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Die Zeitung

Sascha Lobos Internet-Blick auf einen Dino

19.05.2010
Er mag sie nicht in seinem Briefkasten haben. Auch das haptische Gefühl der knisternden Blätter am Frühstückstisch ist überhaupt nicht sein Ding.
Eine Zeitung bleibt eine Zeitung - auch mit Sascha Lobo als Chefredakteur.
Eine Zeitung bleibt eine Zeitung - auch mit Sascha Lobo als Chefredakteur.

Sascha Lobo, einer der bekanntesten Blogger Deutschlands, hält Zeitungen gedruckt auf Papier definitiv für eine aussterbende Art. "Die große Macht der Gewohnheit vieler Menschen wird sie aber wohl noch einige Zeit am Leben erhalten", sagt Lobo und grinst breit unter seinem rot leuchtenden Irokesen-Kamm, den er als sein Markenzeichen hegt und pflegt. Wie lange gibt er dem "Holzmedium" noch? Da will sich Lobo lieber nicht so genau festlegen.

Allerdings hält der Berliner Autor das, was hinter einer Zeitung steht, für alles andere als ein Auslaufmodell. "Ich bin ein großer Anhänger von professionellem Journalismus, ich vertraue Profis, die die Nachrichten bewerten und ordnen". Damit sich aber das Nachrichten-Machen im Internet - für ihn die einzig denkbare Zukunft - auch lohnt, müssten Finanzierungsmodelle her. "Da wird mir in der deutschen Verlegerschaft noch viel zu wenig drüber nachgedacht." Deshalb sollten doch lieber ein paar Euro mehr ins Entwickeln solcher Modelle gesteckt werden als in den Relaunch einer Zeitung.

Ups, da redet ein Lobo nun schon zehn Minuten über ein Medium, das er allerhöchstens mal kurz in die Hand nimmt, wenn die Stewardess darum bittet, die elektronischen Geräte abzuschalten. Und dann zückt der Blogger während des Interviews auch noch kein einziges Mal sein iPhone. Dabei ist er täglich sechs bis acht Stunden aktiv im Netz, online sogar rund um die Uhr mit drei Geräten.

Doch an diesem Tag schaut der 35-Jährige für viele Stunden aus seiner Internet-Welt heraus und versucht, einem vermeintlichen Dino - er selbst meidet allerdings das Wort - neues Leben einzuhauchen: Der Zeitung. Ort des Cross-Media-Experiments: Die "Rhein-Zeitung" in Koblenz.

Am Dienstag saß Lobo auf dem Stuhl des Chefredakteurs, leitete die Redaktionskonferenzen und machte immer wieder deutlich, worum es ihm geht: Interessante Storys abseits des normalen Nachrichtenflusses, subjektive Geschichten, die die Redakteure schon immer mal schreiben wollten, viel Grafik, viele Bilder. "Ich will das, was im Internet funktioniert, aufs Papier bringen."

So prangt dann nach einem Tag "Lobo als Chefredakteur" auf Seite 1 eben nicht die Hedge-Fonds-Story, die landauf, landab der Aufmacher ist, sondern ein schwarz-weißes Bild eines von Kopfverletzungen gezeichneten alten Mannes in Kaschmir als Sinnbild für die vielen vergessenen Kriege und Konflikte auf dieser Welt.

Der Redaktion schien der ganz andere Blick auf ihr Blatt zu gefallen. Obwohl doch der ein oder andere ob des in der Web-Welt nicht unumstrittenen Lobos so seine Zweifel gehabt haben mag. Doch: "Der vermeintlich schräge Internet-Freak entpuppt sich als reifer und nachdenklicher Medienmann", findet Desk-Chef Manfred Ruch.

Für einen Tag Chefredakteur der "Rhein-Zeitung" - Blogger Sascha Lobo (Foto: Rhein-Zeitung)
Für einen Tag Chefredakteur der "Rhein-Zeitung" - Blogger Sascha Lobo (Foto: Rhein-Zeitung)
Foto: Jens Weber

Tatsächlich überrascht Lobo - unter dem schwarzen Sakko ein zum ausgeblichenen Rot seines Irokesenschnitts nahezu Ton in Ton passendes Hemd - mit viel Qualitätsanspruch, munteren Ideen. Ob der Hype um ihn und "seinen Tag" in einer Zeitungsredaktion aber nicht doch arg übertrieben ist, da scheiden sich die Twitter-Geister, die ihre Kommentare abschießen. Kein Wunder, Lobo gilt doch vielen als unverbesserlicher Selbstdarsteller.

Was auch immer man von dem Mann mit seiner stets perfekt sitzenden Frisur denken mag - der "reguläre" Chefredakteur Christian Lindner jedenfalls zieht ein positives Fazit: "Das Experiment ist rundum gelungen. Wir haben uns, ermuntert durch Sascha Lobo, von scheinbaren Agenda-Zwängen und Routinen befreit und ein deutlich anderes Blatt als sonst gemacht. Unsere Leser haben durchweg positiv, teils auch begeistert reagiert." Und: "Die Aktion hat uns Zeitungsmachern wie der Netz-Szene zudem gezeigt, dass die Zusammenarbeit beiden Welten mehr bringt als das Ignorieren oder Bekämpfen."

Ach, und am Dienstagabend war Lobo auch beim Andruck dabei, zeigte sich fasziniert von der Technik der Zeitungsherstellung und - nahm tatsächlich das fertige Blatt in die Hand. (dpa/tc)