Mangelnde Internet-Fähigkeit von R/3 kritisiert

SAP: Der weite Weg ins Web

20.08.1999
MÜNCHEN (IDG) - SAP will auf der Hausmesse Sapphire im kommenden Monat die Themen Internet und E-Commerce forciert angehen. Kritiker bezweifeln jedoch, daß es dem ERP-Branchenriesen gelingen wird, mit "Mysap.com" eine Brücke zwischen Client-Server-Architekturen und Web-Computing zu schlagen.

Die Walldorfer geraten in die Klemme. Ihre technisch bislang eher konservativ eingestellte Klientel gerät in den Sog des E-Commerce, für den SAP derzeit noch keine ausgereiften Tools zur Verfügung stellen kann. Um ein Jahr hinke SAP beim Web-Business dem schärfsten US-Konkurrenten Oracle hinterher, vermutet David Dobrin, Analyst bei Benchmarking Partners in Cambridge, Massachusetts.

Das Problem sei die Zweigleisigkeit, mit der SAP-Chef Hasso Plattner derzeit zu kämpfen hat: Auf der einen Seite kündigt er mit Version 4.6 von R/3 die Portaltechnik Mysap.com für neue Geschäftsmodelle an, andererseits verpflichtet er das Unternehmen zur Weiterentwicklung klassischer Client-Server-Applikationen innerhalb der Standardsoftware. Plattner sieht das natürlich anders und argumentiert: Sollte sich der Markt komplett auf das Internet einschwören, was in den kommenden 18 Monaten durchaus passieren könnte, dann werde Mysap.com die Marktführerschaft von R/3 fortführen.

Kritiker bezweifeln jedoch, daß SAP beide Strategien problemlos unter einen Hut bekommt. Die Walldorfer hätten ein berechtigtes Interesse daran, ihren Goldesel R/3 noch lange am Leben zu halten, gibt Szenekennerin Vani Kola von Rightworks zu bedenken. Das Schlimmste, was dem Branchenprimus jetzt passieren könne, wäre zuzugeben: Client-Server ist tot, lang lebe das Internet!

Dabei wird durchaus in Rechnung gestellt, daß sich SAP be- reits seit 1996 auf das Web vorbereitet. Damals habe sich jedoch kaum ein R/3-Anwender für die neue Technik interessiert, verteidigt SAP-Marketier Günther Tolkmit. Die E-Commerce-Welle baue sich nun auf, und es sei beachtlich, wie schnell sich ein großes Schiff wie SAP binnen so kurzer Zeit auf einen neuen Kurs bringen lasse.

Tatsächlich scheint die Nachfrage vieler R/3-Kunden nach Internet-Funktionen bislang nicht sonderlich groß gewesen zu sein. So erklärt einer der größten amerikanischen R/3-Anwender, der Colgate-Palmolive-Konzern, daß E-Commerce bis jetzt nicht an oberster Stelle der To-do-Liste gestanden habe. Man sei mit der ERP-Implementierung voll ausgelastet gewesen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen unter den US-Anwendern. Thomas Yates etwa, der R/3 bei Compaq eingeführt hat und die ERP-Applikationen auf Compaq-Hardware bei Kunden installiert, beurteilt die Web-Initiativen der Walldorfer mit gemischten Gefühlen: von der Architektur her wirke das System komplett, dennoch erscheine es ihm sehr aufwendig, R/3 und das Web zu integrieren.