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Rückblick: Das IT-Jahr 2000 (1)

27.12.2000
Zwischen den Jahren wirft Computerwoche online wie versprochen einen ausführlichen Rückblick auf das IT-Jahr 2000. Heute geht es los mit Januar und Februar.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zwischen den Jahren wirft Computerwoche online wie versprochen einen ausführlichen Rückblick auf das IT-Jahr 2000. Heute geht es los mit Januar und Februar.

JANUAR

Gibt es eine Jahr-2000-Katastrophe? Diese bange Frage stellten sich weltweit nicht nur IT-Spezialisten in Bezug auf die Umstellung der Datumsangaben in Computersystemen. Kaum ein Unternehmen, in dem die DV-Abteilung nicht vorsichtshalber eine Silvester-Nachtschicht einlegen musste. Erleichtert wurde fast überall auf der Welt Entwarnung gegeben. Hatten also die Jahr-2000-Apokalyptiker falschen Alarm gegeben oder standen gar in Diensten von Tool-Anbietern? Nein. Denn tatsächlich kam der ein oder andere Satellit ins Trudeln, in japanischen Atomkraftwerken zeigten einige Geräte Unsinn an. Auch stellte sich im Laufe des Jahres heraus, dass so mancher Unternehmenssprecher mit seiner offiziellen Entwarnung ein wenig geflunkert hatte. So soll es durchaus Fertigungsstätten gegeben haben, bei denen mangels funktionierender Logistik-Software die Produktion ein paar Tage still stand. Fazit: Die Datumsbombe hat tatsächlich getickt, wurde aber noch rechtzeitig entschärft.

1. JANUAR 2000 IM RZ

"Es wird uns fast schon langweilig."

Gisela Hawickhorst, Commerzbank

"Nicht mal die Lampen haben geflackert."

Sprecher des AKW Neckarwestheim

Mit Verzögerung wurde in der COMPUTERWOCHE-Redaktion ein gewagtes Projekt gestartet. Seit dem 1. Januar gilt auch hier die inzwischen wieder ins Gerede gekommene neue deutsche Rechtschreibung. Anders als bei Literaten, Schullehrern, Universitätsprofessoren und einigen Mitarbeitern der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat sie hier jedoch niemandem den Schlaf geraubt. Nur der Textchef musste ein paar Überstunden machen.

Im Weihnachtsgeschäft wollten Internet-Anbieter die Stabilität des Booms im Business-to-Consumer-Geschäft unter Beweis stellen. Doch hierzulande blieben die Bestellungen deutlich hinter den Erwartungen zurück. In den USA dagegen brachten die vielen Anfragen die Backend-Systeme der Webshops ins Wanken. Viele Kunden erhielten ihre Geschenke nicht rechtzeitig zum Fest. Um die wütenden Kunden zu besänftigen, schickte ihnen beispielsweise der Spielzeugverkäufer Toys´R´Us Einkaufsgutscheine im Wert von 100 Dollar.

Web-Hoster Strato erklärt die Ende 1999 durch Überlastung verursachte Pannenserie für beendet - allerdings voreilig. Nach wie vor klagen die Anwender über Schwierigkeiten.

Die dunklen Wolken über dem Standardsoftware-Anbieter Brain wollen sich nicht verziehen. Das 1998 aus Rembold + Holzer und BIW hervorgegangene Unternehmen ist seither mehr mit sich selbst als mit seinen Produkten und Kunden beschäftigt. Ende 1999 versprach das bis dato auf AS/400-Anwender spezialisierte Unternehmen Besserung und organisatorische Konsequenzen. Nun startet die Company ohne den Mitbegründer Helmut Polzer in das neue Jahrtausend, holt sich Orientierungshilfe bei externen Beratern und hofft auf steigende Kurse am Neuen Markt.

Noch düsterer sehen die Perspektiven für Baan aus. Dort tritt die Vorstandschefin Mary Coleman zurück, nachdem sie das sechste negative Quartal in Folge melden muss. Kurz darauf nimmt auch Finanzchef James Mooney den Hut. Der operative Verlust von 40 bis 50 Millionen Dollar addiert sich durch Sonderbelastungen auf ein Minus von 250 Millionen Dollar. Der Kurs stürzte um 50 Prozent.

