Erholung

Schlechter Schlaf wirkt wie Burnout

23.10.2013
Von Daniel Rettig

Müde Manager

Die Personalberatung Heidrick & Struggles fand kürzlich bei einer Befragung von 1.225 Top-Managern im Auftrag des "Handelsblatts" heraus, dass 42 Prozent der Befragten unter der Woche nur fünf bis sechs Stunden schliefen und viele über ständige Müdigkeit klagten.

Doch statt es zuzugeben, brüsten sich manche geradezu damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Dem ehemaligen Bertelsmann-CEO Thomas Middelhoff reichen pro Nacht angeblich drei Stunden, Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube kommt nach eigener Aussage mit vier Stunden Nachtruhe aus, ebenso Investor Lars Windhorst und Yahoo-Chefin Marissa Mayer. Moderatorin Sabine Christiansen empfahl den Deutschen gar einmal, weniger zu schlafen - eine Kuh käme schließlich auch mit drei bis vier Stunden aus.

Offenbar auch die Mehrheit unserer Politiker: Nach Angaben des Instituts für Demoskopie Allensbach schläft beinahe jeder dritte Politiker maximal fünf Stunden pro Nacht, mehr als 60 Prozent von ihnen sind oft übernächtigt. Kein Wunder: Seit Ausbruch der Euro-Krise treffen sich die Staats- und Regierungschefs regelmäßig zu Marathon-Sitzungen, gerne auch bis in die frühen Morgenstunden. Von den vergangenen Gipfeln endeten die meisten kurz vor Sonnenaufgang.

Vor wenigen Monaten bescheinigte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit der Zeitschrift "Brigitte" gar "gewisse kamelartige Fähigkeiten". Zwar stimme es nicht, dass sie nur vier Stunden pro Nacht schlafe. "Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken."

Auf Reserve vorschlafen - ein Mythos unter vielen, die sich rund um den Schlaf ranken, an denen aber nichts dran ist. "Langfristig Schlaf zu speichern ist unmöglich", sagt Schlafexperte Zulley. Niemand komme langfristig mit so wenig Nachtruhe aus: "Jedenfalls nicht ohne körperliche und geistige Schäden."

Und diese Schäden beeinflussen auch das Verhalten am Arbeitsplatz:

  • Mehr Fehler
    Die US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention resümierte: Knapp fünf Prozent der Autofahrer verfallen regelmäßig dem Sekundenschlaf. Nach Angaben des amerikanischen Verkehrsministeriums verursachen Unfälle wegen Müdigkeit jedes Jahr 40.000 Verletzte und 1500 Tote. Auch bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder der Havarie des Öltankers Exxon Valdez 1989 kamen Untersuchungskommissionen zu dem Ergebnis, dass Schlafentzug eine entscheidende Rolle spielte.

  • Schlechte Entscheidungen
    Schon eine schlaflose Nacht kann das Urteilsvermögen erheblich beeinflussen, fand im Jahr 2011 der Hirnforscher Scott Huettel von der amerikanischen Duke-Universität heraus. Für eine Studie sollten 29 Freiwillige eine Nacht durchmachen und eine Nacht ausschlafen. Dann konfrontierte Huettel sie mit verschiedenen Entscheidungen. Und bemerkte: In müdem Zustand neigten die Probanden dazu, auf möglichst große Gewinne zu spekulieren, während sie ausgeschlafen lieber Verluste minimierten. Mit anderen Worten: Mit wachem Kopf entschieden sie vernünftiger, rationaler und risikobewusster.

  • Wenig Selbstdisziplin
    David Wagner, Assistenzprofessor für Organisationsverhalten an der Management-Universität in Singapur, ist überzeugt: Wer weniger schläft, verdaddelt im Büro mehr Zeit im Internet. In einer Studie im Juni 2012 sollten 96 Studenten aufzeichnen, wie viele Stunden sie pro Nacht schliefen. Am folgenden Tag zeigte Wagner ihnen ein langweiliges Video. Ergebnis: Wer weniger und schlechter geschlafen hatte, vertrieb sich die Zeit bis zum Ende des Films öfters im Netz. Wagner geht davon aus, dass Schlafmangel die Selbstdisziplin senkt - und in diesem Zustand ist es verlockender, Zeit bei Facebook und Twitter oder auf Nachrichtenseiten zu verschwenden.