SAP-Profis verzweifelt gesucht

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Rund 10.000 Spezialisten für SAP-Software fehlen nach Schätzungen von Arbeitsmarktexperten. Trotzdem haben nur Profis mit aktuellem Wissen dauerhaft gute Chancen am Arbeitsmarkt.

Wie dringend Beratungshäuser und Konzerne zurzeit qualifizierte SAP-Profis suchen, erfährt der Mannheimer Personaldienstleister Hays in seiner täglichen Vermittlungstätigkeit. Teamleiter Recruiting IT- und Engineering Marcus Opper berichtet: "Die Zahl unserer SAP-Anfragen befindet sich im dreistelligen Bereich. Während die Consulting-Firmen dringend Projektberater für Kunden benötigen, teilt sich der Bedarf bei den Anwenderunternehmen in unterschiedliche Bereiche.”

R/3-Module immer noch gefragt

Marcus Opper, Hays: Die große Nachfrage nach SAP-Experten wird sich auch in nächster Zeit nicht ändern.
Marcus Opper, Hays: Die große Nachfrage nach SAP-Experten wird sich auch in nächster Zeit nicht ändern.

Auf der Prioritätenliste beider Gruppen ganz oben ständen qualifizierte SAP-Spezialisten, die in der Lage sind, SAP-Systeme zu implementieren und laufende Systeme zu betreuen – und zwar sowohl auf der Applikations- als auch auf der Technologieseite. Stark nachgefragt seien auch SAP-Profis für die technologische Basis von SAP-Produkten wie Netweaver. Opper: "Trotz neuer Technologien gilt der Löwenanteil bei der Nachfrage indes den Experten für die klassischen R/3-Module für Finanz- oder Logistikapplikationen beziehungsweise Business Intelligence." Das liege daran, dass Unternehmen die neuen Technologien der SAP bei weitem noch nicht ausreichend einsetzten. So habe ein Großteil der SAP-Kunden die neuen Lizenzen zwar erworben beziehungsweise die alten SAP-Lizenzen gewandelt, betreiben aber, zumeist aus Kostengründen, größtenteils immer noch R/3-Systeme.

10.000 offene Stellen im SAP-Umfeld

Der Hays-Manager: "Alles in allem schätzen wir, dass es im deutschen SAP-Markt rund 10.000 offene Stellen gibt. Diese überaus große Nachfrage wird auch so schnell nicht nachlassen.” Zum einen werde hierzulande viel zu wenig für die Qualifizierung der IT-Profis getan, zum anderen hätten ausländische SAP-Berater an einer Tätigkeit in Deutschland kein allzu großes Interesse. An Letzterem seien nicht zuletzt die nach wie vor hohen gesetzlichen Barrieren schuld. Opper: "Die Personaldienstleister sind zurzeit damit beschäftigt, die verfügbaren SAP-Profis von Unternehmen A nach Unternehmen B zu vermitteln. Mit jeder Lücke, die hierbei gestopft wird, reißt woanders eine andere auf. Dieser Markt kann im Moment schlichtweg nicht gesättigt werden.” Aus diesem Grund sei es nicht verwunderlich, dass sich die Gehälter der begehrten SAP-Spezialisten in den letzten Jahren hochgeschraubt hätten. Laut Opper verdienen die klassischen Customizer je nach Branche zwischen 50.000 und 80.000 Euro. Insgesamt betrage die Steigerungsrate nach wie vor jährlich zehn Prozent.

Nicht auf altem SAP-Wissen ausruhen

Allerdings hätten es die Anforderungen der Arbeitgeber auch in sich. Neben dem erforderlichen technischen Know-how seien vor allem Kommunikations- und Teamfähigkeit, aber auch Branchen- und Prozesswissen gefragt. Der Hays-Manager: "Aufgrund des engen Personalmarkts werden die notwendigen Skills nicht mehr ganz so eng gefasst. Wenn der IT-Profi ins Team passt, wird er in der Regel eingestellt.” Das fehlende technische Wissen, so der allgemeine Tenor der Unternehmen, werde ihm später vermittelt. Trotz aller Euphorie sieht Opper aber auch Gefahren am Horizont des SAP-Marktes: "Momentan sonnen sich die festen Mitarbeiter genauso wie die Externen im derzeitigen Erfolg. Sie glauben, dass die vielen offenen Stellen im R/3-Bereich ihnen noch jahrelang rosige Zeiten bereiten.”