Konterkariert werden die düsteren Meldungen aus dem Lager der Standardsoftware-Anbieter von der Marktforschungsgesellschaft Pierre Audoin Conseil (PAC). Dort glaubt man die von den Anbietern immer wieder gebetsmühlenhaft vorgetragene Argumente, wonach vor allem mittelständische Unternehmen ihre Einkaufspläne wegen der dringlicheren Projekte für die Datumsumstellungen lediglich kurzfristig zurückgestellt haben. Tatsächlich steht den klassischen Anbietern noch eine lange Durststrecke bevor. Viele Unternehmen haben nämlich gerade wegen des Jahr-2000-Problems ihre Investitionen in Standardsoftware eher vorgezogen. Für das neue Jahr stehen dagegen Projekte für ERP-Ergänzungen wie Customer Relationship Management (CRM) oder Supply Chain Management (SCM) an.

Die SAP legt derweilen hervorragende Quartalszahlen vor. Ende 1999 stieg der Lizenzumsatz auf 1,56 Millionen Mark um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Als Zugpferd nennen die Walldorfer Mysap.com, die um Internet-Features erweiterte und umbenannte Version von R/3.

Auch für dieses Jahr sind von Bankenseite keine anwenderfreundlichen und sicheren Standards für Internet-Zahlungssystem zu erwarten. Dennoch gerät Bewegung in die Szene. Als erstes Kreditinstitut kehrt die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) die Beweislast beim Online-Banking zugunsten ihrer Kunden um. Grundsätzlich tragen nämlich für misslungene Bankgeschäften vom PC aus die Kunden das volle Risiko.

Die Ankläger im Monopolprozess gegen Microsoft haben sich darauf verständigt, die Zerschlagung des Software-Konzerns zu fordern. Die Antwort des Redmonder Imperiums: "Wir sind kein Monopolist, und auch die Integration des Internet Explorers verstößt gegen kein Gesetz."

Nur einen Tag später zieht sich Bill Gates aus der Geschäftsführung von Microsoft zurückt. Den Posten als CEO übernimmt die bisherige Nummer zwei Steve Ballmer. Offiziell möchte sich Gates künftig als Chief Software Architect mehr um die Entwicklung neuer Produkte kümmern. Aus der Gerüchteküche ist jedoch zu hören, dass der Microsoft-Gründer aus der Schusslinie der Staatsanwaltschaft genommen werden soll. Dazu passt, dass Gates künftig nur noch zu Technologiethemen Stellung nehmen will.

AOL will Time Warner übernehmen. Dieser Merger ist mit eine nicht nur der teuerste der Wirtschaftsgeschichte, sondern zudem auch eine New-Economy-Premiere: Erstmals kauft nicht ein großer Old-Economy-Konzern einen kleinen Internet-Startup, sondern umgekehrt ein vom Umsatz her vergleichsweise kleines Unternehmen einen der größten Medienkonzerne der Welt. "Die Barbaren sitzen längst im Wohnzimmer“, kommentiert Gary Hamel, Wirtschaftsprofessor an der Harvard Business School, die sich hier beispielhaft anbahnende Verschmelzung von alter und neuer Wirtschaft. Möglich wird die Übernahme durch die extrem hohe Börsenbewertung von Dotcoms gegenüber klassischen Unternehmen. So beträgt der Marktwert von AOL vor der Übernahme 164 Milliarden Dollar, der von Time Warner liegt mit 83 Milliarden Dollar nur bei etwa der Hälfte.

Dennoch wird der Deal als Merger unter Gleichen gesehen. Der Medienkonzern erhält durch den Deal endlich ein überzeugendes Online-Konzept, während sich AOL eine nahezu unerschöpfliche Content-Quelle erschließt. Probleme hat der Deal aber für den deutschen AOL-Partner Bertelsmann, der nun plötzlich mit einem direkten Konkurrenten in einem Boot sitzt. Schon bald wird Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff seine Position im AOL-Aufsichtsrat räumen und damit den sukzessiven Rückzug aus der AOL-Partnerschaft einleiten.

