger gedauert, als wir ursprünglich angenommen hatten. Dafür gab es Gründe. Einer bestand darin, dass wir ein absolut neues Geschäftsmodell haben, das noch keiner vor uns evaluiert hatte. Dabei haben wir einige Fehler gemacht. Das gehört zu einem Startup: Man macht Fehler, behebt sie und fährt dann mit dem Geschäft fort. Es gibt auch Firmen, die ihre Fehler ignorieren und ungerührt weitermachen, aber wir haben uns dafür entschieden, sie doch lieber erst zu beseitigen.

CW: Könnten Sie kurz das Geschäftsmodell von Sendmail beschreiben?

ALLMAN: Dass wir Sendmail als Open Source verschenken, ist zunächst einmal für Entwickler gut. Diese sind von der Idee begeistert, alles selbst machen zu können - eben auch einen professionellen Mail-Server aufzubauen, der sie nichts kostet. Geld verdienen wir aber mit einer kommerziellen Sendmail-Version. Die ist dann vorkompiliert, ins System integriert und enthält Management-Tools und umfangreiche Dokumentation. Darüber hinaus bieten wir Support an. Gerade Unternehmen verlangen wartungsfreundliche Software und die Möglichkeit, sofort Hilfe bekommen zu können, wenn etwas schief läuft. Sie möchten einen Support, der telefonisch 24 Stunden am Tag erreichbar ist.

CW: Sie verkaufen Sendmail also an die professionellen Kunden.

ALLMAN: Ja, unsere Kunden sind nicht die normalen Anwender, sondern das obere Ende des Marktes: Leute, deren Business über das übliche Maß hinausgeht, beispielsweise Internet-Service-Provider (ISPs). Unter NT gibt es keinen sehr guten Mail-Server.

CW: Von diesen Kunden wird Sendmail ja ohnehin stark eingesetzt. Allerdings haben die im Regelfall auch das Fachpersonal, das doch eigentlich nicht Ihren Support benötigt?

ALLMAN: Im Prinzip richtig. Doch für Unternehmen wird der Zwang, Zuverlässigkeit und Kompetenz rund um das Internet zu beweisen, immer stärker. Die IT-Abteilungen benötigen mehr Kompetenz. Die Unternehmen schätzen sich glücklich, Fachpersonal anzustellen - wenn sie es denn finden können. Ich brauche hier nicht zu erzählen, wie viel ein Systemadministrator heutzutage in Kalifornien verdienen kann.

CW: Machen Ihnen die Linux-Distributoren dabei keine Konkurrenz?

ALLMAN: Nein. Red Hat hat sogar in Sendmail investiert.

CW: Wie wird sich Sendmail weiterentwickeln? Braucht ein Mail-Server heutzutage überhaupt noch neue Features?

ALLMAN: Im E-Mail-Markt ändern sich die Dinge zurzeit dramatisch. Das betrifft in erster Linie nicht die Features, sondern beispielsweise die Unterstützung von Protokollen. Denken Sie beispielsweise an "Unified Messages", bei denen Sie E-Mails, Faxe und Telefon über ein Interface bedienen. Dafür sind ganz andere Bandbreiten erforderlich. Auch setzen die Unternehmen zunehmend auf E-Mail für ihren Kundenkontakt. Jetzt werden nicht nur Tausende, sondern gar Millionen E-Mails am Tag verschickt. Natürlich gibt es auch interessante Features, wie E-Mail-Filter oder Monitoring.

CW: Und bieten Sie auch Viren-Scanning an?

ALLMAN: Nein, zumindest nicht das eigentliche Scannen der Mails auf Viren. Das möchten wir auch gar nicht, weil es zu viel Arbeit wäre und nicht zu unserem Kerngeschäft gehört. Wir sorgen mit Sendmail für die Plattform, auf die Anbieter von Virenscanning-Software ihre Lösungen portieren können.

CW: Sendmail gilt als kompliziert zu konfigurieren. Warum wird - zumindest im Open-Source-Bereich - so wenig unternommen, das zu ändern?

