Abkommen mit IBM und Palm abgeschlossen

SAP predigt Offenheit und postuliert neue Strategie

22.06.2001
ORLANDO (ka) - Was die deutsche Vorzeige-Softwareschmiede SAP bereits auf der europäischen Sapphire in Lissabon angekündigt hatte, wurde auf der Hausmesse in Orlando, Florida, in dieser Woche nun auch vor US-Publikum propagiert: Die Walldorfer haben sich einer neuen Offenheit verschrieben. Die mit der Toptier-Übernahme eingekaufte Portaltechnologie soll Anwendern helfen, alle Unternehmensanwendungen - auch die der Konkurrenz - zu integrieren. Außerdem standen Partnerschaften mit IBM und Palm im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Vorstandssprecher und SAP-Mitbegründer Hasso Plattner bestätigte auf der "Sapphire" Gerüchte um eine globale Allianz mit IBM: Demnach wird Big Blue künftig die Portaltechnologie der SAP-Tochter SAP Portals in Lizenz nehmen und in seinen "Websphere Portal Server" integrieren. Damit sollen die Anwender über ihre Desktop-Rechner Zugriff auf eine Vielzahl von Anwendungsprogrammen nicht nur von SAP, sondern auch von Anbietern wie Baan, Microsoft, Siebel oder Oracle erhalten. Geplant ist zudem, zirka 1600 der rund 5000 Berater von IBM Global Services auf Mysap.com zu schulen. Ferner ist IBM ab sofort Global Hosting Partner für die deutsche Softwareschmiede. Auf der anderen Seite wird die SAP-Tochter SAP Markets die Websphere-Technologie von IBM in Lizenz nehmen. Auf die Frage, welche Strategie die Walldorfer künftig mit der SAP-eigenen Application-Server-Lösung "In-Q-My" verfolgen, antwortete Plattner: "Websphere werden wir vor allem in der Entwicklung und bei speziellen Projekten verwenden. Auf jeden Fall werden wir In-Q-My weiterentwickeln." Nähere Angaben wollte der Topmanager nicht machen.

In seiner Keynote, die unter dem Motto "Visionen für die neue New Economy" stand, blickte Plattner zudem kritisch auf die Hysterie rund um Dotcoms und Internet-Wirtschaft zurück. "In Zeiten, wo aus Dotcoms Notcoms werden, fühle ich mich bei SAP richtig wohl", sagte er vor zirka 8000 Kunden. Der SAP-Chef gestand jedoch auch Fehler ein. So habe man sich zu sehr um Verbesserungen des R/3-Systems gekümmert und dabei die Außenwelt und die Möglichkeiten des Internet zunächst vergessen.

Portale sollen die Komplexität mildernAuch in einem anderen Bereich ist Plattner zufolge Einsicht eingekehrt: "Wir haben erkannt, dass wir niemals unseren Traum erreichen können, alle Unternehmensapplikationen aus einer Hand zu produzieren." Schließlich seien Firmen heterogene Gebilde, ebenso wie die verwendeten Technologien. Angesichts der komplexen und vielfältigen Anforderungen sei Integration der Schlüssel.

Die Verknüpfung der unterschiedlichen Technologien will SAP nun mit der aufgekauften Toptier-Portaltechnik schaffen. Der Anwender erhält ein benutzerfreundliches Portal, über das er auf die verschiedenen Applikationen zugreifen und diese nach Wunsch verknüpfen kann. Möglich werde dies durch die "Drag-and-Relate"-Technologie von Toptier. Der Vorteil der Technik liegt laut Plattner vor allem in der schnellen Integration, die zudem die Komplexität verberge. Ferner können bereits beim Anwender installierte Applikationen - "auch die unserer größten Feinde" - mit der Portalsoftware integriert werden, erklärte der Vorstandssprecher weiter: "Unsere Feinde müssen keine Angst vor uns haben." Allerdings werde man weiterhin bevorzugt SAP-Lösungen verkaufen.

