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SAP (I): Auf dem Weg zum ERPortal?

04.05.1999
mySAP.com debütiert in Nizza

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die SAP AG hat auf ihrer Anwenderkonferenz "Sapphire" in Nizza unter dem Namen "mySAP.com" eine weitreichende E-Commerce-Strategie angekündigt (CW Infonet berichtete). Diese besteht aus vier Schlüsselelementen:

SAP-Anwender im Unternehmen sollen künftig an einem mySAP-Employee Workplace arbeiten, einer personalisierten Schnittstelle zur betriebswirtschaftlichen Standardsoftware. Diese individuelle Arbeitsumgebung bietet einen "Single-Sign-On", und ermöglicht laut Hersteller die Erstellung von Dokumenten mit kontextabhängiger Präsentation von Geschäftsdaten und Transaktionen.

Eine weitere Personalisierung der SAP-Arbeitsumgebung soll durch die mySAP.Business Scenarios geschaffen werden. Dabei handelt es sich um "funktionale Untermengen" verschiedener Produkte, die exakt auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld zugeschnitten sind. Eine Reihe solcher spezialisierter Arbeitsumgebungen sind bereits verfügbar, nämlich "Business-to-Business Procurement", "Business-to-Business Selling", "Business-to-Consumer Selling" und "Employee Self Service".

Über das Internet-Portal www.mysap.com wollen die Walldorfer Software, Dienstleistungen, Informationen und Web-Infrastruktur für vertikale Märkte bereitstellen. Unter anderem soll das SAP-Portal Branchenverzeichnisse enthalten, über die Unternehmen Geschäftsbeziehungen aufbauen und abwickeln können.

Die SAP wird auch das Web-Hosting der hauseigenen Anwendungen anbieten. Die nötige Technik stellen die Deutschen Telekom (CW Infonet berichtete) und weitere großen TK-Dienstleister bereit. Damit sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die vor einer Installation der komplexen Pakete im eigenen Hause zurückschrecken, in geeigneten Bereichen (Funktionen wie Buchhaltung, Ressourcenplanung und Logistik) zum Einsatz der ERP-Software (Enterprise Resource Planning) motiviert werden.

"Im Zeitalter des Internet müssen Firmen sich auf unternehmensübergreifende Integration und E-Commerce konzentrieren", erklärte SAP-Vorstand Hasso Plattner. "Mit mySAP.com können Geschäftsprozesse parallel in der Kunden- und Anbieterumgebung ablaufen; Bestellung und Auftrag werden gleichzeitig in beiden Systemen erzeugt. Die einhergehende Beseitigung redundanter Prozesse führt zu einer neuen Ebene der Integration über das Unternehmen hinaus - One-Step-Business".

Für viele Analysten ist mySAP.Com nicht mehr und nicht weniger als eine überhastete Marketing-Strategie, die an den brennenden Anwenderproblemen wie schneller Software-Einführung oder Datum-2000- und auch immer noch Euro-Umstellung vorbeigeht. Zudem wurde von der SAP eher eine generelle Internet-Strategie erwartet, nicht zuletzt, weil die "Pandesic"-Initiative mit Intel bislang wenig erfolgreich war. "Der Erfolgsdruck ist deswegen jetzt noch größer", sagt Henrik Klagges, Analyst bei Strategy Partners in München.

Für Laurent Lachal von Ovum scheinen die Konzepte nicht ausgereift und sehr überhastet: "SAP reagiert damit vor allem auf die Wünsche von US-Anwendern." Alles was "Web-enabled" ist, sei dort derzeit schwer angesagt. Dieser Strömung habe man sich anscheinend nicht verschließen können.

Laut Joshua Greenbaum, Enterprise Application Consultant, sind die vollmundigen Ankündigungen ohnehin frühestens in drei Jahren interessant: "Die Betriebe sind noch einige Zeit mit der Einführung ihrer Backend-Lösungen beschäftigt, bis sie sich um neue Techniken und Geschäftsformen kümmern werden", lautet seine Prognose.