Das könne sich aber als Illusion entpuppen. Laut Opper kommen auf jahrelang im R/3-Umfeld tätige IT-Profis große Probleme zu, wenn sie nicht in die neuen SAP-Technologien einsteigen: "In ein paar Jahren wird kaum jemand mehr von der R/3-Welt reden, und eine ganze Reihe der jetzt noch so heiß begehrten SAP-R/3-Profis wird auf der Strecke bleiben." Das gelte vor allem für die IT-Freelancer, die sich nicht marktkonform weitergebildet hätten. Während nämlich die Festangestellten gegebenenfalls in einem anderen Bereich des Unternehmens unterkommen könnten, werde von den Freiberuflern erwartet, auf dem neuesten Stand zu sein.

Für Freiberufler ist Weiterbildung Pflicht

Dieser Aussage kann Thorsten Ganzer, staatlich geprüfter Wirtschaftsinformatiker und als freiberuflicher Softwareprofi auf dem SAP-Arbeitsmarkt tätig, nur zustimmen: "Voraussetzung für den Erfolg ist in der Tat die permanente Weiterbildung." Wenn es um neue Themen geht, rät er, bei SAP oder einem Schulungsunternehmen eine Woche lang einen Kurs zu belegen und dieses Wissen entsprechend einzusetzen. Als Alternative dazu schlägt er das Selbststudium und Training im aktuellen Projekt vor. "IT-Profis müssen ständig am Ball bleiben, sich für die neuen Entwicklungen interessieren und sich spezialisieren", so Ganzer.

Der Softwarespezialist, der zurzeit in einem SAP-Projekt bei BASF tätig ist, plädiert dafür, den Beruf eines SAP-Profis differenziert zu sehen. Schließlich reiche der Begriff von der Entwicklung bis hin zur Beratung. "SAP-Consultants sollten auf jeden Fall über einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund verfügen. Sehr wichtig ist zudem das Verständnis für die Geschäftsprozesse des Kunden", empfiehlt der Freiberufler. Da die SAP-Spezialisten sich mit unterschiedlichen Modulen der SAP-Software beschäftigen, sollte ihnen die jeweils dazugehörige Branche nicht ganz fremd sein. Parallel zu seiner Tätigkeit bei BASF arbeitet Ganzer im Auftrag eines Beratungshauses vor Ort beim Kunden in einem Projekt mit, in dem SAP-Software neu eingeführt wird.

Wie Unternehmen auf Fachkräftemangel reagieren

Goy-Hinrich Korn, Bernhard Krone: SAP-Profis sollten am besten zwei Module beherrschen und auch Berufserfahrung mitbringen.
Goy-Hinrich Korn, Bernhard Krone: SAP-Profis sollten am besten zwei Module beherrschen und auch Berufserfahrung mitbringen.

Die Unternehmen selbst reagieren auf den Mangel im SAP-Arbeitsmarkt unterschiedlich. Während die einen nach wie vor jeden Kandidaten durchs Raster fallen lassen, der ihre Anforderungen nicht hundertprozentig erfüllt, geben sich andere großzügiger. Wenn "Mr. Right" nicht zur Verfügung steht, sind sie durchaus bereit, Kandidaten, die zu ihnen passen, entsprechend weiterzubilden. Goy-Hinrich Korn, CIO bei der Bernard Krone Holding, erwartet von seinen Leuten in erster Linie Einsatzbereitschaft und Persönlichkeit: "Die potenziellen Mitarbeiter müssen zum Unternehmen passen, mittelstandsorientiert denken, ehrlich und direkt sein." Ganz wichtig sei es für die Krone Gruppe, die Beschäftigten langfristig an sich zu binden. Der CIO: "Wir schicken zwar die Mitarbeiter in die Welt, wollen sie aber für lange Zeit im Unternehmen halten."

