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Vor dem Halbfinale

Schland-Fans laufen sich im Internet warm

07.07.2010
Das Fußballfieber steigt vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien - im Netz finden Deutschland-Fans Linderung.
Deutscher WM-Humor (Foto: @caschy via Twitpic)
Deutscher WM-Humor (Foto: @caschy via Twitpic)

Mit markigen Sprüchen und positivem Denken bewältigen sie gemeinsam ihre Nervosität. Vor dem Anpfiff des WM-Halbfinales gegen Spanien kennt die sportbegeisterte Netzgemeinde nur ein Thema: das erhoffte Finale des deutschen Teams gegen die Niederlande. Bei Facebook oder Twitter sind die Optimisten klar in der Mehrheit. "Heute fliegt Spanien in einer Zitterpartie mit 2:1 und am Sonntag geht Holland zurück in den Wohnwagen (3:0)", twittert etwa "tobishome". Und in einer Facebook-Gruppe spottet ein Nutzer: "Holland hat die 3. Vizeweltmeisterschaft geschafft!"

Die gemeinsame Bewältigung der aufgeregten Spannung vor dem Spiel erfüllt ein wichtiges Bedürfnis: "Der Austausch mit Gleichgesinnten hilft dabei, dass man die Unsicherheit nicht alleine schultern muss", erklärt der Diplom-Psychologe Andreas Gerards. Er beschäftigt sich am Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) der Universität Trier mit Fußballpsychologie. "Das Internet stellt ein Kommunikationsmedium dar, das es einfach macht, die eigene Gefühlswelt nach außen zu tragen und dann sehr viele damit zu erreichen", sagte Gerards am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Das ist auch für Stephanie wichtig, die in der Facebook-Gruppe "WM 2010 - Mein Herz schlägt schwarz, rot, gold!" ihre Gefühlslage beschreibt: "Noch 9,5 Stunden, dann geht es los. Schaffen wir das? Los Jungs, lasst uns glücklich und stolz mit euch sein und auch mit euch richtig feiern dürfen." Das bisschen Unsicherheit bewältigt Stephanie mit positivem Denken: "Aber egal was heute passiert, ihr seid weit gekommen und wir sind mächtig stolz auf euch alle."

Mehr als 400.000 Fans haben sich unter dem schwarz-rot-goldenen Herz zur Nationalmannschaft bekannt. Kleinere Gruppen tragen Namen wie "Sommermärchen 2010" oder auch "Für eine Schul- und Arbeitssperre während der Fussball WM 2010 in Südafrika!" Und knapp 150.000 Nutzer wollen am Termin "Spanier nach Hause schicken" teilnehmen.

Der Halbfinalgegner Spanien wird mit Spott und Häme überschüttet. Auch das hilft denen, die wie eine "Deutsche in England" seit dem frühen Morgen "schon total hibbelig" sind. So stellt Tina das Foto eines Stierkämpfers ins Netz, der an empfindlicher Stelle von einem Stier auf die Hörner genommen wird und liefert die Erklärung dazu: "Stierkämpfer=Spanien.. Stier=Dschland!!" Silke wendet sich gleich direkt an die Spanier: "Vaya con Dios .. geht mit Gott, aber geht!"

Mindestens ebenso oft werden aber bereits die Niederlande als der Gegner im erhofften Finale in den Blick genommen, so etwa in dem Tweet: "Wie heißen noch gleich diese ätzenden WM-Pfeifen, die so komisch klingen?.. Ach ja: Holländer!"

Besonders wichtig ist die Kommentarfunktion der sozialen Netzwerke. Gerards erklärt: "Die Rückmeldung von Gleichgesinnten dient der eigenen Bestätigung, dass man mit der persönlichen Gefühlswelt kein Sonderling ist." Neben dem Austausch im Internet erfülle das persönliche Gespräch im Freundes- oder Kollegenkreis die gleiche Funktion. "Beide können sich ergänzen."

Je näher das Spiel heranrücke, desto schwerer falle es vielen, das Warten zu ertragen. Entweder, so hat es der Psychologe beobachtet, werde der Fernseher dann schon zwei Stunden früher eingeschaltet. Oder man versuche, sich bewusst abzulenken. Diesen Weg geht auch Susanne, die auf Facebook mitteilt: "So Leute.. bevor ich durchdrehe, gehe ich mich jetzt ablenken und ein bisschen shoppen."

Neben der Bewältigung der inneren Unruhe dient das Netz der Verstärkung der Fan-Gemeinschaft. "Wir haben alle das Bedürfnis, uns am gemeinsamen Tun zu freuen", erklärte Gerards. Der gebannte Blick auf den Halbfinalabend in Durban sei "eine kleine Fluchtmöglichkeit, um dem Einerlei des Alltags zu entkommen". Daher mischt sich in der Twitter-Gemeinde denn auch schon leise Wehmut in die allgemeine Vorfreude: "Was macht man eigentlich nächste Woche, wenn die #WM vorbei ist?" (dpa/tc)