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SAP und Oracle wegen Retek-Übernahme im Clinch

10.03.2005

HANNOVER (COMPUTERWOCHE) - Zwischen Oracle und SAP könnte ein Bieterstreit um das Softwareunternehmen Retek Inc. entbrennen. SAP hatte Ende Februar angekündigt, Retek für 496 Millionen Dollar beziehungsweise 8,50 Dollar je Aktie zu übernehmen. Oracle stieg gestern kurz entschlossen mit in den Ring und bot 524 Millionen Dollar oder neun Dollar je Anteil - und das, obwohl das Unternehmen noch mit der Integration der für 10,3 Milliarden Dollar übernommenen Softwareschmiede Peoplesoft befasst ist. Retek ist auf den Handelssektor spezialisiert und verkauft unter anderem Software für Vertrieb, Lagerverwaltung und Supply-Chain-Management.

Bei den Walldorfern wird nun überlegt, wie auf die Gegenoffensive des Datenbank-Spezialisten zu reagieren ist. Die Aktionäre von Retek scheinen zuversichtlich, dass im Bietergefecht das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist: Der Aktienkurs erreichte gestern in Folge des Oracle-Angebots 10,54 Dollar - ein Sprung um rund 23 Prozent. Sollte sich Retek für Oracle entscheiden, wäre laut "Wall Street Journal" eine Gebühr von 15 Millionen Dollar an SAP fällig - angesichts der Höhe des Deals wohl eine verschmerzbare Summe für Retek beziehungsweise Oracle.

Auf der CeBIT verweigerte SAP-Vorstandssprecher Henning Kagermann jegliche Stellungnahme zu Oracle Konkurrenzangebot. Er verwies auf gesetzliche Regularien, die ihn zum Schweigen verpflichteten. Bei SAP warte man darauf, dass sich nun das Retek-Mangement melde - das sei bislang nicht geschehen.

Sowohl für SAP als auch für Oracle wäre die Übernahme wichtig. Während allerdings die Walldorfer bei Handelsunternehmen schon einen Fuß in der Tür haben, würde die Übernahme für Oracle im Bereich Business-Applikationen einen Einstieg in dieses Marktsegment bedeuten. Der weltweite Markt, der zurzeit noch von einem breiten Spektrum von Anbietern bedient wird - darunter insbesondere auch JDA Software und Retalix - ist für Softwareumsätze von jährlich rund zehn Milliarden Dollar gut. Außerdem gilt die Retek-Software als technisch ambitioniert.

Oracles Co-President Charles Phillips schrieb in einem Brief an die Retek-Kunden: "Weil es keine Überlappungen zwischen den Produkten gibt, werden Kunden von einer Übernahme durch Oracle mehr profitieren." Die Kontinuität in der Ausrichtung der Produkte sei eher gewährleistet als im Falle einer Übernahme durch SAP.

Für SAP wäre nach Analystenmeinung eine Aufstockung des Angebots angesichts der gut gefüllten Kasse und des hohen strategischen Werts kein großes Problem. Allerdings würde damit ein Bieterwettstreit mit Oracle eingeleitet, auf den sich die Walldorfer vermutlich nicht gerne einlassen. Zudem sind die Badener mit der Modernisierung ihrer eigenen Softwareplattform beschäftigt und dürften wenig Interesse daran haben, zuviel Energie und Mittel für diesen Nebenkriegsschauplatz zu verschwenden. (hv)