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SAP nimmt Großprojekte selbst in die Hand

12.09.2002
Auf Sapphire in Lissabon kündigte SAP an, vermehrt Großkundenprojekte über eine eigene Geschäftseinheit abzuwickeln. Ferner präzisierten Hasso Plattner und Henning Kagermann ihre Pläne in Sachen "Xapps" und Mittelstandssoftware.

LISSABON (COMPUTERWOCHE) - Auf der Anwenderkonferenz Sapphire in Lissabon kündigte die SAP AG, Walldorf, an, vermehrt Großkundenprojekte über eine eigene Geschäftseinheit abzuwickeln. Ferner präzisierten die Vorstandssprecher Hasso Plattner und Henning Kagermann ihre Pläne in Sachen "Xapps" und Mittelstandssoftware.

"Die Zeiten sind hart" - mit diesen Worten eröffnete Plattner seine Keynote und spielte dabei auch auf die Schwierigkeiten des eigenen Unternehmens an, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiern kann. Mit einer spürbaren Besserung rechnet der Mitbegründer des Walldorfer Softwarehauses nicht vor Ende 2003.

Will Key Accounts direkt bedienen: Henning Kagermann, Vorstandssprecher der SAP. Foto: SAP
Will Key Accounts direkt bedienen: Henning Kagermann, Vorstandssprecher der SAP. Foto: SAP

Angesichts der schwierigen Marktbedingungen sucht SAP nach neuen Umsatzquellen. Das Unternehmen nimmt Kundenprojekte nun stärker als bisher selbst in die Hand, um mit Einnahmen aus dem Servicegeschäft wegbrechende Lizenzumsätze aufzufangen. Hierzu hat die Firma die "Global Custom Development Organisation" gegründet. In ihr werden 500 Softwareexperten firmenspezifische Anpassungen von SAP-Lösungen im Kundenauftrag vornehmen. Da die Gruppe sowohl das Projekt-Management als auch Individualprogrammierung übernimmt, gerät der Hersteller nun unweigerlich in Konflikt mit seinen Service- und Beratungspartnern."Wir arbeiten nach wie vor mit unseren Partnern zusammen, doch wir müssen sicherstellen, dass die Qualität stimmt", verteidigt CEO und Co-Chairman Henning Kagermann den weiteren Schritt in Richtung Servicemarkt.

Portal für Siemens

Eine solche enge Zusammenarbeit mit einem Großkunden plant SAP mit Siemens. Der Elektronikkonzern arbeitet derzeit mit den Walldorfern daran, SAPs "Enterprise Portal" weltweit für alle rund 440.000 Mitarbeiter einzuführen. Dem Vernehmen nach möchte Siemens auch Applikationen von Baan, Peoplesoft, i2 und Commerce One unter der einheitlichen Portaloberfläche zur Verfügung stellen. Unklar bleibt, ob die Münchner im Zuge der Einführung einige dieser IT-Systeme durch SAP-Technik ersetzen werden.

SAP verstärkt seinen Dienstleistungsarm zudem mit "Solution-Management"-Services, die Kunden dabei unterstützen sollen, die Betriebskosten ihrer IT zu senken. Dazu zählt etwa der Support bei einem Release-Wechsel. Verdienen wollen die Walldorfer darüber hinaus an der Applikationsintegration im Kundenauftrag.

Neben dem erhofften Umsatzzuwachs dürfte die Hinwendung zum Dienstleistungsgeschäft auch eine Reaktion auf die Übernahme des IT-Beratungshauses Price Waterhouse Coopers (PwC) durch die IBM sein. Beide Firmen realisieren SAP-Projekte im großen Stil. Zudem vermarktet Big Blue dabei die hauseigene Infrastrukturlösung "Websphere", die aus einem Applikations-Server, Portalsoftware sowie den Integrationslösungen von Crossworlds besteht und daher mit SAPs "Mysap Technology" konkurriert. Letztere enthält die Produkte "Enterprise Portal", "Business Information Warehouse" (BW), "Web Application Server" und die Integrationstechnik "Exchange Infrastructure". Nicht umsonst bezeichnete Plattner IBM und Microsoft, das den Walldorfern im Mittelstandsmarkt zuvorkommen will, als die schärfsten Wettbewerber. Dagegen machen ihm Softwareanbieter wie Baan oder i2 weniger Sorgen. Lediglich Oracle sei ernst zu nehmen, das Unternehmen könne SAP aber nicht wirklich gefährlich

werden. Den CRM-Hauptkonkurrenten Siebel erwähnte Plattner in diesem Zusammenhang übrigens nicht.

Zu den wenigen wirklichen Neuigkeiten auf der Sapphire zählte das "Collaborative Master Data Management" (CMDM). Dahinter steckt eine Software zur Konsolidierung von Stammdaten in großen Unternehmen, die viele unterschiedliche Applikationen und Datenbanken einsetzen. Mit dem Tool können diese Firmen beispielsweise identische, aber unter verschiedenen Bezeichnungen geführte Kundendaten ausfindig machen und in ein neues System überführen beziehungsweise die bestehenden Datenquellen reorganisieren. Ferner bietet sich CMDM für Firmen an, die Produktbezeichnungen in E-Procurement-Katalogen auf ein einheitliches Schema bringen wollen. CMDM wird vermutlich im dritten Quartal nächsten Jahres auf den Markt kommen und auf "Mysap Technology" aufsetzen.