ALLMAN: Hier spielen zwei Aspekte eine Rolle: Einerseits ist die Konfiguration schwer, weil es um ein komplexes Problem geht - die Leute wollen ganz spezifische Dinge. Der zweite Grund ist, dass die Konfigurationsdatei historisch gewachsen ist. Wahrscheinlich hätte ich zu einem früheren Zeitpunkt ansetzen und sie vereinfachen sollen. Aber wenn ich das getan hätte, wäre die Kompatibilität nicht mehr gewährleistet gewesen - und das wollte ich nicht. Die Konfigurations-Datei, von der die meisten Leute behaupten, sie sei kryptisch, ist nicht das, was ich zur Konfiguration von Sendmail benutze oder den Anwendern empfehle. Dafür ist eine weitere Schicht vorgesehen, die viel einfacher zu bedienen ist.

CW: Es gibt Kritiker, die behaupten, Sendmail sei nicht besonders sicher. Sendmail-Befürworter halten dagegen, Ihre Software sei sicher, weil sie eine der meistverbreiteten Open-Source-Produkte ist und intensive Code-Audits betrieben werden, die mögliche Fehler aufdecken.

ALLMAN: Die theoretische Debatte um Sicherheitsmängel wird durch die Praxis widerlegt: Seit ungefähr vier Jahren sind praktisch keine bedeutenden Sicherheitslücken in Sendmail bekannt geworden. Schließlich ist Sicherheit seit fünf Jahren eines unserer wichtigsten Themen, und inzwischen haben wir darin viel Arbeit investiert. Sendmail gehört immerhin zu den Applikationen, die am häufigsten im Internet verwendet werden. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Wir, die Sendmail-Gruppe, hatten einen Fehler im Linux-Kernel entdeckt, durch den jeder Anwender Superuser-Rechte erhalten konnte. Das ist ein viel schwerwiegenderes Problem, als Sendmail in den letzten Jahren hatte. Aber keiner hat gesagt, dass man aus diesem Grunde Linux überhaupt nicht mehr einsetzen darf. Stattdessen hat die Linux-Community reagiert und den Bug schnell und sauber behoben. Wie aber steht es mit manchen anderen Unternehmen? Die verhalten sich gegenüber Problemen wie Banditen und rühren in solchen Fällen keinen Finger.

CW: Verglichen mit dem Linux-Hype läuft es mit Sendmail viel ruhiger ab. Gibt es noch viele Open-Source-Entwickler, die an Sendmail arbeiten?

ALLMAN: Ja doch, die Sendmail-Gemeinschaft lebt definitiv. Wahrscheinlich gibt es sogar mehr Leute, die daran arbeiten, als noch vor der Gründung unseres Unternehmens. Linux erfährt einen enormen Push durch die Presse. Dabei gibt es Free BSD beispielsweise schon länger als Linux, und es kann alles, was auch Linux kann - bekam aber keine Presse.

CW: Sie selbst sind bekannt als ein Fan von Free BSD.

ALLMAN: Ja. Und ist das gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. Die Linux-Community war besser in puncto Publicity. Sendmail ist, verglichen mit Linux, ein viel kleinerer Teil des gesamten Puzzles. Es ist ein unternehmenskritisches Stück, aber eben nicht so groß oder gar so sexy wie Linux.

CW: Wer gibt die Richtung von Sendmail vor? Sind Sie der Maintainer der Software?

ALLMAN: Früher habe ich wirklich alles selbst überwacht. Das hat sich nun geändert, ich kümmere mich nicht mehr um die täglichen Details. Jede Version hat jetzt ihren eigenen Maintainer. Natürlich lenke ich in gewisser Weise nach wie vor die technische Entwicklung. Ich arbeite nun aber für die Firma, es ist jetzt ein Unternehmensprojekt. Wobei es aber weiterhin eine Mailing-Liste gibt, auf der wir neue Features öffentlich durchdiskutieren. Feedback ist eine tolle Sache, und wir erhalten viel Input von außerhalb.

CW: Glauben Sie, dass die großen IT-Player die Open-Source-Business-Modelle

wirklich verstehen?

ALLMAN: Einige von ihnen bestimmt. Linux wird immer mächtiger. Unternehmen, die einst geschworen haben, niemals Open Source zu protegieren, setzen es nun ein. IBM beschäftigt sich mit Linux-Clustering-Technologie und investiert generell viel Geld in Open Source. Würde IBM die Wünsche seiner Kunden ignorieren, würden die zu Linux-freundlichen Anbietern abwandern. An dem Punkt, wo sogar das kommerzielle Geld in quelloffene Software fließt, wird der Anwender in die Lage versetzt, Software auszuwählen und, falls gewünscht, in beliebige Richtung weiterzuentwickeln. Für Unternehmen heißt das aber: Sie müssen verantwortungsvoller werden und sich mehr an den Wünschen ihrer Kunden orientieren.