Die Europäische Union verabschiedet die Richtlinie zur digitalen Signatur. Die Umsetzung in nationales Gesetz erfolgt in den kommenden 18 Monaten. Auch das in Deutschland bereits gültige Signaturgesetz bedarf noch einer Anpassung sowie der Verankerung in anderen davon betroffenen Gesetzen. Außerdem verhandelt die EU-Kommission mit den USA über den Schutz personenbezogener Daten von Europäern in den Staaten. Die US-Regierung setzt unter dem Schlagwort "Safe Harbor" auf eine Selbstverpflichtung der Industrie, die der EU allerdings nicht weit genug geht. Die Verhandlungsposition der Kommission wird allerdings dadurch geschwächt, dass auch einige EU-Mitglieder die Datenschutzregeln noch nicht umgesetzt haben.

Konkurrenz für Intel: Nach mehrjähriger Geheimniskrämerei stellt Transmeta seine "Crusoe"-CPU vor. Durch Auslagerung einiger Funktionen auf Software soll der Stromverbrauch drastisch gesenkt worden sein. Das ist insbesondere für den anlaufenden Boom für mobile Geräte von Bedeutung. "Die Prozessorindustrie hat ein Problem - wir haben die Lösung", lobt sich CEO David Ditzel. Doch leider stellen sich die Messergebnisse später als nicht ganz so sensationell heraus.

FEBRUAR

Der britisch-amerikanische Mobilfunk-Konzern Vodafone knackt die Deutschland AG: Nach einer monatelangen erbitterten Abwehrschlacht gibt Mannesmann-Chef Klaus Esser am 4. Februar den Widerstand gegen die Übernahme durch Vodafone Airtouch auf. Mehr als 49,5 Prozent der Anteile an der neuen Gruppe konnte der Manager für die Aktionäre nicht herausholen. Die erste feindliche Übernahme aus dem Ausland signalisiert, dass in Deutschland künftig die Hausbanken ihre Macht mit internationalen Anlegern teilen müssen. Mit einem Wert von rund 400 Milliarden Mark bricht der Deal zudem den eben erst von AOL und Time Warner aufgestellten Weltrekord. Außerdem wird hier augenfällig welche Bedeutung die Wirtschaft dem Mobilfunkmarkt beimisst. Denn an den berühmten nahtlosen Röhren von Mannesmann ist Vodafone-Boss Chris Gent ebenso wenig interessiert wie an dessen Automobilkomponenten.

Denial of Service (DoS): Systeme per Internet durch Überlastung zum Stillstand zu bringen, schien Anfang des Monats ein Sport für Hacker zu werden. Die Opfer können zwar das Risiko minimieren, ein Patentrezept gegen derartige Angriffe gibt es jedoch nicht.

DoS-CHRONOLOGIE:

Montag 7. Februar:

Yahoo Deutschland muss nach drei ab-gewiesen Attacken kurzfristig vom Netz.

Buy.com geht fällt drei Stunden lang aus.

Dienstag 8. Februar:

Ebay.com zirka 90 Minuten Ausfall

Amazon.com eine Stunde

CNN.com zwei Stunden

Mittwoch 9. Februar:

Etrade.com 90 Minuten

Datek.com 30 Minuten

Zdnet drei Stunden

Gesucht: Der E-Commerce-Profi. Zehntausende freie Stellen versprechen eine goldene Zukunft. Das Problem für die verwirrten Bewerber ist aber, dass niemand so recht weiß, was ein E-Commerce-Profi ist. Seine Aufgaben sind von Fall zu Fall verschieden, so die lapidare Antwort der Spezialisten suchenden Dotcom-Chefs. Fachleute sind inzwischen mit Geld allein nicht mehr zu locken. Sozialleistungen, geregelte Arbeitszeiten und eine angenehme Arbeitsumgebung sind wichtiger.

Die Automobilbranche fährt vor - online. Insbesondere die Konzerne Ford und General Motors (GM) liefern sich einen Wettlauf, einerseits bei der Schaffung von virtuellen Marktplätzen zur Einbindung von Lieferanten und andererseits beim Einbau von Webfunktionen ins Auto. Ford schenkt darüber hinaus weltweit allen Mitarbeitern einen Internet-fähigen PC für zu Hause. Doch wie innovativ sind insbesondere die Marktplätze? Geschieht hier tatsächlich mehr als die Zulieferkette von EDI-Technik auf das IP-Protokoll umzustellen?

