Staatsanwaltschaft ermittelt seit Januar

SAP-Manager im Fadenkreuz: Verdacht auf Insider-Geschäfte

09.05.1997

Wie die Düsseldorfer Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" meldet, vermutet das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) illegale Börsengeschäfte im Zusammenhang mit dem Einbruch der SAP-Aktie im Oktober des vergangenen Jahres. Damals war der Wert der Papiers um fast 24 Prozent gefallen, als bekannt wurde, daß der Neunmonatsgewinn hinter den Erwartungen zurückgeblieben war.

Jetzt überprüft die Staatsanwaltschaft, ob Mitarbeiter und Geldgeber des Unternehmens beziehungsweise deren Verwandte die Zeitspanne zwischen betriebsinterner Information und Ad-hoc-Börsenmitteilung genutzt haben, um ihre Wertpapiere zum Kurs von mehr als 280 Mark zu verkaufen, bevor der Wert auf rund 212 Mark fiel. Dazu hat die Behörde alle Daten über Telefonverbindungen während des fraglichen Zeitraums beschlagnahmt.

Geltendes Recht nur schwer durchsetzbar

Konkrete Informationen zu den Beteiligten und zum Geschäftsumfang wollte beziehungsweise konnte das BAWe noch nicht mitteilen. Aus der Frankfurter Staatsanwaltschaft verlautete lediglich, die Ermittlungen würden sich vermutlich ein Jahr lang hinziehen und der Ausgang sei völlig offen. Im Einzelfall läßt sich das geltende Recht ohnehin nur schwer durchsetzen: Der Staatsanwalt muß konkret nachweisen, daß es die Insider-Information war, die den Verdächtigen zu dem strittigen Geschäft bewogen hat.

Nachdem die strafrechtlichen Untersuchungen am Freitagnachmittag bekanntgeworden waren, gab der Wert der SAP-Vorzugsaktie geringfügig nach. Die Analysten bezweifeln aber, daß dieser Trend anhält. Schließlich beträfen die Ermittlungen nicht die SAP AG, sondern nur einen Teil ihrer Mitarbeiter. Notfalls müsse eben die eine oder andere Führungskraft ihren Hut nehmen. Der Betreffende könne sich dann immer noch - durch einen Beratervertrag an das Unternehmen gebunden - beispielsweise nach Großbritannien absetzen. Mit dem Vereinigten Königreich hat die Bundesrepublik in bezug auf Wirtschaftsvergehen keine Auslieferungsvereinbarung getroffen.

Die SAP AG erfuhr eigenen Angaben zufolge von den Ermittlungen, sobald die Börsenaufsicht Anzeige erstattet hatte, also im Januar dieses Jahres. Das Unternehmen bemüht sich, die Überprüfungen als Routineuntersuchung zu bagatellisieren.

Insider-Geschäfte

Vor etwas mehr als zwei Jahren hat die Bundesregierung das deutsche Kapitalmarktrecht der international üblichen Rechtsprechung angeglichen. Seither macht sich strafbar, wer kursrelevante Informationen, die noch nicht allgemein zugänglich sind, verwendet, um sich oder einem Dritten Vorteile beim Wertpapierhandel zu verschaffen. Dabei unterscheidet das Strafrecht nicht zwischen Primär-Insidern (Vorständen, Aufsichtsräten etc.) und Sekundär-Insidern (Pressevertretern, Analysten und Bankmitarbeitern). Antrieb für diese in den USA seit Jahrzehnten gängige Rechtsprechung ist das Bemühen des Gesetzgebers, Chancengleichheit für Kleinaktionäre zu schaffen.