Aus China?

Schwere Cyberattacke gegen IWF

14.06.2011
Der Internationale Währungsfonds kommt nicht aus den Schlagzeilen.

Erst das Rennen um den Chefposten, jetzt ein mysteriöser Cyberangriff, hinter dem eine ausländische Regierung stecken soll. Derweil bewarb sich auch Israels Zentralbankchef um die IWF-Führung (wurde aber inzwischen aus Altersgründen abgelehnt).

Favoritin für den IWF-Chefsessel: Christine Lagarde - die einzige französische Ministerin, die akzentfrei Englisch spricht.
Favoritin für den IWF-Chefsessel: Christine Lagarde - die einzige französische Ministerin, die akzentfrei Englisch spricht.
Foto: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia Commons

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist Medienberichten zufolge möglicherweise der Cyberattacke einer ausländischen Regierung zum Opfer gefallen. Dabei sei "eine große Menge" Daten entfernt worden, meldete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg ferner unter Berufung auf einen Insider. Betroffen seien E-Mails und andere Dokumente. Welche Regierung hinter dem Angriff stecken soll, blieb offen. Spekulationen kreisten aber um eine mögliche Verstrickung Chinas.

Unterdessen konkurriert inzwischen ein Trio um die Nachfolge von Dominique Strauss-Kahn, der nach Vergewaltigungs-Vorwürfen von der Spitze des IWF zurückgetreten war: Die französische Finanzministerin Christine Lagarde, der mexikanische Notenbankchef Agustín Carstens und seit dem Wochenende auch der Gouverneur der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer. Als Favoritin gilt allerdings Lagarde.

Der Angriff auf das Computersystem des Fonds, in dem Berichten zufolge hochvertrauliche Daten über die Finanzsituation verschiedener Länder gespeichert sind, habe sich vor der Festnahme Strauss-Kahns am 14. Mai ereignet, berichtete Bloomberg weiter. IWF-Sprecher David Hawley hatte per E-Mail erklärt, der Weltwährungsfonds sei "voll funktionsfähig". Zu dem Vorfall sei eine Untersuchung eingeleitet.

Die "New York Times", die am Samstag zuerst über die Attacke berichtet hatte, zitierte Insider mit den Worten, der Hackerangriff sei ernst und ausgefeilt gewesen. "Es war ein sehr bedeutender Eingriff." Blomberg berichtete von einer E-Mail an die Mitarbeiter des Fonds vom 8. Juni, in der von "einigen verdächtigen Datentransfers" die Rede sei.

Eine Untersuchung habe ergeben, dass ein Desktop-Computer des Fonds missbräuchlich benutzt worden sei, um in das Computersystem des IWF einzudringen. Wie es weiter hieß, sei vorsichtshalber eine Computerverbindung zum Informationsaustausch zwischen der Weltbank und dem IWF vorübergehend gekappt worden. Beide Hauptquartiere liegen sich an einer Straße in Washington gegenüber.

Der Zeitung zufolge geht man beim Währungsfonds nicht davon aus, dass der Eingriff mit dem spektakulären Hackerangriff auf das Unternehmen RSA Security vom März zusammenhängt. Die Firma liefert Sicherheitsschlüssel zum Schutz vor unbefugten Zugriffen auf Computersysteme und hat weltweit Tausende von Unternehmen als Kunden. Erst im vergangenen Monat hatten Hacker offenbar mit Hilfe der bei RSA Security gestohlenen Informationen versucht, in das Computersystem des US-Rüstungsriesen Lockheed Martin einzudringen. Auch der IWF ist Medien zufolge Kunde von RSA.

In den vergangenen Monaten hatten sich Berichte über Hackerangriffe auf große Unternehmen gehäuft. So hatten Mitte April Unbekannte die Sony-Netzwerke für Konsolen- und Computerspiele sowie den Film- und Musikdienst Qriocity geknackt. Dadurch bekamen sie Zugang zu mehr als 100 Millionen Kundendatensätzen.

US-Medien äußerten den Verdacht, China könnte hinter dem Angriff auf den IWF stecken. Suchmaschinen-Gigant Google hatte nach einer Cyberattacke erklärt, man vermute die Drahtzieher in der Volksrepublik. Nach einem Bericht der "Washington Post" waren vor zwei Jahren vor einer Runde von ranghohen wirtschaftspolitischen Beratungen Washingtons mit Peking sensible Daten aus den Computern hoher Beamter des US-Finanzministeriums gestohlen worden. Amerikanische Ermittler vermuten auch hier die Hintermänner in China.

Der IWF ist in der weltweiten Finanzkrise zu einem der wichtigsten Krisenhelfer aufgestiegen. Gerade in der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise spielt der Währungsfonds eine wichtige Rolle.

Israels Zentralbankchef Fischer hatte seine Bewerbung für den IWF-Chefposten in letzter Minute eingereicht. Die Bewerbungsfrist war am Samstag abgelaufen. Fischer spricht mit Blick auf seine Kandidatur von einer "außergewöhnlichen" Gelegenheit und wirbt für sich mit seiner Qualifikation als hochangesehener Ökonom. Seine Chancen werden aber als gering eingeschätzt, weil Lagarde wie auch Carstens bereits seit Wochen international die Werbetrommel in eigener Sache rühren.

Ein Problem ist zudem das Alter Fischers. Laut IWF-Statuten dürfen Bewerber für das Amt nicht älter als 65 sein, Fisher ist zwei Jahre älter. Dies bedeutet, dass der IWF vor einer Billigung der Kandidatur Fischers eine Entscheidung über eine Änderung der Statuten treffen müsste, was er bereits abgelehnt hat.

Als klare Favoritin auf den IWF-Chefposten gilt allerdings die Französin Lagarde. Viele meine, dass hinter den Kulissen die Würfel schon zu ihren Gunsten gefallen sind. Der Verwaltungsrat will bis zum 30. Juni über die Besetzung des Spitzenamts entschieden haben.

Die Unterstützung der Europäer für Lagardes Bewerbung gilt als sicher, auch die Länder Afrikas stehen offenbar nunmehr geschlossen hinter der Französin. Lagarde erhielt inzwischen auch Unterstützung von Ägypten, wie Außenminister Nabil al-Arabi in Kairo sagte.

Dagegen hielten sich bislang vor allem Indien und China zurück. Die USA als größter Anteilseigner äußerten sich zunächst nicht, wen sie bevorzugen. Nach bisheriger Tradition wird der IWF von einem Europäer geführt, die Weltbank als Schwesterorganisation dagegen von einem US-Amerikaner. Gegen diese Regelung gibt es aber zunehmend Kritik aus den aufstrebenden Ländern Asiens und Lateinamerikas. (dpa/tc)