Natürlich muss laut Korn bei Neueinsteigern nicht nur die Chemie stimmen, sondern zudem das erforderliche technische Know-how vorhanden sein. Seiner Meinung nach sollte ein SAP-Profi ein oder zwei Module beherrschen: MM oder SD oder Supply Chain Management. Von großem Vorteil seien zudem einige Jahre Berufserfahrung. Last, but not least müssten Bewerber sich flexibel zeigen: "Es muss für sie selbstverständlich sein, sich in neue Themen einzuarbeiten."

Technisches Wissen vermitteln

Die entsprechenden Schulungsmöglichkeiten biete das Unternehmen sowohl in- als auch extern an. Korn freut sich, dass er mit seiner Einstellungspraxis, der Persönlichkeit des potenziellen Mitarbeiters oberste Priorität einzuräumen, bislang gute Erfahrungen gemacht hat. Dass andere Unternehmen anders agieren, bedauert er regelrecht. Korn: "Bei einer Reihe von ihnen braucht sich ein Kandidat, der in der SAP-Welt nicht firm ist, überhaupt nicht zu bewerben. Dabei kann technisches Wissen durchaus vermittelt werden. Ob das allerdings in puncto Persönlichkeit klappt, darf bezweifelt werden."

Werner Scherer von der Döhler-Gruppe wünscht sich ein stärkeres Engagement von SAP, wenn es um die Unterstützung bei neuen Themen geht.
Werner Scherer von der Döhler-Gruppe wünscht sich ein stärkeres Engagement von SAP, wenn es um die Unterstützung bei neuen Themen geht.

Die mittelständische Döhler-Gruppe nimmt bei SAP-Projekten seit Jahren eine Vorreiterrolle ein. So führte IT-Chef Werner Scherer in einer integrativen Softwaredatenbank auf SAP-Basis 30 Millionen Daten zusammen, die es dem Hersteller von Grundstoffen und Ingredienzen für die Getränkeindustrie erlauben, aus unterschiedlichen Stoffgruppen gemeinsam mit den Kunden neue Produkte zu entwickeln. Derzeit steht bei dem mittelständischen Unternehmen die komplette Optimierung der Supply Chain unter Einführung eines SAP-Add-ons an. Scherer: "Die interne Abteilung wird von einer Hand Externer aus Partnerunternehmen unterstützt." Dabei ist dem Unternehmen eines wichtig: Die Projektleitung wird grundsätzlich intern besetzt. Nur so könne gewährleistet werden, dass die Projekte entsprechend gesteuert würden. Wenn der IT-Chef für seine interne Abteilung Mitarbeiter einstellt, erhalten sie zunächst ein externes Training. Sei eine Spezialausbildung erforderlich, würden die Leute ebenfalls extern weitergebildet.

Vorreiter bei Netweaver

Dass die Nachfrage nach SAP-Profis in den nächsten Jahren nachlassen könnte, glaubt der IT-Verantwortliche nicht. Seiner Meinung nach ist das Potenzial in den Geschäftsprozessen der Unternehmen noch längst nicht ausgeschöpft. Scherer: "Gute Leute sind Mangelware, und mit diesem Engpass werden die Unternehmen noch lange kämpfen." Um nicht von einem schwankenden Personalmarkt abhängig zu sein, hat sich der CIO seit Jahren kontinuierlich eine qualifizierte IT-Mannschaft aufgebaut. Nach Ansicht von Scherer macht das Personalproblem nicht nur den Anwenderunternehmen, sondern auch den Herstellern zu schaffen. So sei es beispielsweise der SAP, die mit Netweaver ein hohes Tempo vorgelegt habe, nicht gelungen, das Know-how der eigenen Mannschaft im Gleichtakt mit den Produkten weiterzuentwickeln.

Der IT-Experte weiß, wovon er spricht. Schließlich gilt die Döhler-Gruppe im Bereich Netweaver im Portalumfeld als eine Art Vorreiter. Scherer, den die COMPUTERWOCHE übrigens im vergangenen Jahr zum CIO des Jahres im Bereich Mittelstand wählte, ist überzeugt, dass die jungen Leute heutzutage nicht mehr automatisch zu SAP gehen: "Ihnen ist klar geworden, dass ein gut geführtes Anwenderunternehmen mittlerer Größe ganz andere Vorteile zu bieten hat, wenn es um die beruflichen Perspektiven geht. Und davon profitieren nicht nur wir."