Nach ITTs Ausstieg aus dem US-Markt für Vermittlungstechnik:

SEI mit den Systemen 12 in Schlüsselposition

14.03.1986

STUTTGART (bi) - "Flucht nach vorn" signalisierte jetzt Walter Brendel, seit Oktober 1985 Leiter des SEL-Gruppenbereichs Bürokommunikation. Der Generalbevollmächtigte der lTT-Tochter in Stuttgart, der bereits den Kabelsektor des Hauses "restrukturiert" hat, will über Bereinigung der Produktpalette, Konzentration und Straffung der Entwicklung sowie Organisation den defizitären Ein-Milliarden-Bereich wieder in die Gewinnzone bringen .

Der Stratege schätzt den Office-Automation-Sektor als den mittel- und längerfristig am stärksten expandierenden Bereich der Kommunikationstechnik ein und damit als vorrangig auch in der eigenen Unternehmensstruktur. Noch in diesem Jahr will er seine Gruppe wieder aus der Schieflage herausmanövrieren. Mit einem Umsatzwachstum von fünf Prozent glaubt der "neue Mann mit Controll-Charakter", das Ergebnis wenigstens an die Null-Linie heranführen zu können. Im vergangenen Jahr stieg das Umsatzvolumen um immerhin 24 Prozent; im wesentlichen war dieser Zuwachs jedoch auf die 100prozentige Übernahme der Computer-Technik-Müller GmbH (CTM), Konstanz, zurückzuführen, die mit 130 Millionen zu dem von 900 Millionen in 1984 auf 1,1 Milliarden Mark in 1985 erhöhten Wert beigetragen hatte. Mittelfristig hofft Brendel nun auf eine Rate im Branchendurchschnitt von 15 Prozent, in Spezialbereichen auf überproportionales Wachstum. Als eine der notwendigen Voraussetzungen dafür scheint ihm indes auch eine Korrektur der Beschäftigtenzahl nach unten zu sein.

Neben dem unbefriedigenden hausgemachten Ergebnis des Jahres 1985 - rein in den PC-Markt, raus aus dem PC-Markt - lieferten auch unternehmensweite Strategieveränderungen unter anderem aufgrund der schwierigen Verhältnisse in den USA gute Gründe für einen Neuansatz. Umsatz und Gewinn sanken in den letzten Jahren kontinuierlich und erheblich: 1980 hatten die Zahlen noch 18,53 Milliarden Dollar für den Umsatz und 894,30 Millionen für den Reingewinn gelautet. 1985 sind sie geschrumpft auf 11,9 Milliarden und 294,0 Millionen Dollar. Aufsehen erregt hatte kürzlich auch die Entscheidung der amerikanischen ITT-Oberen, sich die offenbar außerordentlich hohen Anpassungskosten für das hochgezüchtete ITT-Paradepferd System 12 an den US-Telekommunikationsmarkt "zu sparen". Die strategisch äußerst wichtige Entwicklung hatte an sich auch im Markt den dortigen Tele-Marktführern AT&T und Northern Telecom Paroli bieten sollen. Jetzt hat die Amtsbaufirma Siemens diese Rolle wohl alleine übernommen. Den Stuttgartern nun ist als "Leadhouse" die Regie übergeben, System 12 in Europa und weltweit den entsprechenden nationalen Gegebenheiten anzupassen und zu vertreiben. Dies gilt auch für die aus der öffentlichen Technik entstandene digitale Nebenstellenanlage System 12 B.

Greifen kann die Umstrukturierung ab 1. April. Die bislang divisionale Organisation wird in vier operationale Bereiche gegliedert: Marketing, Produkttechnik, Vertrieb mit. zentralem Kundendienst sowie Logistik. Ein eigener Bereich Schulung werde den künftigen VBs des Bürosektors über geeignete Tools - hier ist auch an Support durch das Beteiligungsunternehmen ADV-Orga gedacht - unter die Arme greifen. Vorläufig in ihrer Struktur erhalten bleiben soll die CTM.

"Ballast abwerfen" bedeutet vom Produkt-Portfolio aus gesehen zunächst einmal Ausmusterung einiger Textprodukte zugunsten von CTM.

Die abgemagerte Produktpalette paßt sich im wesentlichen den Möglichkeiten des Systems 12 B an. Die digitale Nebenstellenanlage der Stuttgarter ist nämlich auch das Kernstück des kürzlich in Brüs europaweit angekündigten ITT-Bürokonzepts "Office 2000". Dieses geschlossene Konzept ist, wie Brendel betonte, in seiner Ausprägung für den deutschen Markt gleichwohl offen für die wesentlichen Standards (SNA und OSI); Schnittstellen für die hausinternen Produkte wie die IBM-kompatiblen Terminals und PCs - ein Mehrplatzsystem auf Unix-Basis wurde für den Herbst angekündigt - sowie für die CTM-Produkte sind selbstverständlich (siehe nebenstehende Grafik). Unterstützen werde man auch die "ZVEI-Schnittstelle" Up null, die schon Telenorma und andere ISDN-Protagonisten in ihre Nebenstellenanlagen integrieren wollen zum Anschluß von LANs respektive von PCs.

Marktvolumen erwartet Brendel in den kommenden Jahren in erster nie vom Wachstum bei Mehrplatzsystemen und multifunktionalen Terminals; ferner könne man die bisher bereits gute zweite Position (nach dem Marktführer selbst) bei IBM-kompatiblen Bildschirmen und weiteren Metro-Produkten ausbaue. Allem voran muß jedoch das mit hohem Entwicklungsaufwand gepushte System 12 B zum Zugpferd der weiteren Entwicklung werden. Auf den bereits bestehenden Preisverfall bei, digitalen Nebenstellenanlagen aufgrund eines sehr harten Wettbewerbs habe man schon mit fertigungstechnischer Konzentration und spitzem Bleistift reagiert.