Schulung ist überall ein Problem

05.09.1975

"Audio-visuelle Hilfsmittel", sind modern, "Lernen im Medienverbund" ist "in", das Angebot an Seminaren und Schulungen ist groß: die Notwendigkeit einer umfassenden EDV-Ausbildung als unerläßliche Voraussetzung für effiziente Arbeit wird von niemandem bestritten. Trotz Euphorie aber auch Vorbehalte: In fast allen Unternehmen werden die Bildungsaktivitäten nach den Lernerfolgen - soweit überhaupt meßbar - und den entsprechenden Kosten beurteilt.

Lassen sich die an Schulung Interessierten alle über einen Kamm scheren, wo doch jeder ein anderes lnformationsbedürfnis und eine individuelle Lerngeschwindigkeit hat? Geht die "Gewinn- und Verlustrechnung" auf? CW befragte vier Anwender.

Wolfgang Rosenthal, Leiter der EDV-Abteilung der dvo Datenverarbeitungs-Service Oberhausen GmbH, Oberhausen

Es gibt derzeit ein breites Angebot an Schulung. Nur die meisten Seminare entsprechen nicht unseren Anforderungen. Der Stoff ist interessant, aber der Kurs meist so aufgebaut, daß keiner der Teilnehmer so recht auf seine kosten Kommt. Eine große Lücke besteht darin, daß zu wenig über Praxis und Wirtschaftlichkeit gesagt wird.

Zu Standard-Seminaren wie etwa Cobol-Schulung etc. gehen wir gar nicht hin, da wir der Meinung sind, daß das intern besser gemacht werden kann.

Interessant sind Kurse über neue Software-Techniken oder -Produkte. Seminare dind generell nur interessant, wenn sie einen halben Tag oder einen Tag dauern - darüber hinaus ist ein Kurs nicht mehr effizient.

Intern haben wir für unser OS-Betriebssystem Job Control-Kurse eingerichtet, die über drei wochen laufen. Hierbei wiederum gibt es Schulung für Anfänger und Fortgeschrittene. Wenn es um Programmiersprachen geht, schult ein interner Mann, der genügend Erfahrungen hat, die Neulinge. Hier wäscht eine Hand die andere. Wir haben kein Schulungsprogramm aufgestellt, sondern unterrichten nach Bedarf. Das genügt unseren Anforderungen und ist kosteneffektiver. Die angebotenen Seminare sind unserer Meinung nach zu teuer. Extern verbringen unsere Mitarbeiter etwa drei bis sieben Tage im Jahr auf Kursen, intern 15 bis 20 Tage.

Gerhard Brodersen, Leiter der EDV-Abteilung beim Otto-Versand, Hamburg

Das Angebot an Seminaren und Schulungen ist, umfassend genug. Was wir benötigen, haben wir bisher immer gefunden, obwohl der Markt recht wenig transparent ist, speziell im Hinblick auf die Effektivität der angebotenen Schulungen. Das Angebot an herstellerbezogenen Seminaren ist ausreichend, nur die Bereiche, die hicht unbedingt mit dem System zu tun haben, kommen etwas zu kurz, denn die Hersteller bieten keine firmen- und produktneutralen Kurse an.

Die Kosten der Seminare sind entschieden, zu hoch.

Wir haben mit interner Schulung die besten Erfahrungen gemacht. Zu diesem Zweck holen wir uns von Herstellern wie auch von größeren Firmen Lehrkräfte ins Haus. Das ist erstaunlicherweise leichter und kostengünstiger, als man generell annimmt. Teilnehmer an dieser Art von Unterricht sind dann Anwender-Firmen aus dem Umkreis oder auch Unternehmen, mit denen wir kooperieren. Da bei uns etwa 100 Mann in der DV beschäftigt sind und alle in der EDV weitergebildet werden müssen, ist es undenkbar, alle diese Leute für mehrere Tage auf Seminare zu schicken. Außerdem haben wir so den Vorteil, dem Referenten Themenwünsche mitzuteilen, die speziell auf uns zugeschnitten sind. Auch ist das Wissensniveau wesentlich besser als bei einem bunt zusammengewürfelten Teilnehmerkreis.

Zudem gibt es in unserem Hause Schulungsleiter, die neben ihrer eigentlichen Tätigkeit die Ausbildung des Nachwuchses übernehmen.