Linux wird im Rahmen des "Trillian"-Projekts auf die IA-64-Architektur von Intel portiert. Die Open-Source-Gemeinde hofft, damit Windows NT Konkurrenz machen zu können. Microsofts Vice-President Jim Allchin diffamiert das Freeware-Unix daraufhin als "Betriebssystem für Heimwerker".

Tatsächlich weicht die Linux-Euphorie langsam einer kritischen Diskussion. Außerhalb der Bastlergememeinde konnte sich das Betriebssystem bislang fast nur als Web-Server etablieren. Selbst Linux-Vater Linus Torvalds spricht daher von einer "gezielten Fragmentierung" der Implementierungen um neue Einsatzgebiete zu finden.

PC-Software-Spezialist Corel und der Tool-Anbieter Inprise wollen zu einer Linux-Company verschmelzen. Helfen soll dabei das Aufsehen erregende, inzwischen aber vergessene Linux von Corel. Die finanzielle Situation von Corel lässt bei Inprise jedoch rasch Zweifel aufkommen.

Windows 2000 ist da. Nach über einem Jahr intensiver Diskussion um die Positionierung und die verschiedensten Features insbesondere den Active Directory Services (ADS) ist nicht mehr klar, ob die Anwender die Freigabe sehnlich erwartet oder befürchtet haben. Die Analysten von Gartner haben auf alle Fälle schon im Vorfeld vor der Verwendung von ADS gewarnt. Das Tool sei nicht ausgereift, zu Windows-spezifisch und überaus kompliziert. Außerdem sei auch der Umstieg von Windows NT nicht gerade trivial. Auch die Ankündigung eines ersten Bug-Fixes schon vor der Freigabe von Windows 2000 klingt nicht gerade beruhigend. Dennoch macht sich Konkurrent Novell angesichts der bisherigen Erfahrungen mit der Marktmacht Microsofts Sorgen und warnt potenzielle Umsteiger vor einem Sicherheitsloch, dass man in ADS gefunden haben will.

Direkt gegen das neue Microsoft-Betriebssystem richtet sich die kostenlose Version von Suns Solaris 8 (für Rechner bis acht CPUs), das allerdings nicht rechtzeitig fertig wurde, um - wie geplant - gleichzeitig mit Windows 2000 freigegeben werden zu können.

Gegenwind für Windows 2000 kommt aber auch von unerwarteter Seite. Die EU-Kommission will prüfen ob die neue Software unzulässigerweise dafür konzipiert ist, die Betriebssystem-Vormacht im PC-Bereich auf Server auszudehnen.

AOL landet einen kurzfristigen Werbecoup mit der Meldung, die Einführung einer Flatrate für den Internet-Zugang würde mittelfristig 400.000 Arbeitsplätze schaffen.

Sun streitet mit Intel, und Fujitsu Siemens muss die Zeche zahlen. Offensichtlich will Scott McNealy nichts mehr von seinem Versprechen wissen, das hauseigene Unix-Betriebssystem Solaris auf Intels IA-64-Architektur zu portieren. Intel fährt daher seine Bemühungen auf das vertraglich Unvermeidliche zurück. Leidtragender ist vor allem Fujitsu-Siemens. Das Unternehmen hatte sich 1999 für Solaris auf IA-64 festgelegt. Nun muss die Strategie geändert werden.

Null Bock auf Dotcoms haben die meisten der 2000 Informatikstudenten, die vom Nürnberger Tendence-Institut nach ihrem Wunscharbeitgeber befragt wurden. Sie setzen auf Sicherheit und bewerben sich daher lieber bei Siemens, IBM und Sun Microsystems.

Die CeBIT, diesmal wegen der Expo schon im Februar, glänzte wie immer mit vielen neuen Produkten (Windows 2000), ließ aber große Neuigkeiten vermissen. In waren vor allem mobile Endgeräte für das Internet. Ansonsten fungierte die Messe als Jobbörse. Das Resümee des Karrierezentrums der COMPUTERWOCHE: Mit Aktienoptionen macht auch Arbeiten ohne Ende Spaß.