Mobil und auf Abruf

SAP stößt mit Zukäufen in neue Märkte vor

14.06.2010
SAP hat die Strategie-Kehrtwende spät, aber formvollendet vollzogen.
Die neue SAP-Doppelspitze: Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe
Die neue SAP-Doppelspitze: Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe
Foto: SAP AG

Nach zwei milliardenschweren Übernahmen verabschiedet sich Europas größter Softwareanbieter gänzlich von der früheren Linie rein organischen Wachstums und stellt weitere Großzukäufe in Aussicht. Die Walldorfer wollen viel Geld in die Hand nehmen, um die Marktführerschaft und künftiges Wachstum zu sichern. "Um unsere Marktposition auszubauen, werden wir auch in Zukunft spezialisierte Softwareanbieter übernehmen", sagte der dänische Co-Chef Jim Hagemann Snabe jüngst. Dabei nimmt Snabe auch größere Akquisitionen ins Visier.

Trotz der Zukäufe sieht SAP sich auf einem anderen Weg als Erzrivale Oracle. Während sich Oracle direkte Konkurrenz vom Markt wegkauft, versucht SAP die Software-Palette zunächst aus eigener Kraft auszudehnen. Erst wenn dieses Vorhaben scheitert, schaut sich die Konzernführung nach Zukäufen um.

Mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hasso Plattner (Mitte) zieht zumindest noch ein SAP-Mitgründer Strippen im Hintergrund. (Fotos: SAP)
Mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hasso Plattner (Mitte) zieht zumindest noch ein SAP-Mitgründer Strippen im Hintergrund. (Fotos: SAP)
Foto: SAP AG

In den ersten 25 Jahren der SAP wären solche Töne undenkbar gewesen. Die fünf Gründer, allesamt ehemalige IBM-Tüftler, hatten die Firma gegründet und ihre Software zur Einsatzplanung betrieblicher Ressourcen ständig mit eigenen Programmierern ausgebaut. Andere Unternehmen zu kaufen war unter ihrer Ehre. Der Gegenentwurf war Sache des amerikanischen Erzrivalen Oracle. Ursprünglich ein reiner Datenbank-Anbieter, betrat Oracle das SAP-Terrain und kaufte sich in den Markt für Unternehmenssoftware ein. Dabei gingen die Amerikaner vor wie der Fußballverein Bayern München. Sie kauften ein, was sie selbst nicht hinbekamen, und dezimierten gleichzeitig die Konkurrenz. Jahrelang lachte SAP über diese Strategie und pochte auf Wachstum aus eigener Kraft.

Dann kam die SAP an die Grenzen des Wachstums. Man kann es auch den Fluch des eigenen Erfolges nennen. Der Großteil der Weltkonzerne, für die SAP die Software schrieb, war bereits Kunde. Die Wiese schien abgegrast. Daraufhin schrieben sich die Walldorfer auf die Fahnen, selbst Software für sogenannte Business Intelligence zu schreiben. Die Programme organisieren eine Fülle von Daten und erleichtern Managern einen raschen Überblick über Entwicklungen einzelner Sparten. Die Software wurde fertig. Dann entschied man sich in Walldorf doch dafür, den Marktführer Business Objects zu kaufen und sich die Übernahme 4,9 Milliarden Euro kosten zu lassen. Was als Ausnahme begann, sollte sich als Dammbruch herausstellen.

Anfang Mai legten die neuen Co-Chef Snabe und Bill McDermott mit dem Kauf des auf mobile Datendienste spezialisierten kalifornischen Unternehmens Sybase nach. Mit dem 4,6 Milliarden Euro teuren Zukauf versucht SAP, vor allem dem Dauerrivalen Oracle Paroli zu bieten. Der neue Markt: Unternehmenssoftware auf mobilen Geräten wie iPhone und Blackberry.

McDermott sieht darin die Zukunft. SAP auf mobilen Geräten setze das Potenzial einer übergreifenden Unternehmensplattform erst richtig frei, und Mitarbeiter könnten Entscheidungen in Windeseile treffen. "Mobile Geräte sind der neue Desktop." Die beiden neuen Chefs sind sich sicher, dass ihnen die Globalisierung in die Hände spielt. Branchen und Märkte wachsen zusammen, die zunehmende Mobilität und das rasante Wachstum der Datenmengen zwingen die Unternehmen, auf mobile Geräte und besonders schnelle Unternehmenssoftware zu setzen. Dafür wollen sie gewappnet sein.

Auf Marke Eigenbau setzen Snabe und McDermott bei der langersehnten Software für den Mittelstand. Vor mehreren Jahren angekündigt, immer wieder verschoben, soll die Software "Business ByDesign" Mitte des Jahres zum Massengeschäft werden. Auch hier geht SAP neue Wege. Die Programme werden nicht mehr wie bisher verkauft und beim Kunden installiert. Die Unternehmen mieten statt dessen die Software und greifen über das Internet auf sie zu. Diese günstigere Variante soll mittelgroße und kleine Unternehmen locken, die vormals die Kosten und Mühen der Software-Installation scheuten.

"Wir betreten den 'On-Demand-Markt' mit dem erklärten Ziel, Marktführer zu werden", sagt Snabe. Daher ist diese Software "auf Abruf" neben den "On-Device"-Programmen für Smartphones der große Hoffnungsträger. Mit beiden zusammen will SAP das Kundenpotenzial verdoppeln. Gelingt es der SAP, sich in diesen zwei neuen Feldern zu behaupten, schafft sie zweierlei: Sie erfindet sich neu und macht es der Konkurrenz immer schwerer, sie zu schlucken. (dpa/tc)