Microsoft tut das nicht. Noch kann Microsoft sagen: Hier ist die neueste Version unserer Software, die du installieren musst. Gnome jedoch könnte später einmal in Allianz mit anderen Tools zu einer ziemlichen Bedrohung für Microsoft auf dem Desktop werden. Ich weiß zwar nicht, ob es dazu kommen wird. Wenn aber, ändert das eine IT-Welt, in der ein einziges Unternehmen die Technologie kontrolliert, die die meisten Anwender nutzen. Das Wundervolle an Open Source ist, dass es ein perfekter transparenter und freier Markt ist. Es bringt in gewisser Hinsicht das Ende eines unfairen Wettbewerbs, den Finanziers so sehr lieben.

Kooperation IBM/Sendmail

Sendmail und IBM wollen künftig gemeinsam integrierte Internet-Messaging-Lösungen entwickeln und vertreiben. Dabei kombinieren die Partner die Hosting- und Routing-Lösungen von Sendmail mit der Linux-fähigen E-Server-Familie sowie den Softwareprodukten von IBM. Sendmail profitiert dabei vom weltweiten Kundenstamm der IBM. Marktforscher prognostizieren dem Markt für Internet-Mail-Plattformen eine rosige Zukunft. Von 50-prozentigen Kosteneinsparungen und 1000-mal schnelleren Übertragungsgeschwindigkeiten als bei traditionellen Methoden ist die Rede. Als Plattformlösungen werden die "Sendmail Switch 2.1 Routing Software" und die "Sendmail Advanced Message Server Hosting Software" mit der IBM E-Server-Plattform gebündelt (z-Serie, p-Serie, x-Serie und i-Serie). Die beiden Unternehmen planen darüber hinaus, Lösungen auf den Markt zu bringen, in denen sich die Sendmail Switch 2.1 Routing Software und der "Lotus Domino Messaging Server" ergänzen.

CW: KDE und Gnome haben aber erst drei Prozent des Desktop-Marktes.

ALLMAN: Drei Prozent sind eine Menge, wenn man bei Null anfängt. Und immer mehr Menschen ärgern sich über Microsoft.

CW: Was mögen Sie am meisten an Open Source?

ALLMAN: Wir blicken auf ein neues Entwicklungsmodell, das Entwickler und Kunden näher zusammenbringt. Beim traditionellen Modell spricht der Vertrieb mit dem Kunden, danach mit dem Marketing. Die Kundenwünsche werden durch mehrere Marketing-Ebenen weitergereicht und kommen vielleicht irgendwann beim Entwickler an, oft aber nicht mehr in der ursprünglichen Form.

Bei Open Source wird der mittlere Teil, Sales und Marketing, herausgebrochen. Das kann in der Tat zu Produkten führen, die der Kunde wirklich will, anstelle von Produkten, von denen das Marketing glaubt, dass der Kunde es will. Ich glaube beispielsweise nicht, dass die Features von Netscape das waren, was der Kunde verlangte. Das war nur ein erbittertes Machtspiel zwischen Netscape und Microsoft.

CW: Wie beurteilen Sie die immer stärkeren Einfluss- beziehungsweise Kontrollversuche durch kommerzielle Unternehmen?

ALLMAN: In Open Source wird viel mehr investiert als noch vor einigen Jahren. Unabhängig vom Business-Rummel um Open Source glaube ich aber, dass es immer Leute geben wird, die Wochenendprojekte starten, um etwas Interessantes zu programmieren. So hat es Miguel de Icaza mit Gnome gemacht. Das lockte Interessenten an, die die Software weiterentwickeln wollten und anboten, nötiges Kapital und Entwickler bereitzustellen. Das ist in gewisser Hinsicht auch gut. So kommt manche Innovation an die Öffentlichkeit. Die Anwender wollen das oft mehr als die Entwickler. Einer der größten Vorteile von Open Source ist zugleich auch seine größte Schwäche: Kann man Menschen begeistern und in Schwung versetzen, dann hat man ein Linux. Wenn aber nicht, bewirkt man gar nichts. Es gab in der Vergangenheit so manches gute Projekt, das versickerte, weil sein Initiator beispielsweise das Studium beendete und keine Zeit mehr hatte, sich aber niemand fand, der die Arbeit weiterführte.

* Thomas Eduak ist freier Journalist in München