Neuer Chef, neue Vision

Satya Nadella leitet Kurswechsel bei Microsoft ein

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Das jetzt vorgestellte Office für das iPad ist nur ein Teil einer neuen Gesamtstrategie Microsofts, in der nicht mehr Windows-Geräte, sondern Cloud und Mobility die Hauptrolle spielen. Auch sonst will der neue Boss Einiges verändern.
Der neue Microsoft-Chef Satya Nadella unterscheidet sich in positiver Weise von seinem Vorgänger Steve Ballmer
Der neue Microsoft-Chef Satya Nadella unterscheidet sich in positiver Weise von seinem Vorgänger Steve Ballmer


Mit seinen ersten öffentlichen Auftritt als Microsoft-CEO nach 53 Tagen im Amt hat Satya Nadella klar demonstriert, dass mit der Ablösung von Steve Ballmer nun ein neues Zeitalter für den Softwareriesen anbricht. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht: Der 46-jährige Nadella ist weniger aufgeregt und dominant, sondern eher zurückhaltend, sachlich und gelassen. Statt im schlecht sitzenden Anzug präsentierte er sich auf dem Pressebriefing in San Francisco lieber in Jeans, Turnschuhen und schwarzem Poloshirt.

Und auch mit den Neuigkeiten, die der Informatiker indischer Abstammung mit leiser aber klarer Stimme verkündete, hätte sein Vorgänger Ballmer wohl seine Schwierigkeiten gehabt. So fiel in den knapp 45 Minuten nur selten das Wort "Windows" oder "PC", umso häufiger wurde dafür das Apple iPad erwähnt. Julia White, General Manager Microsoft Office, durfte sogar auf offener Bühne bekennen, wie toll sie ihr Apple-Tablet findet - und dies, obwohl sich ihr Arbeitgeber reichlich schwer damit tut, die eigenen Surface-Produkte an den Kunden zu bringen. Ballmer hätte das Gerät vermutlich vor den Augen der anwesenden Journalisten auf den Boden geworfen, zerstört und seiner Kollegin als Ersatz ein hauseigenes Surface-Tablet aufgedrängt.

In der nun angelaufenen Post-Ballmer-Ära ist weniger Show, stattdessen mehr Objektivität angesagt. So konstatierte Nadella gleich zu Beginn, dass sich künftig wohl nicht mehr alles um den PC drehen werde: "Die nächsten zehn bis 15 Jahre werden nicht mehr durch die Form von Computern geprägt werden, die wir schätzen und lieben gelernt haben." Doch auch im kommenden Zeitalter von Ubiquitous Computing und Ambient Intelligence, wo alles digitalisiert ist und im Austausch mit Maschinen passiert, sei es ihm wichtig, was Microsoft als Company tun könne, um die Kunden besser zu unterstützen. Ziel sei "eine Cloud für jeden auf jedem Gerät", über die Nutzer von überall auf ihre Daten zugreifen könnten, betonte er auf der Presseveranstaltung in San Francisco.

Vollwertige Office-Lösung für das iPad

Als Demonstration dafür, dass es somit für Microsoft offenbar künftig eine geringere Rolle spielt, ob das Gerät mit Windows oder einer konkurrierenden Plattform arbeitet, stellte Nadella die lange erwartete Office-Suite for iPad vor. Die Anwendungen Word, Excel und Powerpoint stehen im iTunes Appstore kostenlos zum Download zu Verfügung und unterstützen die vom Desktop bekannten Features, also etwa Cut, Copy & Paste in Word. Außerdem ist unter anderem Real-Time-Editing und das Synchronisieren mit dem Cloud-Speicher One Drive möglich. In Ecel werden unter anderem Tortendiagramme unterstützt. Die Anwendungen seien nicht portiert, sondern extra für das iPad entwickelt, versprach Nadella. Außerdem gelte das Versprechen von Office: Alle Inhalte sehen auf allen Endgeräten gleich aus.

Einschränkungen gibt es bei der Gleichmacherei dennoch: Für die Office-Lösungen gilt das Freemium-Modell, sprich: Jeder kann Office for iPad kostenlos nutzen, um Dokumente, Tabellen und Präsentationen zu lesen, anzuschauen und zu zeigen. Um jedoch Inhalte neu zu erstellen oder zu bearbeiten, braucht man einen Office-365-Account.

Enterprise Mobility Management aus der Cloud

Während Office für das iPad ein Meilenstein und eine klare Aussage zur zukünftigen Ausrichtung des Unternehmens darstellt, ist die zweite Neuvorstellung, die Enterprise Mobility Suite (EMS), vermutlich wesentlich wichtiger für Business-Kunden. Dabei handelt es sich um ein Paket aus bekannten Lösungen, nämlich der erst kürzlich erweiterten MDM-Lösung Windows Intune, der Rechteverwaltung Azure Rights Management Services zum Schutz der Daten sowie eine neue Premiumversion von Microsoft Azure Active Directory. Letzte liefert ein Cloud-basiertes Identity- und Access-Management mit Single-Sign-On-Optionen für mehr als 1.000 der meist genutzten SaaS-Anwendungen. Zum Lieferumfang zählen außerdem Self-Service-Tools für die Anwender sowie Analyse-Werkzeuge basierend auf machine-learning-Algorithmen für Sicherheits-Reports und das Aufspüren von sicherheitsrelevanten Unregelmäßigkeiten.

Während es für viele Unternehmen sicher noch eine Herausforderung sein wird, so sensible Informationen wie Active Directory in die Cloud zu geben, dürfte die Preisstruktur zumindest einen gewissen Anreiz darstellen: Als EMS kostet das Bündel aus Azure AD Premium, Windows InTune und Azure Rights Management statt zwölf lediglich 7,50 Dollar pro Nutzer und Monat, wobei bis zu fünf Geräte je Anwender verwaltet werden können.

Das Thema Mobilität besitze mit Aspekten wie ByoD oder Identity-Management eine hohe Komplexität, die gezähmt werden müsse, erklärte Nadella. Für Microsoft sei EMS "das strategisch wichtigste" Produkt, weil es Unternehmen Microsoft-Dienste innerhalb der Azure-Cloud attraktiv mache.

Wie Microsoft mehrmals hervorhob, stehen bei den gezeigten Lösungen gleich mehrere Parteien im Mittelpunkt, etwa die Endanwender, die Entwickler oder die IT-Leiter, die mit Hilfe der Möglichkeiten (wieder) zu "Helden" würden. Die gezeigten Lösungen seien nur ein Aspekt der Gesamtstrategie, "der erste Schritt einer Reise", betonte Satya Nadella am Ende der Veranstaltung. Bereits in der nächsten Woche stelle man auf der Entwicklerkonferenz "Build" die geplanten Innovationen zu Microsoft Windows vor. "Wir haben zu Windows noch eine massive Agenda vor uns", so der neue Microsoft-Chef.