Disney springt ab

Salesforce-Chef Benioff relativiert Interesse an Twitter

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Wer kauft Twitter? Salesforce-Chef Mark Benioff signalisierte in einem Interview, dass ihn die negativen Börsenreaktionen irritierten. Und der Disney-Konzern hat offenbar kein Interesse mehr.
Marc Benioff, Mitgründer und CEO von Salesforce.com, soll Interesse an einer Übernahme von Twitter haben. Doch er wäre nicht der einzige.
Marc Benioff, Mitgründer und CEO von Salesforce.com, soll Interesse an einer Übernahme von Twitter haben. Doch er wäre nicht der einzige.
Foto: Salesforce

Marc Benioff, CEO von Salesforce, hat das Interesse seines Unternehmens an einer Twitter-Übernahme relativiert. In einem Interview mit "CNBC" sagte er nach einer ungünstigen Kursentwicklung der Salesforce-Aktie: "Es liegt in unserem Interesse, alles im Bick zu haben (...). Aber wir müssen auch verstehen, was für unsere Aktionäre akzeptabel ist und was nicht. Blickt man zurück auf meine Erfolgsgeschichte als CEO, dann erkennt man, dass ich eine Vielzahl von Gelegenheiten geprüft , aber die meisten ungenutzt gelassen habe." Zuvor hatte das "Wall Street Journal" (WSJ) anonyme Quellen zitiert, denen zufolge Benioff Szenarien für eine Twitter-Übernahme entworfen und das Unternehmen als einen "Rohdiamanten" bezeichnet habe.

Benioff sagte, mit seinen Übernahmen habe er bislang ein glückliches Händchen bewiesen. Firmen wie Krux, Quip und Demandware seien in Zeiten übernommen worden, in denen Salesforce eigentlich gar nicht zukaufen wollte. "Unsere Entscheidungen waren immer sehr sehr gut für unser Unternehmen", so Benioff, die Aktie sei bei den allermeisten Deals deutlich angesprungen. Mit Twitter könnte das allerdings anders werden. Abhey Lamba, Analyst bei Mizuho, mutmaßt in einer Research Note, ein Twitter-Kauf könnte Salesforce an der Börse Einbußen von zwölf bis 17 Milliarden Dollar bescheren. Es würde Jahre brauchen, bis sich der Konzern davon erholen würde.

Willkommener Datenschatz

Twitter mag wirtschaftlich nicht besonders erfolgreich sein, doch das Social Web mit seinen rund 313 Millionen monatlichen Nutzern verfügt über einen Datenschatz, auf den es offenbar einige Unternehmen abgesehen haben. Neben Salesforce werden auch Google, Microsoft und Verizon, das gerade erst Yahoo übernommen hat, als Interessenten gehandelt. Mit Disney war ein weiterer Großkonzern im Gespräch, doch das Unternehmen hat sich laut "recode" entschieden, nun doch nicht in den Ring zu steigen.

Twitter ist deshalb so interessant, weil der Dienst einen wichtigen Kommunikationskanal zwischen Anbietern und Kunden darstellen kann. Konsumenten nutzen Kanäle wie Twitter und Facebook, um zu Unternehmen Kontakt aufzunehmen oder sich über deren Produkte und Services auszulassen. Der CRM-Spezialist Salesforce ist von jeher auf die Kundenschnittstelle spezialisiert, zudem unterhält er schon seit ein paar Jahren eine Partnerschaft mit Twitter.

Gespräche in frühem Stadium

Salesforce könne sich mit einer Übernahme allerdings allerlei Schwierigkeiten einhandeln. Anders als Facebook hat Twitter bis heute nicht den breiten Mainstream erreicht. Außerdem ist es dem Social Network in der Vergangenheit nicht immer gelungen, Accounts mit potenziell beleidigenden, kriminellen oder gar terroristischen Absichten vollständig auszusperren.

Andererseits könnte Twitter eine "Goldmine für Customer Insights" sein, wie es Forrerster-Research-Analyst Brandon Purcell ausdrückt. Der SaaS-Pionier verfüge zwar bereits über einen beträchtlichen Datenschatz, doch der Zugang zu Twitter würde es dem Unternehmen erlauben, intensiver auf externe Datenquellen zuzugreifen.

Salesforce investiert in Künstliche Intelligenz

Mark Benioff, CEO von Salesforce, hatte angekündigt, verstärkt in Künstliche Intelligenz (KI) investieren zu wollen, um dem erklärten Ziel, jährlich über zehn Milliarden Dollar umzusetzen, näherzukommen. In den vergangenen drei Jahren kaufte Benioff allein in diesem Segment für rund 700 Millionen Dollar Firmen zu. Einige davon entwickeln Produkte für Mustererkennung, Machine Learning und Entscheidungsunterstützung. Wie das WSJ feststellt, lohnen sich solche Investitionen erst dann, wenn diese Tools im großen Stil Massendaten verarbeiten können - Big Data, wie sie Twitter liefern könnte. KI-Tools ließen sich auf solche Daten-Sets trainieren und könnten Entscheidungen mit höherer Treffgenauigkeit fällen, je mehr Datensätze zugrunde liegen. Erst vor wenigen Wochen hat Salesforce mit "Einstein" ein KI-Tool aus der Taufe gehoben, mit dem sich unter anderem Tweets analysieren lassen. Salesforce zeigte dabei am Beispiel Fußball, wie einfach und intelligent Marketing-Verantwortliche auf Twitter Fans identifizieren können, ohne dass Keywords wie "Fußball", "Ball" oder verwandte Begriffe eingegeben werden müssen.

Benioff gilt als Hasardeur unter den Softwareunternehmern. Seit 2011 hat er mehr als 70 Firmen übernommen, darunter viele kleine Startups, aber zunehmend auch dickere Fische, zuletzt den E-Commerce-Spezialisten Demandware, für den er 2,8 Milliarden Dollar auf den Tisch legte. Auch an LinkedIn soll Salesforce interessiert gewesen sein, doch die 26,2 Milliarden Dollar, die Microsoft zu zahlen bereit war, haben wohl die Grenzen des CRM-Marktführers gesprengt. (hv)