Lückenfüller Xapp

Ebenfalls eng mit SAPs Technologieplattform verwoben sind die "Xapps", eine neue Kategorie von anwendungsübergreifenden Applikationen, die der Hersteller bereits auf der letzten Anwenderkonferenz in Orlando in Aussicht gestellt hatte. Mit dieser Technik sollen Lücken zwischen eigenen Softwareprodukten und denen von Drittherstellern geschlossen werden. Statt beispielsweise CRM- oder SCM-Masken aufzurufen, bedient der Benutzer eine für eine bestimmte Aufgabe entwickelte Xapp, die Funktionsbestandteile beider Applikationen in einer Web-Oberfläche kombiniert, Abläufe und Benutzerinteraktionen steuert sowie Analysemechanismen zur Verfügung stellt. Bisher, so Plattner selbstkritisch, habe sein Unternehmen sich vor allem auf Backoffice-Prozesse konzentriert und transaktionsorientierten Systeme entwickelt, die jedoch nur für Mitarbeiter bestimmter Fachabteilungen konzipiert waren. Die Xapps sollen künftig allen Anwendern eines Unternehmens übergreifende IT-Funktionen

zugänglich machen, und zwar über individualisierbare Portaloberflächen.

Fest im Portal verankert

Im Dezember soll mit "Xapp Resource and Program Management" (SAP xRPM) eine erste cross-funktionale Software auf den Markt kommen. Sie wurde für die Pharmaindustrie konzipiert und stellt entscheidungsunterstützende Funktionen zur Entwicklung und Einführung neuer Medikamente bereit. Das Programm besteht unter anderem aus vordefinierten Benutzerrollen, Portalelementen ("Iviews"), Prozessschablonen sowie Konnektoren zur Integration der Personallösung von Peoplesoft und der Projekt-Management-Software "Project" von Microsoft.

Mitte nächsten Jahres wird mit "Xapp Employee Productivity" (SAP xEP) eine weitere X-Applikation folgen. Mit ihr können Firmen Endanwendern eine Reihe von Selbstbedienungselementen zur Verfügung stellen, etwa für Urlaubsanträge oder die Reisekostenabrechnung. Ferner integriert xEP E-Mail- und Kalendermechanismen zur Projekt- und Aufgabensteuerung.

Einerseits bekundet SAP mit Xapps Offenheit gegenüber Produkten von Drittherstellern, andererseits zwingt sie Kunden dazu, das hauseigene Portal nebst Integrationslösungen zu verwenden. Theoretisch sei es möglich, Xapps in Portallösungen anderer Anbieter einzubinden, bemerkt Plattner auf Anfrage, allerdings wäre der Anpassungsaufwand enorm.

Mittelstandsoffensive

Obwohl die Xapps eine wesentliche Rolle in SAPs künftiger Produktstrategie spielen sollen, vermochte Vorstandsmitglied Kagermann nicht abzuschätzen, wieviel Umsatz SAP damit erwirtschaften wird. Der zu zahlende Lizenzbetrag hänge in erster Linie von der Wertschöpfung des jeweiligen Anwenders ab, erläuterte Vorstandsmitglied Shai Agassi im Gespräch mit der CW. Für einen Projektleiter fielen dabei höhere Gebühren an als für einen Sachbearbeiter. Das Xapp-Lizenzmodell lehnt sich nicht an Mysap.com an, betont Agassi - nicht zuletzt deshalb, weil SAP die Xapps unabhängig vom Mysap-Portfolio vertreiben wird.

Eine weiteres Schwerpunktthema der Sapphire waren SAPs Bemühungen um den Mittelstand. Mit "Business One" versucht der ERP-Anbieter einmal mehr, kleinere und mittlere Betriebe auf seine Seite zu ziehen. Obwohl die Software prinzipiell mit den Angeboten von Microsoft, Sage KHK und anderen konkurrieren soll, präsentierte Plattner das neue Produkt in erster Linie als Lösung für Vertriebsniederlassungen von Konzernen, in deren Zentrale die Mysap.com-Suite oder SAP R/3 läuft. Wohl nicht zufällig ist der erste von SAP präsentierte Business-One-Kunde eine Consulting-Tochter von Osram, einem langjährigen Großkunden des Softwareunternehmens.

Die Mittelstandssoftware ist in erster Linie für Handelsgesellschaften konzipiert. So enthält das ERP-System ein Sales-Force-Automation-Modul. Ein Produktionsplanungs und -Steuerungssystem (PPS), das die Software auch Fertigungsbetrieben schmackhaft machen könnte, wollen die Walldorfer indes nicht einbinden.

Der Annahme, Business One sei kein wirkliches Mittelstandsprodukt, sondern nur eine für Konzerntöchter konzipierte Zusatzlösung, versuchte SAP eine vorgestellte Partnerschaft mit Hewlett-Packard zu entkräften. (fn)