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Connected Cars und Mobile

SAPs langer Marsch zum Online-Geschäft

Rüdiger Spies widmet sich als Ind. VP Software Markets beim Analystenhaus PAC überwiegend dem Themenbereichen Enterprise Applications und zugehörige Infrastrukturen. Dazu gehören erweiterte ERP-Systeme (CRM, SCM), Business Analytics (Big Data), Cloud-Technologien, Mobile Technologien und IT-Architekturen. Vor seiner Tätigkeit bei PAC konnte er über 30 Jahre Erfahrung bei anderen Analystenunternehmen (META Group/heute Gartner, Experton, IDC) und Industrieunternehmen (IBM, Informix, GEI-Rechnersystem/heute T-Systems) sammeln. Spies wurde zwei Mal zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten in der deutschen IT-Szene gewählt und ist als Keynote-Speaker und aus den Medien (z.B. ntv) bekannt. Darüber hinaus ist Rüdiger Spies als Patentanwalt bei LifeTech IP tätig.
SAP fokussiert sich derzeit ganz auf SAP S/4HANA. Doch ist das alles? Die nächste große Welle zum Thema Business Network steht bereits bevor.

Ohne Frage: SAP fokussiert sich derzeit voll auf SAP S/4HANA und In-Memory. Das sind die derzeitigen Marketing und Vertriebsschwerpunkte. Aber was kommt danach? Die Strategen bei SAP sind viel zu clever, um trotz aller kurzfristigen Erfolge mit diesen neuen Produkten nicht weit in die Zukunft zu schauen. Und was sehen wir dort? Richtig: Regelmäßige Einnahmen durch Cloud-Services in Zeiten der totalen Digitalisierung.

Bekanntermaßen ist es nicht einfach, ein OTC-Geschäftsmodell (one time charge) in ein kontinuierliches Cloud-Service-Geschäftsmodell umzuwandeln. Aber SAP hat außerhalb seines Kerngeschäftes mit OTC-Software bereits vor Jahren investiert und baut seine Stellung im Geschäft mit relativ geringen Gebühren für getätigte Transaktionen ständig aus: Die Rede ist von Ariba als DER Basis für die Zukunft von SAP. Vordergründig war die Ariba-Akquisition zwar "nur" ein Element, um SAP ein Cloud-Image zu verpassen - ähnlich wie beispielsweise die Zukäufe von SuccessFactors, und Concur oder Fieldglass.

Aber die SAP-Pläne gehen viel weiter; und wenn man genauer hinhört, vergeht fast keine SAP-Executive-Keynote, ohne dass der Begriff Business-Network fällt; bisher allerdings immer noch ziemlich dezent. Es ist allerdings davon auszugehen, dass diese Zurückhaltung bald vollständig fällt.

Bereit für den nächsten großen Sprung

So generiert SAP mit Ariba nicht nur mehr Transaktionsvolumen als Amazon, eBay und Alibaba - dem chinesischen Pendent zu eBay - zusammen, sondern SAP bereitet sich auf den nächsten großen Sprung vor. Dabei hat SAP durch den Zukauf von Sybase noch einen weiteren Rohdiamant im Köcher: Basierend auf einem alten Sybase-Geschäftszweig, ist SAP eng in das Geschäft der Mobilfunkanbieter eingebunden und hat einen tiefen Einblick in Trade-Exchanges und Netzwerk-Business.

So verwundert es denn auch nicht, dass SAP seine Fühler in das nächste Geschäftsfeld ausstreckt: Connected Cars. Kraftfahrzeuge werden ohnehin gerade zu rollenden Computern, andere sagen: rollenden Smartphones. Im Gegensatz zu Smartphones, deren Besitzer man massiv dazu motivieren muss, mobiles Shopping mehr zu nutzen, kaufen Autofahrer ständig Dienstleistungen und Produkte: Benzin, Reparatur- und Wartungs-Service, Parktickets, Straßengebühren (OK, im Moment noch nicht in Deutschland), bald Strom an Zapfsäulen und vieles mehr. Außerdem sind die Beträge durchaus signifikant. Und Unternehmen, die diese Produkte und Services verkaufen, müssen sie auf der anderen Seit wieder einkaufen. Dafür bietet Ariba als Business Network bereits eine ausgezeichnete Plattform.

Gut gerüstet fürs das Backend und Frontend

Jetzt geht es nur noch darum, auch das Frontend zu bedienen, sprich den Kunden beziehungsweise das Auto, dass sich selbstständig Parkhäuser, Hotels und Service-Punkte sucht. Eine Zusammenarbeit mit den Automobilherstellern ist sicher zunächst unabdingbar. Langfristig könnte sich SAP aber durchaus davon lösen und sowohl das Backend als auch das Frontend selbst bedienen. SAP ist besser als jeder andere Anbieter dafür gerüstet. Die großen Produktanbieter und Dienstleister sind bereits mit SAP vertraut bzw. haben mindestens in Teilen Produkte des Software-Herstellers. Im Backend / Einkauf hat SAP bewiesen, dass die Trading-Plattform ausreichend skaliert. Und SAP beherrscht CRM-Werkzeuge und mobile Lösungen und engagiert sich stark beim Internet of Things (in Deutschland Industrie 4.0). Ein zukunftsträchtiger Massenmarkt sind Connected Cars allemal.

Fazit: Die nächste große Welle wird SAP im Bereich von Business Networks lostreten. Die Wahrscheinlichkeit, dass das bereits 2016 losgeht, ist beträchtlich. Dass SAP darüber hinaus auch die Brücke von Endkunden zum Einkauf schließt, ist fast als gegeben anzusehen. SAP kann dort alle seine Stärken einbringen. Damit wäre SAP dann weitgehend unabhängig vom OTC-Software-Verkauf, da an jeder Transaktion mitverdient wird. Ein bestechende Vision, die SAP langfristig in Cloud-Zeitalter zementieren würde, und eines der ganz seltenen Beispiele dafür, dass ein Old-Economy-Unternehmen im IT-Bereich eine bedeutende Metamorphose durchlaufen kann. Was braucht es dafür: Mut, Weitsicht, kreative Köpfe und den Willen zum Erfolg.

PS: SAP HANA hätte damit auch die Chance als embedded Solution ins Auto zu wandern (und nicht nur dorthin).