Insgesamt verbringen etwa 100 Mann 200 Manntage pro Jahr auf internen und externen Schulungen.

Sigurd Born, Leiter der Abteilung Ausbildung und EDV-Schulung des Heinrich-Bauer-Verlags, Hamburg

Wir gehen grundsätzlich davon aus, die Kurse zu beurteilen, die IBM anbietet, da wir IBM-Anwender sind. Hierzu können wir sagen, daß das heutige Angebot gut und umfassend ist. Zu bemängeln ist allerdings die Belegungsmöglichkeit, da häufig erst kurzfristig vom Belegungscomputer die Nachricht kommt, daß der Lehrgang ausgebucht ist. Das bringt natürlich die ganze Lehrgangsplanung durcheinander.

Die Kostenfrage bei Seminaren muß unterteilt werden. Einmal gibt es von den Herstellern kostenfreie Seminare, bei deren Besuch lediglich Spesen und Übernachtung zu zahlen sind, zum anderen gibt es seit etwa zwei Jahren kostenpflichtige Seminare und die sind meiner Meinung nach zu teuer. Zum Beispiel die IMS-Schulungen, die bis auf den Grundlehrgang nicht unter 1000 Mark pro Teilnehmer kosten. Und das ist einfach zu viel.

Durch eine Abgrenzung - systembezogene Schulung außer Haus, Fachschulungen durch eigenes Know-how im Haus - konnten wir sehr gute Erfolge erzielen. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine optimale Vorbereitung in einer Hand, damit eine chronologische Reihenfolge für den Besuch von Seminaren gegeben ist. Ein großes Problem bei externen Seminaren - und darauf sollte unbedingt geachtet werden - ist der unterschiedliche Bildungsgrad der einzelnen Teilnehmer. Teilweise geht der Referent auf die Minimum-Kenntnisse der Schüler ein, so daß für Teilnehmer mit den richtigen Voraussetzungen der Kurs wertlos werden kann. Hier sollte künftig eine Art Zulassungsprüfung stattfinden, die ein ausgeglichenes Arbeitsniveau zuläßt.

Im Jahre 1974 haben wir 105 Mann auf Schulungen geschickt, die insgesamt 439 Tage abwesend waren. Das entspricht 4,2 Manntagen pro Teilnehmer.

Dr. Alexander Ehrismann, Leiter der Abt. Produktsicherung der MBB GmbH, München

Nach den Prospekten zu urteilen, ist das heutige Angebot umfassend genug.

Ich kenne aus dem Angebot nur einige wenige aus eigener Erfahrung, weitere aus Berichten von Kollegen und eine ganze Menge eben nur aus den Angaben der Prospekte.

Theoretisch bestehen meines Erachtens keine Lücken, es sei denn, die lücke der mangelnden Kenntnis über die Qualität der angebotenen Seminare.

Uns bleibt keine andere Wahl, als die Kosten externer Schulungen zu tragen, da interne Schulungen in größerem Umfang schon aus Kapazitätsgründen (didaktische Aufbereitung) ausscheiden. Ferner glaube ich, daß selbst mittelmäßige externe Schulungen kosteneffektiver sind als eine interne Schulung, wenn es sich nicht um sehr häufig wiederholbare Routineschulung handelt, und wenn nicht ein Teil der Schulungsvorbereitungen aus irgendwelchen Gründen bereits geleistet ist.

Als eine Alternative zur externen Schulung bietet sich an, externe Referenten ins eigene Haus zu holen. Mit einer solchen internen Schulung haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.

In der Datenverarbeitungsstelle unseres Hamburger Werkes wird

etwa seit eineinhalb Jahren Fernschulung nach der VAI-Methode durchgeführt. Die praktischen Erfahrungen sind gut, so daß wir diese Methode demnächst auch in Ottobrunn einführen werden.

Unser Bereich Datenverarbeitung und Organisation in Ottobrunn wendet etwa zwei Prozent der verfügbaren Personalkapazität (mit Ausnahme des Datenerfassungspersonals) für externe und interne Schulung auf.

Die obengenannte Meinung geht zum Teil davon aus, daß man eine quantitative Vorstellung vom Nutzen der Schulungsveranstaltungen hat. Nut läßt sich dies wohl nicht immer belegen.