RSS als Wunderwaffe gegen die Informationsflut?

Wolfgang Sommergut ist Betreiber der Online-Publikation WindowsPro.
Bei "Rich Site Summary" (RSS) handelt es sich eigentlich nur um ein einfaches XML-Dokumentenformat. Es war ursprünglich für die Verbreitung von Schlagzeilen gedacht, findet nun aber immer neue Anwendungsgebiete. RSS-Tools könnten daher bald zu Informationsschaltstellen werden, denn im Gegensatz zu E-Mail leiden RSS-Feeds nicht unter Spam.

Als XML in der zweiten Hälfte der 90er Jahre seinen Siegeszug antrat, erwarteten viele Anhänger dieser Technik, dass sie früher oder später HTML verdrängen würde. Dahinter stand der Wunsch nach intelligenten Websites, welche die Bedeutung von Inhalten durch entsprechende Kennzeichnungen (Markups) ausweisen. HTML dient fast ausschließlich der Darstellung von Web-Seiten und gibt kaum Aufschluss über deren Inhalte.

Die Vision eines XML-Web war verbunden mit der Aussicht auf neuartige Anwendungen. So sollten Suchmaschinen mehr bieten können als bloß Volltextrecherche. Programme sollten gezielt Daten aus Web-Seiten extrahieren können. Anstatt etwa Wetter- oder Börsendaten aus dem Dickicht von HTML-Tabellen zu filtern, ließen sich derartige Informationen direkt abrufen.

Bis dato freilich gibt es keine Anzeichen dafür, dass HTML gegenüber XML an Bedeutung verliert. Es bleibt das dominierende Darstellungsformat des Web, auch wenn alle modernen Browser XML-Dokumente mit Hilfe von Cascading Stylesheets (CSS) gefällig präsentieren können. Konkurrenz kommt für bestimmte Anwendungen eher von proprietären Technologien wie "Flash" oder "PDF".

Einfache Struktur

Dennoch bleibt der Wunsch, Web-Inhalte in Form konsistenter Daten maschinell zu verarbeiten und sie nicht erst von Layoutinformationen befreien zu müssen. Diesem Bedürfnis begegneten relativ bald Web-Services, die mit Soap ein Protokoll auf Basis von HTTP und XML definieren. Allerdings folgen Web-Services stark dem Muster entfernter Prozeduraufrufe (RPCs), die sich für Enterprise Application Integration (EAI) eignen.

Web-Services definieren zudem primär Programmierschnittstellen, indem sie Parameter und Datentypen für Methodenaufrufe beschreiben. Sie legen sich aber nicht auf irgendwelche Standardformate für die Nutzlast der übertragenen Daten fest. Solche existieren für viele Geschäftsdokumente wie Bestellungen, Rechnungen oder Warenkataloge. Ihre Definition obliegt typischerweise Branchenverbänden oder Standardisierungsgremien. Beispiele dafür sind Rosetta.net, cXML oder BMECat. Ihre Nutzung ist auf klar definierte Aufgaben bei der automatischen Abwicklung von Geschäftsprozessen eingeschränkt.

Auch RSS fällt in die Kategorie der (zwar nicht offiziell) standardisierten Dokumentformate. Aber im Gegensatz zu den genannten Beispielen fällt seine Struktur ziemlich einfach aus und wurde sehr allgemein gehalten. Meist werden RSS-Daten nicht über Soap versandt, sondern direkt über HTTP. Dieses Verfahren firmiert unter der Bezeichnung Representational State Transfer (REST).

Der Einsatz von RSS beschränkte sich ursprünglich auf den Austausch von Web-Inhalten. Netscape versuchte Site-Betreiber davon zu überzeugen, Schlagzeilen ihrer Web-Seiten auf diese Weise bereitzustellen, damit sie in das Portal My Netscape eingebunden werden können. Die Nutzung aller RSS-Varianten konzentriert sich bis dato auf derartige Headline-Services. Dabei transportieren sie nicht das gesamte Dokument, sondern nur einige beschreibende Informationen und verweisen ansonsten auf die HTML-Version der Site des Anbieters.

RSS-Dateien dienen aber nicht mehr nur als Input für einige große Internet-Portale, sondern werden von interessierten Anwendern direkt abgerufen. Dazu benötigen sie entsprechende Client-Software, so genannte RSS-Reader. Das Angebot (www.google.de/ search?q=RSS-Reader) an solchen Programmen ist mittlerweile unüberschaubar, die meisten davon sind frei erhältlich.

Anwender bestimmt die Quellen

Ihren Wert entfalten diese Frontends dadurch, dass sie Daten im RSS-Format aus verschiedenen Quellen ("RSS-Feeds") unter einer Oberfläche zusammenführen. Sie dienen als Aggregatoren für eine Vielzahl an Informationen, die sich dort schnell überschauen oder durchsuchen lassen. Der Anwender bestimmt selbst die Herkunft der Informationen, mit denen er seinen Reader füttert. Im Gegensatz zu E-Mail werden so unerwünschte Inhalte ungeklärten Ursprungs vermieden.

Die enorme Zunahme von Spam-Mails lässt Marketing-Experten darüber nachdenken, ob RSS-Feeds die bessere Alternative zu Newslettern sein können. Es liegt auf der Hand, dass der Nutzen von RSS mit der Zahl verfügbarer Quellen steigt. Lange Zeit hatte RSS nur geringe Bedeutung und wurde erst durch die stark steigende Zahl an Weblogs populär. Deren Betreiber ("Blogger") produzieren meist nur wenige eigene Inhalte und konzentrieren sich darauf, auf Beiträge anderer Publikationen hinzuweisen.

Zu diesem Zweck müssen sie sich in kurzer Zeit einen Überblick über zahlreiche Nachrichten aus vielen Quellen verschaffen. RSS-Reader gehören daher schon länger zur Standardausrüstung von Bloggern. Bei Weblogs zählen RSS-Feeds zu den Basisfunktionen. Herkömmliche Publikationen hingegen zögerten lange, bis sie ihre Schlagzeilen über RSS veröffentlichten.

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