Kommentar zur SAP-Strategie

SAP kauft Concur - mit Langschläferzuschlag

Steve Janata schreibt als Experte zu den Themen Cloud Markt & Wettbewerb, Cloud Security und Cloud Ecosystems. Als IT-Analyst beobachtet und bewertet er seit über 15 Jahren den IT-Markt. Er ist Vorstand bei der  Crisp Research AG und engagiert sich politisch im Managerkreis der Friedrich Ebert Stiftung zum Thema Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.
Mit der Übernahme von Concur, einem Cloud-Anbieter für Travel- und Expense-Management kommt SAP ein gutes Stück voran bei seiner Cloud-Transformation. Einziger Wermutstropfen dabei ist der hohe Preis. Ist Concur wirklich 6,5 Milliarden Euro wert?
Steve janata: "SAP kauft hier Zukunft. Nach den Übernahmen von Successfactors und Fieldglass wird nun sehr deutlich wohin SAP will."
Steve janata: "SAP kauft hier Zukunft. Nach den Übernahmen von Successfactors und Fieldglass wird nun sehr deutlich wohin SAP will."
Foto: crisp-research

SAP und Oracle können offensichtlich nicht voneinander lassen. Während Oracle bekannt gibt, dass Larry Ellison vom Posten des CEO zurücktritt, kommt aus Walldorf gleichzeitig die Meldung, dass SAP mit Concur einen Anbieter von Travel- und Expense-Management für rund 6,5 Milliarden Euro schlucken will. Diese zwei Meldungen zeigen plakativ wie unterschiedlich die Situation der beiden IT-Schwergewichte derzeit ist.
Während Oracle (schon wieder) schwache Quartalszahlen vorlegt und mit einer neuen Spitze versucht das Ruder rumzureißen, schaltet SAP einen Gang höher und verleibt sich den nächsten Cloud-Anbieter ein. Oracle dagegen scheint immer noch nicht verstanden zu haben, dass es ums Ganze geht. Sonst hätte man an der Spitze nicht eine Finanzfrau und Marc Hurd, der nicht gerade für seine großen Visionen bekannt ist, installiert. Oracle wird in den kommenden Jahren wohl eher auf der Kostenseite "transformiert" werden, als auf der Produkt- und Service-Seite.

Der SAP-Spitze muss man mittlerweile attestieren, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich ernsthaft bemüht. Zwar erschöpft sich dieses Bemühen um Transformation weitgehend in Übernahmen, diese folgen aber wenigstens einer inneren Logik, wie die Akquisition von Concur zeigt.

Wer ist eigentlich Concur?

Sie kennen Concur nicht? Sollten Sie aber! Concur bietet Cloud-basierte Lösungen rund um das Thema Geschäftsreisen. Und das ziemlich erfolgreich, Concur hat weltweit mittlerweile 23.000 Kunden, rund 25 Millionen Anwender nutzen die Lösung um Geschäftsreisen zu planen und abzurechnen. Und Concur wächst mit hoher Geschwindigkeit, fast 30 Prozent Plus im letzten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal. Alleine diese Eckdaten machen Concur zu einem lohnenden Übernahmeziel. Allerdings kauft SAP nicht primär Umsätze, sonst wäre der Preis völlig überzogen. Denn selbst wenn wir das geplante Umsatzziel für das Fiskaljahr 2016 zugrunde legen -1 Milliarde Dollar- wäre Concur alles andere als ein Schnäppchen. Hier geht es allerdings um etwas ganz anderes.

SAP ist Getriebener

Nein, SAP kauft hier Zukunft. Nach den Übernahmen von Successfactors und Fieldglass wird nun sehr deutlich wohin SAP will. SAP will nicht weniger als derjenige Anbieter sein, der es Unternehmen ermöglicht ihre komplette Workforce mit Lösungen aus einer Hand managen zu können. Und das alles Cloud-basiert. So entsteht nun endlich ein Bild von der Cloud-Strategie der Walldorfer. Und diese erscheint richtig. Allerdings hat man bei SAP auch gar keine andere Wahl. Zwar spülen die Kernprodukte und die neue HANA-In-Memory-Datenbank noch immer gutes Geld in die Kasse. Langfristig ist es für SAP aber brandgefährlich, wenn man "nur" noch als Lieferant für die langweiligen, komplexen Backend-Systeme angesehen wird. SAP muss also näher an die Kunden und Anwender heran. Aus eigenen Bordmitteln hat SAP das bisher nicht geschafft. Und nun drängt die Zeit, die digitale Transformation schreitet schnell voran. Ein Prozess nach dem anderen wird digitalisiert. Und meistens sind es kleine, agile Unternehmen, die die dafür benötigten (Cloud-)Dienste anbieten. Da bleibt SAP nur noch eine strategische Option - die Flucht nach vorne. Mit den zugekauften HR-Lösungen ist man jetzt jedenfalls auf dem richtigen Kurs unterwegs und kann den Kunden ein breites Lösungsportfolio bieten.

Und mit ein bisschen Glück kann SAP auch seine geplanten Umsatzziele im Bereich Cloud Computing langfristig erreichen. Immerhin wird Concur eine halbe Milliarde zusteuern. Dies geschieht zwar fast ausschließlich durch Zukäufe, aber sei´s drum. Pecunia non olet ("Geld stinkt nicht"), das wusste schon der römische Kaiser Vespasian.

Teuer, aber nicht überteuert

Aber auch abseits der strategischen Perspektive könnte sich der Kauf noch auszahlen, wenn es SAP gelingt das Potenzial zu nutzen. Concur ist lediglich in zehn Ländermärkten aktiv, SAP in 190. Und nur wenige Kunden von Concur sind auch gleichzeitig SAP Kunden. Potenzial für Cross- und Upselling ist also vorhanden, SAP muss es allerdings auch nutzen. Denn allzu oft, wenn Großkonzerne kleine, innovative Anbieter schlucken, passiert all dies nur in sehr geringem Umfang.

SAP muss nun nach und nach mit teuren Übernahmen dafür zahlen, dass man allzu lange geschlafen hat an der Cloud-Front. Da ist es ein Segen, dass das Kerngeschäft noch immer eine Cash-Cow ist. Allerdings sollte man sich in Walldorf nicht zu lange darauf verlassen, mahnende Beispiele gibt es in der Branche genug. Es heißt also das Tempo hoch zu halten, mit weiteren Übernahmen ist zu rechnen. Vielleicht sollte SAP allerdings mal seine Finanzierungsstrategie überdenken. Statt die Übernahmen mit Fremdkapital zu finanzieren sollte der Konzern lieber die Dividende senken. Jeder Euro, der nicht sinnlos an einen Hedge-Fond in Form einer Dividendenausschüttung verpulvert wird, sondern in eine Übernahme fließt, ist besser allokiert. SAP wird das Geld noch brauchen, die wirklich harten Zeiten kommen nämlich erst noch. (bw)