Run Simple

SAP - die verdammt komplizierte Einfachheit

Harald Weiss ist Fachjournalist in New York und Mitglied bei New York Reporters.
SAP hat den Erfolg seines Unternehmens an einziges Produkt gekoppelt: HANA. Damit das nicht im Desaster endet, will man im Markt neue Geschäftsmodelle anstoßen und sich gleichzeitig vom althergebrachten Image einer komplizierten ERP-Software befreien.

Ob aber ausgerechnet die erklärungsintensive Hana-Technologie mit den darauf laufenden komplexen Hadoop-Clustern sowie die ergänzenden Real-Time-Anwendungen SAPs neuen Slogan "Run Simple" unterstützen, muss sich erst noch zeigen.

Ein Rückblick auf die jüngste Sapphire, die am vergangenen Freitag in Orlando zu Ende ging, bestätigt die vorangegangenen Vermutungen: Einfachheit ist eine sehr komplizierte Angelegenheit! Zwar beschwor SAP-CEO Bill McDermott in seiner Keynote, dass man den eingeschlagenen Weg nach Vereinfachung bei den Angeboten und Lösungen konsequent weiter verfolgen will. Doch bei den Diskussionen um SAPs Produkte und Technologien wurde sehr schnell klar, dass vieles davon alles andere als einfach ist.

SAP-Chef Bill McDermott eröffnete die Sapphire US.
SAP-Chef Bill McDermott eröffnete die Sapphire US.
Foto: SAP SE

Das zeigt sich vor allem an der In-Memory-Technologie. Seit fast fünf Jahren versuchen die SAP-Manager und deren Technologie-Berater die Funktionsweisen und Vorzüge von Hana zu erklären. SAPs Aufsichtsratsvorsitzender und Hana-Vater, Hasso Plattner, hat in seinen letzten fünf Keynotes nahezu ausschließlich darüber gesprochen. Auch in der vergangenen Woche ging es ihm vor allem um Hana-Anwendungen, denn über die Technologie wollte er nicht mehr reden. Er meinte, dass diese inzwischen allgemein bekannt sei - und wer es noch immer nicht kapiert habe, der könnte es jetzt nachlesen. Zusammen mit dem SAP-Vorstandsmitglied Bernd Leukert hat er ein Buch darüber geschrieben (The In-Memory Revolution, How SAP Hana Enables Business of The Future, Springer Verlag). Darin benötigen die beiden 275 Seiten, um zu erklären, wie einfach Hana ist.

IoT - Siemens und SAP als Partner

Kompliziert ist auch die in Orlando angekündigte Partnerschaft mit Siemens im Bereich IoT. Danach will Siemens das Hana-System als Backbone für eine Reihe von Cloud-basierten Industrie-Lösungen einsetzen. Dazu gehören einerseits die eigenen Industrie-Lösungen Simatic, Sinumerik, Sinamics, Scalance und PCS7, sowie andererseits Industrie-spezifische Apps, OEM-Apps und Kunden-Apps. Allgemein wurde das so verstanden, dass SAP jetzt eine spezielle Hana-Version für IoT-Lösungen anbieten wird.

Doch dem ist nicht so. Hana eigne sich wegen seiner Performance für immense Online-Daten und die zugehörigen Analysen, und folglich auch für IoT-Lösungen, bestätigte SAPs Industrie-Verantwortlicher Nils Herzberg gegenüber der COMPUTERWOCHE. Das steuerungsrelevante Wissen wie die Technologie zur Anbindung der Industriemaschine komme jedoch komplett von Siemens.

Neue Geschäftsmodelle mit S/4 Hana

SAPs neuestes Produkt ist S/4 Hana, das bereits im Februar angekündigt wurde. Auf der Sapphire ging es jetzt vorwiegend darum, inwieweit sich die neue Technologie in Businessvorteile umsetzen lässt. Dazu gehört auch ein umfangreiches Cloud-Angebot für derzeit sechs Fachbereiche und für den On-Premise-Einsatz gibt es jetzt Lösungen für 25 Branchen - also für alle Bereiche, die SAP schon bislang unterstützt.

S/4 HANA spielte im Rahmen der Sapphire US eine zentrale Rolle, auch wenn einige Plätze an Infoständen zwischenzeitlich leer blieben.
S/4 HANA spielte im Rahmen der Sapphire US eine zentrale Rolle, auch wenn einige Plätze an Infoständen zwischenzeitlich leer blieben.
Foto: Harald Weiss, New York Reporters

Eine Reihe an eindrucksvollen Beispielen bestätigten den ersten Eindruck von S/4: Es ist ein Powersystem, dessen Einsatzspektrum weit über die klassische ERP-Aufgaben hinaus reicht. Zu den beeindruckenden Anwendungsfällen gehört der Hamburger Hafen, der seine Umschlagkapazität deutlich erhöhen konnte, ohne die Hafen-Infrastruktur auszubauen. Hierzu nutzt man Hana, um die gesamte Logistik zu optimieren. Das heißt, alle Schiffe, LKWs, und Züge werden minutengenau gesteuert, sodass die Belegungszeit im engen Hafenbereich auf ein absolutes Minimum abgesenkt werden kann. Eine derart präzise Synchronisation erreicht man, in dem die erforderlichen Wartezeiten nicht mehr am Kai verbracht werden, sondern weit außerhalb der Hafenanlagen. Dort werden die jeweiligen Transportträger erst dann abgerufen, wenn alle an der Umladung Beteiligten eingetroffen sind. IT-technisch erfordert das den integrierten Einsatz von viel Telekommunikation, Echtzeit-Verarbeitung, Big Data und Predictive Analytics. Ein ideales Anwendungsspektrum also für Hana - aber ist es auch einfach?

Kritik an Lieferterminen

Bernd Laukert präsentierte in seiner Keynote die Vertreterin eines weiteren SAP-Kunden. Karenann Terrel ist CIO bei Wal-Mart, dem mit 2,2 Millionen Mitarbeitern und 485 Milliarden Dollar weltweit größten Handelskonzern. "Geschwindigkeit ist heute alles. Wer nicht schnell genug seine Transaktionen verarbeiten kann, wer sie nicht sofort umfassend analysiert und darauf aufbauend fundierte Entscheidungen treffen kann, der ist bald nicht mehr am Markt vertreten", gab sie als Begründung für die Zusammenarbeit mit SAP an. Doch sie war nicht nur des Lobes. "Ich hoffe, dass ich noch lebe, wenn Hana-Lieferung endlich eintrifft", war ihr deutlicher Seitenhieb an die SAP-Vertreter.

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Thomas Jansen

Wenn Rimini Street 230 der eigenen Kunden befragt, spricht es eher für S/4 Hana, wenn unter jenen Unternehmen bereits 14 % ein Upgrade planen und 52 % unentschieden sind. Wer bei der Wartung von SAP zu Rimini-Street gewechselt ist, hat u. a. auf SAP-Updates und Bug fixes verzichtet.

Eine andere Frage ist, ob sich so eine Umfrage verallgemeinern lässt.

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