In der gewandelten New Economy werden laut Plattner Portale und elektronische Marktplätze, vor allem aber private Handelsplattformen, eine vorrangige Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund legte SAP seine Strategie für die Zukunft dar, die auf fünf Säulen basiert: offene Portalsoftware, individuelle B-to-B-Marktplätze sowie Applikationen in den Bereichen Supply-Chain-Management (SCM), Product-Lifecycle-Management (PLM) und Customer-Relationship-Management (CRM). "SCM, PLM und CRM sind die eigentlichen Geschäftsprozesse, die das Internet verbessern kann", erklärte Plattner. PLM definiere via Design die Produktkosten und sei der Ausgangspunkt für SCM, das wiederum CRM notwendig mache. SAP werde zwar weiterhin seine traditionellen ERP-Applikationen (Enterprise Resource Planning) für Personal- und Finanz-Management anbieten, diese sollen jedoch nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Dass sich künftig gerade für ERP-Anbieter im E-Business-Umfeld gute Chancen bieten, bestätigte Bruce Richardson, Analyst des Marktforschungsunternehmens AMR Research: "Dieses Jahr wird das Jahr der ERP-Anbieter, aber nicht das Jahr der ERP-Systeme. Die Konjunkturflaute hat sich als Geschenk des Himmels für SAP herausgestellt, denn die Anwender werden sich jetzt auf die End-to-End-Lösungen konzentrieren. Und viele der Informationen, die sie benötigen, befinden sich in ihren ERP-Systemen."

Trotz der propagierten Offenheit gegenüber den Konkurrenten trat die Rivalität der Walldorfer mit dem US-Unternehmen Oracle deutlich zutage. Vor allem, dass sich Ray Lane, vormals zweiter Mann bei Oracle, per Video-Clip für das SAP-Konzept aussprach, kann als gelungene Sottise gegen den Erzfeind gelten. Gerade die einseitige Sicht von Oracle, alles aus einer Hand liefern zu wollen, habe damals seinen Bruch mit Ellison bewirkt, so erklärte Lane.

In der anschließenden Pressekonferenz stellte Plattner neben der globalen Partnerschaft mit IBM weitere Meilensteine vor. So sieht ein Abkommen mit PDA-Anbieter Palm vor, die Mobility-Lösungen der Walldorfer speziell auf die Palm-Handheld-Devices auszurichten und gemeinsam zu vertreiben. Zudem präsentierte SAP neue Komponenten seiner CRM-, SCM- und PLM-Lösungen. Mysap.com SCM wurde um Funktionen zur Steuerung adaptiver logischer Netze mit Hilfe von intelligenten Softwareagenten erweitert. Im dritten Quartal soll eine neue Version von Mysap.com CRM vorgestellt werden, das neben zusätzlichen Funktionen neue Möglichkeiten zur unternehmens- und herstellerübergreifenden Systemintegration bietet. Mysap.com PLM wurde unter anderem um weitere Qualitätssicherungsprozesse ergänzt. Bemerkenswert sind zudem Neukunden wie Shell, Kellogg, Siemens Business Services (SBS) und vor allem das US-Verteidigungsministerium, das sich für Mysap.com entschieden und einen Vertrag über rund 33000 Endanwender-Arbeitsplätze unterzeichnet hat.

Die meisten Analysten bewerteten die Vision und Strategie positiv. Das Unternehmen habe wie alle ehemals reinen ERP-Anbieter einige Klippen zu umschiffen gehabt, sei jedoch inzwischen wieder gut aufgestellt. Als Beleg für die nun erreichte Offenheit des Softwarehauses werteten Branchenkenner vor allem die neuen Partnerschaften, die neben IBM und Palm auch die vor kurzem verkündeten Allianzen mit Hewlett-Packard, Pricewaterhouse-Coopers und KPMG beinhalten. Allerdings müssten die Walldorfer sich im Bereich CRM noch anstrengen. "Sie sind ein großer Player im CRM-Umfeld, werden aber aufgrund ihrer Vormachtstellung im klassischen ERP-Bereich (Enterprise Resource Planning) nicht als solcher gesehen", begründete Brian Bingham, Analyst bei IDC, die Skepsis.