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SCO findet keine Beweise gegen Linux

15.07.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Schon seit Jahren weiß SCO, dass Linux nicht von Unix abgekupfert wurde. Das geht aus einer E-Mail hervor, die der Website Groklaw vorliegt. Darin schreibt der SCO-Ingenieur Michael Davidson am 13. August 2002: "Am Ende haben wir absolut nichts gefunden, beispielsweise keinen Beweis irgendwelcher Urheberrechtsverletzungen."

Davidson schrieb die E-Mail an Reg Broughton, damals Senior Vice President bei SCO, der sie an den kurz zuvor zum CEO der Firma ernannten Darl McBride weiterleitete. Die Nachricht ist eines der Dokumente, die SCO auf Antrag von IBM in dem seit über zwei Jahren laufenden Gerichtsverfahren vorlegen musste. SCO hatte Big Blue 2003 verklagt, urheberrechtlich geschützten Unix-Code auf Linux und die eigenen Unix-Derivate übertragen zu haben.

Der Unix-Spezialist Davidson beschreibt, dass er erfolglos den Linux-Sourcecode untersucht hat: "Ein externer Berater wurde hinzugezogen, weil ich schon meine Meinung (basierend auf sehr detailliertes Wissen über unseren eigenen Sourcecode und angemessen weite Auseinandersetzung mit Linux und anderen Open-Source-Projekten) geäußert hatte, dass es eine Zeitverschwendung wäre und wir nichts finden würden."

Der externe Berater war Bob Swartz, der laut Davidson den Linux-Kernel, seine Libraries und Utilities "vier bis sechs Monate lang" mit verschiedenen Versionen von Unix verglich. Davidson beklagt sich: "Das Projekt resultierte daraus, dass das leitende SCO-Management sich weigerte zu glauben, Linux und große Teile der GNU-Software könnten entstanden sein, ohne dass 'jemand' 'irgendwo' Teile des proprietären Unix-Sourcecodes kopiert habe, an dem SCO Urheberrechte besitzt. Es gab die Hoffnung, wir würden ein 'smoking gun' (Tatsachenbeweis; Red. CW) irgendwo in dem Code finden, den Red Hat und/oder andere Linux-Firmen verwenden, was uns einen Ansatzpunkt gegeben hätte."

Der Berater Swartz benutzte Tools, um Übereinstimmungen zu finden. Das Ergebnis fiel so aus, wie es Davidson erwartet hatte: "Es gibt in der Tat eine Menge Code, den Unix und Linux gemeinsam haben (beispielsweise das gesamte X-Windows-System), aber ausnahmslos kam heraus, dass der gemeinsame Code etwas war, das sowohl wir (SCO) als auch die Linux-Community (rechtmäßig) von dritter Seite erhalten hatten."

Das könnte erklären, warum SCO ursprünglich erklärt hat, es gebe keine Probleme mit dem Linux-Kernel vor Version 2.4. Später hat SCO-Chef McBride allerdings behauptet, der Entwicklungsprozess von Linux könne Codepiraterie nicht verhindern. Deshalb enthielten alle Linux-Versionen Urheberrechtsverletzungen.

Davidson erwähnt in einem Nebensatz, dass schon zur Zeit der Nachforschungen von Berater Swartz bei SCO der Gedanke an eine Erpressung kursierte: "Es gab zwischendurch die Idee, Lizenzen an Unternehmen, die Linux verwenden, zu verkaufen als eine Art Versicherungspolice für den Fall, dass sich herausstellen sollte, dass sie Code verwenden, der unsere Urheberrechte verletzt." Dies hat SCO später tatsächlich unternommen und im März 2004 mit (vergeblichen) Klagen gegen Daimler-Chrysler und den Autoteilehändler Autozone zu erzwingen versucht. Doch fast alle Linux-Anwender haben das SCO-Verlangen zurückgewiesen oder ignoriert. (ls)